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Das Vertrauen ist weg

VW kämpft in den USA um seinen guten Ruf

Knapp 500 000 Autobesitzer sind in den USA von der VW-Abgasaffäre betroffen. Der Konzern versucht verzweifelt, sein Image zu retten - mit günstigen Angeboten und Garantien. Der Erfolg hält sich in Grenzen.

11.11.2015
  • PETER DETHIER

Samuel Tetteh Adjei aus dem Washingtoner Vorort Alexandria fährt seit sechs Jahren VW. Der 40-Jährige hat mehrere Jobs, mit denen er eine fünfköpfige Familie ernährt: Er ist Fitnesstrainer, Tennislehrer und hofft mit einer neuen Geschäftsidee, nämlich selbst gemischtem Ingwersaft, im Einzelhandel einen großen Hit zu landen. Bis es soweit ist, muss der gebürtige Ghanaer jedoch den Gürtel enger schnallen. Deswegen kaufte er einen Jetta TDI. Die Monatsraten sind niedrig, der Dieselmotor sparsam und umweltfreundlich schien er auch noch zu sein. "Ich will nicht, dass meine Kinder unter den Folgen des Klimawandels zu leiden haben, so glaubte ich, wenigstens einen kleinen Beitrag leisten zu können."

Als er Ende September erfuhr, dass sein Jetta einer der knapp 500 000 in den USA verkauften Volkswagen ist, die mittels einer Schummel-Software zwar einen niedrigen Ausstoß vorgaukelten aber im Alltag jede Emissionsschutz-Grenze reissen, traf die Nachricht Adjei wie ein Keulenschlag. "Ich fahre das Auto aus Überzeugung nicht mehr, nicht deswegen, weil ich es nicht darf. Davon ganz zu schweigen, dass wer heute einen VW fährt, zum Gespött anderer Verkehrsteilnehmer wird."

Samuel hat sich jetzt einen Ford zugelegt. Der Jetta steht ungenutzt in der Garage. "Ich wollte ihn verkaufen, doch nicht einmal zum Schleuderpreis ging das, und nun sitzte ich auf zwei Autoraten, die meine Familie eigentlich nicht verkraften kann." Einer der mehr als 150 Sammelklagen, die zahlreiche Kanzleien gegen VW eingereicht haben, hat sich Samuel noch nicht angeschlossen. "Ich denke noch darüber nach. Jede Woche bekomme ich Briefe von Anwälten, die mich auffordern, einer Sammelklage beizutreten."

Mit dem Verzicht auf rechtliche Schritte gehört Samuel in einer geradezu prozesssüchtigen US-Gesellschaft eindeutig zur Minderheit. Typischer ist etwa die Entscheidung des Gymnasiallehrers Drew Mizak aus Connecticut. Er ist dem Rat einer kleinen Kanzlei gefolgt und will den Wolfsburger Konzern zur Verantwortung ziehen. "Drew ist der Prototyp des amerikanischen VW Fahrers", sagt sein Anwalt Cody Guarnieri. Politisch eher liberal und umweltbewusst, ein Vertreter der Mittelklasse, der sparsam ist und von Statussymbolen wie Mercedes, BMW oder andere Luxusmodellen nichts wissen will.

"Drew ist gebildet, er ist gewissenhaft und wie die meisten VW Fahrer einfach ein guter Typ", der nun aber unschuldiges Bauernopfer eines nassforschen Wirtschaftsverbrechens geworden sei, erklärt Guarnieri. Der Lehrer selbst ist einfach tief enttäuscht. Vor allem davon, wie raffiniert und durchdacht der Plan war und wie sorgfältig der Betrug umgesetzt wurde. "Ich hatte volles Vertrauen, in die Marke und in das Produkt. Gelernt habe ich daraus jedenfalls eines: Nie wieder VW, wohl nie wieder ein deutsches Auto. Auch Detroit hat gute Ingenieure", sagt Drew.

Dass ausgerechnet fleißige, integre Menschen, die jener "verschwindenden Mittelklasse" angehören, für die im Wahlkampf Politiker jeder Couleur eintreten wollen, die Folgen zu tragen haben, schürt den Zorn in der US-Öffentlichkeit. "Wenn das bei Mercedes oder Porsche passieren würde, dann würden sich die meisten Verbraucher, die sich solche Luxuskarossen nicht leisten können und diese für angeberische Statussymbole halten, in die Faust lachen", ist der Marketingexperte Russ Bryan überzeugt. "Dass aber erneut Vertreter der Mittelklasse, die größten Opfer des wachsenden Wohlstandsgefälles, schon wieder die Gelackmeierten sind, weckt Sympathien und lässt die allgemeine Empörung gegenüber VW wachsen."

Bei der VW Group of America laufen die Bemühungen um ein angemessenes Krisenmanagement und die Imagepflege seit Wochen auf Hochtouren. Zwar übt der deutsche Multi in der Werbung Zurückhaltung. Schließlich prüft die Wettbewerbsbehörde FTC gerade, ob irreführende Fernsehreklamen für Dieselmodelle eine weitere Rechtsgrundlage liefern könnten, um VW strafrechtlich zu belangen. Doch umso aggressiver werden dafür bestehende Kunden umworben.

Dazu zählen noch nie dagewesene Leasingangebote, Finanzierungen zum Nullzins und die Garantie, den alten Wagen dem Besitzer deutlich über dem Marktpreis abzukaufen. Der Konzern hofiert nicht nur Stammkunden mit Diesel Autos, sondern ausnahmslos alle VW-Besitzer. "Das ist völlig logisch", sagt Russ Bryan. "Denn obwohl nur die TDI Modelle betroffen waren, ist es die gesamte Marke, die an Glaubwürdigkeit verloren hat." Diese wiederherzustellen, könnte in einem hoch transparenten amerikanschen Automarkt mit zunehmend kritischen Verbrauchern schwierig werden. Vielleicht sogar unmöglich, glauben viele Industrieexperten.

VW kämpft in den USA um seinen guten Ruf
Die VW-Filiale in Manhattan hat es gerade nicht leicht. Foto: imago

VW kämpft in den USA um seinen guten Ruf

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11.11.2015, 12:00 Uhr

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