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VW fährt Rekordverlust ein
Vorstandschef Müller will künftig auf Digitalisierung setzen

VW fährt Rekordverlust ein

Der Diesel-Skandal dürfte VW noch lange belasten. Während der Aufarbeitung der Krise muss sich der Konzern für die Zukunft rüsten.

29.04.2016
  • DPA

Wolfsburg. Eigentlich müsste langsam Schluss sein mit der Abgas-Krise. VW-Chef Matthias Müller braucht Unsummen, um bisher verschlafene Branchentrends aufzuholen - doch er wird den Bremsklotz noch nicht los. Die Milliardenkosten und der Imageverlust durch "Dieselgate", weiter nicht vorhersehbare juristische Risiken, dazu das streng hierarchische System der Vergangenheit - er muss an allen Fronten gleichzeitig kämpfen. Müller wählt die Flucht nach vorne, Angriff als Verteidigung.

Bei der Vorlage der schlimmsten Bilanz der Konzerngeschichte versucht er Aufbruchstimmung zu verbreiten: "Wir lassen uns von der Krise nicht lähmen." Die gesamte Autowelt ist angesichts von alternativen Antrieben und Digitalisierung im Wandel - VW darf nicht zu spät kommen.

Um die Zeitenwende zu bewerkstelligen, muss auch ein neuer Führungsstil bei VW her. Müller will nun endgültig mit dem zentralistischen Führungsprinzip unter seinem Vorgänger Martin Winterkorn brechen. Europas Branchenprimus will künftig mehr denn je dezentraler arbeiten, Verantwortung delegieren, rascher agieren und: mit Mut Neues wagen. "Das kommt bei uns einem Paradigmenwechsel gleich, aber der Kraftakt wird sich lohnen", sagt Müller.

Doch springt der Funke über? Und was will Müller umstellen? "Die Rekordjagd der vergangenen Jahre ist zumindest unterbrochen", räumt er ein. Aber: "Um es klar zu sagen: Mich bekümmert das nicht im Geringsten. Wir verfolgen in diesem Jahr eine andere Agenda - und justieren unsere Prioritäten neu."

Neue Prioritäten, andere Agenda - der VW-Kompass ist nicht mehr richtig genordet. Statt immer neue Bestmarken auszurufen, sind die Töne nun leise, die Wolfsburger wollen sich schlicht "solide entwickeln". Zu der neuen Bescheidenheit sagte Müller: "Diese Jahresprognose ist nicht das Höher - Schneller - Weiter , das Sie von Volkswagen kannten." Doch wenn es nicht mehr nur um Quantität geht, was ist dann die neuen Qualität, die Müller will? Den großen Wurf dazu will der Vorstandschef erst im Juni vorstellen, mit seiner Strategie 2025, die Winterkorns Strategie 2018 ablöst.

Doch Müller ließ erste Eckpfeiler durchblicken. Einer davon: VW will für das Zukunftsfeld Mobilitätsdienstleistungen ein eigenes Tochterunternehmen gründen. Und sein zentrales Thema seit seinem Amtsantritt: Jeder soll sich verantwortlicher fürs große Ganze fühlen und über den Tellerrand schauen. Von Wolfsburg aus habe man sich jahrelang angemaßt zu wissen, welche Autos die Bedürfnisse der Märkte in Südamerika treffen, schimpft Müller. Und nun gebe es die Quittung: Es fehle dort das richtig Angebot. Die Lehre daraus: Mehr Freiheit und Verantwortung für die Leute am Ort.

So will Müller VW zum "allumfassenden Mobilitätsdienstleister" umbauen. Dazu gehören: Mehr Elektroautos, mehr Internet im Auto, mehr miteinander vernetzte Fahrzeuge, mehr individuelle Mobilität, mehr Geschäfte mit IT und Software - und am Horizont das Zukunftsthema autonomes Fahren.

Bei einigen Trends hinkt VW hinterher, aber der Diesel-Skandal soll zur Chance werden, um die notwendigen Reformen zu beschleunigen. Aus dem Silicon Valley hat sich Müller als neuen Digitalstrategen den früheren Apple-Manager Johann Jungwirth geholt, Spitzname "Jay Jay" - eine Schlüsselfigur.

Volkswagen steht mitten in diesem Wandel aber vor einem Spagat. Der Weltkonzern muss Milliarden in E-Mobilität und Digitalisierung stecken. Zu allem Überfluss schlägt nun auch noch die milliardenteure Abgas-Krise ins Kontor. Gut 16 Mrd. EUR hat VW dafür schon zurückgestellt. Das Ende der Fahnenstange ist bisher noch nicht absehbar. Die Wirtschaftsprüfer haben in der Bilanz schon festgehalten, dass diese Fragezeichen groß seien.

Kein Wunder, dass die Stimmung bei VW hochnervös ist. Es drohen Konflikte mit dem mächtigen Betriebsrat, denn längst geht es auch um die Arbeitsplätze. Mehr als 3000 Bürojobs im Bereich der 120 000 VW-Haustarifbeschäftigten sollen wegfallen, wenn auch sozialverträglich, etwa über Altersteilzeit.

VW-Vorstände erhalten 63 Millionen Euro

Wolfsburg. Die Mitglieder des vom Abgas-Skandal erschütterten Volkswagen-Konzerns haben für das vergangene Geschäftsjahr 63,2 Millionen Euro an festen und variablen Vergütungen erhalten. Das geht aus dem VW-Geschäftsbericht für 2015 hervor. 28 Millionen Euro entfielen auf feststehende Anteile und etwa 35 Millionen auf erfolgsabhängige variable Bonuszahlungen.

In dieser Summe ist allerdings auch jener 30-prozentige Anteil der variablen Vorstands-Vergütung enthalten, auf den die derzeit aktiven Mitglieder laut Beschluss des Aufsichtsrats von vergangener Woche nach einer monatelangen öffentlichen Diskussion zunächst verzichten. Er kann in Form von Aktien unter bestimmten Bedingungen in drei Jahren ausgezahlt werden.

Bei der Nachbesserung der manipulierten Diesel-Fahrzeuge kommt VW nur langsam voran. VW-Chef Matthias Müller sagte gestern, wegen der Probleme mit der Umrüstung des Passat würden nun einige Golf-Modelle vorgezogen. Entschädigungen der europäischen Käufer im gleichen Umfang wie in den USA schloss Müller aus. Es werde keine Eins-zu-eins-Übertragung der US-Lösung geben, sagte er. In den Vereinigten Staaten ist eine Zahlung von bis zu 5000 Euro für jeden Betroffenen im Gespräch. AFP/DPA

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29.04.2016, 06:00 Uhr

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