Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kulturphänomene

Urlaub (Arbeit)

Die Vorstellung, dass der Mensch ein paar Wochen des Jahres nicht arbeiten muss und diese Pause zur Rekonvaleszenz seiner Arbeitskraft braucht und verdient ist eine Erfindung der Neuzeit, die mit dem massenweisen Aufkommen der Arbeiter und Angestellten in Erscheinung tritt, ein Ergebnis gewerkschaftlicher Kämpfe.

12.09.2012
  • Peter Ertle

Oder ein Zugeständnis im Gegenzug einer Treue-Verpflichtung: Die ersten, die einen längeren Jahresurlaub gewährt bekamen, waren: Beamte. Im Mittelalter musste man schon seinen Dienstherrn um Erlaubnis für ein paar freie Tage ersuchen. Das mittelhochdeutsche Wort für Urlaub lautet: urloup.

Dem Urlaub korrespondiert die genauso neue und mindestens so zwanghafte Vorstellung, dass der Mensch im Normalfall von früh bis spät arbeiten muss, um moralisch gerechtfertigt und finanziell abgesichert leben zu können. Tatsächlich waren in der Geschichte der Menschheit das individuelle Maß der Arbeit, ihre Umstände und ihr Ertrag immer schon höchst unterschiedlich, je nach Zeit, Gesellschaft und Rang der jeweiligen Person.

Dass Arbeit eine unschöne Anstrengung ist, dürfte allerdings eine nicht untypische Variante sein: Der vom indogermanischen Wort „orbhos“ abgeleitete Begriff bedeutete bis ins Niederhochdeutsche hinein so viel wie „Mühsal“, „Plage“. Auch die Bibel berichtet, dass der Mensch die Arbeit im Schweiße seines Angesichts verrichten muss. Von Urlaub berichtet sie nichts.

Erst Luther hat die Bedeutung positiv gewendet, moralisch aufgeladen. Die so entstandene vita activa in Form nimmermüder Arbeit ist ein tief mit religiösen Vorstellungen verbundener Akt der Psychohygiene. Anders gesagt: Unsere Kultur entwickelte auf der Suche nach der für sie geeigneten Droge eine Präferenz für die Droge Arbeit.

Schon Luther wusste: „Unser Leben währet siebzig Jahre / wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, / und wenn’s köstlich gewesen ist, / so ist’s Mühe und Arbeit gewesen, / denn es fahret schnell dahin, / als flögen wir davon.“

Aus solchen Haltungen entwickelte später Max Weber die plausible Idee, der Kapitalismus sei aus dem Geiste des Protestantismus entstanden.

Als Droge betrachtet ist Arbeit vermutlich nicht die schlechteste Wahl. Abhängig wird man zwar auch, vom Lohn, vom Arbeitgeber, vom Markt. Auch weist Arbeit die Geschichte hindurch eine deutliche Affinität zur Versklavung auf, Menschen versklaven andere Menschen, Menschen versklaven sich selbst.

Zwar ist jedes Geschäft wie auch das globale Wirtschaftssystem tendenziell ein Junkie der Gewinnmaximierung und des Verdrängungswettbewerbs. Doch während Müßiggang aller Laster Anfang ist und so wie besonders belastende Arbeit krank macht, kann gute, gelingende, im Optimalfall selbstbestimmte Arbeit gesund machen und bereichern, ideell und finanziell, einen selbst und andere.

Arbeit ist bis heute die Grundlage für jede hoch entwickelte Kultur. Wo sie früher ein „rechtschaffen“ gottgefälliges Leben garantierte, soll sie heute weltliche Sinnerfüllung, Selbstverwirklichung und Identitätsstiftung leisten. Die Nationalsozialisten pervertierten diesen Sachverhalt im Slogan „Arbeit macht frei“ auf ungeheuerliche Weise, indem sie ihn ausgerechnet übers Eingangsportal ihrer Konzentrationslager meißelten.

Die beiden häufigsten Fragen, die einen nach dem Sommerurlaub empfangen lauten: A) „Gut erholt?“ B) „Warst du weg?“ oder gleich: „Wo warst du?“ Daran ist abzulesen, dass der Urlaub, einst erfunden zum Zweck der Erholung, längst zum Synonym für Verreisen geworden ist.

Am liebsten unter den Europäern reisen: Die Deutschen. Die längst auch nicht mehr nur leben, um zu arbeiten. Auch wenn es vielleicht nie so weit kommen wird, dass sie nur arbeiten, um zu leben. Auf die Frage „Arbeitest du noch oder lebst du schon?“ haben sie im Sommer die schöne Möglichkeit, ausweichend zu antworten: „Also im Moment mache ich gerade Urlaub.“

Beim Reisen hat heute das Erlebnis der Erholung eindeutig den Rang abgelaufen. So sehr, dass viele Leute völlig geschafft vom vielen Schnorcheln, Wildwasser-Rafting, Bergwandern, Bungeespringen, Kampfschweigen im Kloster, dem Streit mit der Reisegesellschaft wegen des Schimmels im Zimmer und der Bahnlinie davor oder völlig ausgelaugt und mit vor Sonne behämmerten Hirnen vom wochenlangen Nichtstun an fernen Stränden nachhause kommen, ganz zu schweigen von den damit verbundenen, langen Thromboseflügen oder Autofahrten zum Urlaubsziel und wieder zurück.

