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Volkswagen

VW spart und spart und spart

Der Konzern streicht 30 000 Stellen, 23 000 davon in Deutschland. Inmitten seiner größten Krise muss der Autobauer das Steuer herumreißen, sparen und investieren.

19.11.2016
  • THOMAS VEITINGER

Ulm. Weltpremieren elektrisieren nicht immer. Als am Donnerstag ein überarbeiteter weißer E-Golf der siebten Generation auf die schneeweiße Bühne fährt, wirkt dieser alltäglich und geradezu langweilig. Von Revolution keine Spur. Mit diesem Auto ist schon einiges über den Volkswagen-Konzern gesagt: Der Weg in die Zukunft ist schwierig. Nur 35 dieser Fahrzeuge werden in der gläsernen Manufaktur Dresden pro Tag entstehen. „Ich fahre diesen Golf, wann immer ich kann“, ruft Produktionsvorstand Herbert Diess dem Publikum zu, was jedoch ein bisschen verzweifelt klingt.

Gestern dann eine andere Premiere. Diesmal sind es Neuigkeiten, die VW-Chef Matthias Müller verkündet. Seit Juni haben Teams aus insgesamt 60 Experten mit dem Betriebsrat um einen „Zukunftspakt“ gerungen, der Volkswagen eine Perspektive geben soll. Der Sparen und Investition unter einen Hut bringen soll, ja muss. Von der Belegschaft wurde dem mit Bangen entgegengesehen. War vor einigen Wochen noch in den Medien die Rede von mehr als 10 000 Stellen, die wegfallen könnten, ist der Schock nun groß: 30 000 Stellen werden in den kommenden Jahren abgebaut, allein 23 000 in Deutschland. Der Abbau soll zwar sozialverträglich über die Bühne gehen, betriebsbedingte Kündigungen wird es nicht geben. Viele Mitarbeiter der Generation Babyboomer dürften sich über Altersteilzeit vielleicht sogar freuen. Aber das Zeichen des tiefgreifenden Wandels wirkt auf viele bedrohlich. Was kommt da noch? Leidtragende werden vor allem Leiharbeiter sein.

Der Zukunftspakt gleicht einem Jonglieren mit vielen Bällen. VW muss zunächst Geld sparen. Viel Geld. Für den Skandal um Abgasbetrügereien bei Dieselautos wurden bereits mehr als 18 Milliarden Euro zurückgestellt. Es könnte aber noch teurer werden. Experten halten auch 30 Milliarden Euro oder mehr für möglich. Der Pakt soll die Kosten bis zum Jahr 2020 um 3,7 Milliarden Euro drücken.

VW hatte schon vor dem Dieselskandal ein großes Problem mit seiner Profitabilität: Die Kernmarke baut seine Fahrzeuge zu teuer. Von 100 Euro Umsatz bleiben nur 1,60 Euro als Gewinn, das ist im Vergleich zu anderen Marken des Konzerns wie Audi, Porsche, Skoda oder der Konkurrenz lächerlich wenig und schrammt gefährlich am Verlust entlang. Nun soll die Produktivität um ein Viertel steigen.

Linke Tasche, rechte Tasche

„VWs Problem mit der Profitabilität ist bekannt“, sagt Willi Diez, Professor am Geislinger Institut für Automobilwirtschaft. „Sicher ist der Zeitpunkt für einen Zukunftspakt aber jetzt besser, als würde VW gerade wirtschaftlich sehr gut dastehen und Riesenerfolge feiern.“ Gespart wird sowieso: Der Gesamtkonzern mit seinen zwölf Marken muss insgesamt acht Milliarden Euro abknapsen. Nun dürfte bei Audi, Porsche und Co. die Angst umgehen, dass Geld von Stuttgart und Ingolstadt nach Wolfsburg überwiesen werden muss. „Das kann ich mir aber nicht vorstellen“, glaubt Diez. „Es wäre, Geld aus der linken Tasche zu nehmen und es in die rechte zu stecken. Dies bringt effektiv gar nichts.“ Die VW-Töchter müssten innovativ bleiben, weil sie sonst auch noch schwächelten.

Diese Diskussion hat eine unrühmliche Tradition im Konzern. Wer was für wen zu welchen Kosten entwickelt und weitergibt, ist ein steter Zankapfel. Ob diese Probleme nun beseitigt sind, bleibt offen.

Welche Veränderungen wird es für die Belegschaft geben? VW-Markenchef Herbert Diess: „Volkswagen muss schnell wieder Geld verdienen und sich für den Zukunftssturm wappnen. Wir werden auch die Mannschaft verkleinern.“ Auch im Ausland werde es Einschnitte geben. „In vielen Regionen sind wir zur Zeit nicht profitabel.“ Weniger Bürokratie, weniger Doppelarbeit soll es geben. Der Zukunftspakt sei ein Wegbereiter für die neuen Markenstrategie.

Der zweite wichtige Punkt des Zukunftspakts sind die Innovationen. Wenn es stimmt, dass Autounternehmen in den kommenden zehn Jahren so große Veränderungen erfahren wie in den vergangenen 100 Jahren, müssen alle Autobauer viele Aufgaben lösen. Bei VW sollen Milliarden in den Ausbau alternativer Antriebe fließen. Die Digitalisierung und Vernetzung der Autos verschlingen ebenfalls Entwicklungsgelder.

Zu spät? „Fünf Jahre früher wäre besser gewesen, der Konzern war lange blockiert“, kommentiert Branchenbeobachter Ferdinand Dudenhöffer. Der Automobilwirtschafts-Experte Hans-Gerhard Seeba von der Ostfalia-Hochschule für angewandte Wissenschaften äußert sich ähnlich. „Dieser Schritt hätte eher kommen können.“ Diez sieht dies nicht so. „Bisher wurde noch nicht viel verpasst. Bei BMW wird immer wieder kritisiert, dass das Unternehmen mit E-Autos zu früh dran war, bei VW hieß es immer, dass man sich zu viel Zeit lässt. Nein, jetzt ist ein guter Zeitpunkt damit zu starten.“ 2020 werde die E-Mobilität nach oben gehen und Batterien und Infrastruktur soweit sein. (mit dpa)

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19.11.2016, 06:00 Uhr

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