Unter den Urlaubsreisenden gibt es viele Gegensatzpärchen. Pauschalreisende und Inidividualreisende. Bildungsreisende und Ballermänner. Campingliebhaber und solche, die Ferienwohnungen oder Hotels vorziehen. Es gibt solche, die jedes Mal woanders hinfahren und solche, die über Jahre hinweg das gleiche Ziel anvisieren, also noch im Ungewohnten das Gewohnte suchen. Sie wollen eigentlich keine Veränderung, sondern eine schönere Stetigkeit als den Alltag, wenn auch nur für kurz – dafür aber rituell. Vielleicht besitzen sie die Gabe, an einem Ort alles zu finden, wohingegen die anderen an allen Orten das eine suchen. Aber was?

„Warst du weg?“ Wer nicht weg war, muss schon mit „Auf Balkonien“ antworten, um mit diesem matten Kalauer das Daheimbleiben zu rechtfertigen. Und wer auch keinen Balkon hat? Wer jetzt nicht Eltern hat, die er momentan nicht allein lassen will, wer jetzt keine häufigen, kurzen Ausflüge in die nähere Region oder ein Geflecht aus Freibadbesuchen, Nachbars Hund ausführen und die Begleitung der kritischen Phase des Eigenheimbaus vor Ort anführen kann, wird augenblicklich suspekt.

Antwortet man auf die Frage nach dem Urlaub dagegen mit „Singapur“ oder „Auf Segeltörn vor den Bermudas“ oder „Kamelreiten in Kairo. Man muss den Ägyptern jetzt helfen“ oder „Wanne-Eickel“ ist man augenblicks gerechtfertigt und eingereiht. Ja, „Wanne-Eickel“ geht auch. Irgend eine Geschichte dazu wird einem schon einfallen. Hauptsache, man war irgendwo.

Man kann sich natürlich interessant machen und sagen: „Ich habe meine Auswanderung nach Neuguinea vorbereitet“ oder „Ich habe an meinem Generationenroman geschrieben, der das allmähliche Verschwinden des Klettverschlusses im Zuge der gegenwärtigen Bankenkrise seismographisch aufzeichnet und am Beziehungsgeflecht zwischen Großmutter, Mutter, Tochter und dem mit Hedgefonds handelnden Schwiegersohn prismatisch bricht“ oder „Man hatte mir diesmal den Vorsitz des dreiwöchigen Treffens der internationalen Briefmarkenfreunde in Sydney angeboten, da konnte ich nicht absagen. Aber von Sydney habe ich nichts gesehen. Das ist so viel Arbeit – du machst dir keine Vorstellung.“

Wer nach dem Urlaub wieder arbeiten muss, steht häufig vor der Arbeit wie der Ochs vor dem Berg. Dass er nicht rauf will, wäre eine Feststellung, die die Irritation des Heimkehrers in ihrer Tragweite verkennt. Nein, der Heimkehrer weiß nicht einmal, warum der Berg da steht und was er mit ihm anfangen soll. Er merkt, dass es besser gewesen wäre, gar keinen Urlaub gemacht zu haben. Oder noch besser: Nur Urlaub gemacht und nie gearbeitet zu haben. Oder, weil der Mensch allen Unkenrufen zum Trotz ein Verlangen nach alltäglicher, sinnvoller Beschäftigung hat: dass es viel besser wäre, Arbeit und Urlaub so miteinander zu kombinieren, dass Erlebnis und Erholung auf der einen Seite mit Arbeit und Gewohnheit auf der anderen Seite Hand in Hand gehen. Bei diesem für die meisten Menschen utopischen Arbeitsideal würden Megastress und Einförmigkeit der Arbeit genauso aufhören wie ihr Pendant, die Urlaubssucht.

Dann müsste der Mensch nicht diesen Sommer-Eskapismus betreiben, der oft selbst wieder zum Stress ausartet. Weil er glaubt, dass er alles erlebt und gemacht haben muss, was es am jeweiligen Urlaubsort zu erleben und machen gibt. Weil er wahnsinnig entspannt, voll mit neuen Eindrücken und Begegnungen und bitte auch mit dezent bronzefarbenem Teint wieder nach Hause kommen muss. Weil der Urlaub gelingen muss, was an den ebenfalls zu gelingen habenden Fotos jederzeit herzeigbar sein muss. Aber auch, weil man im Urlaub seinen Urlaubsgefährten wochenlang ohne Alltagszäsuren ausgesetzt ist. Urlaube sind die wahren Prüfsteine für jedes Paar, jede Familie, jede Freundschaft. Urlaub ist Beziehungsarbeit. Vielleicht ist das ihr eigentlicher, letzter, geheimer Sinn.

Urlaub (Arbeit)
Urlaub.

Urlaub (Arbeit)
Arbeit.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.09.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball