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Nora-Gomringer-Lesung im Tübinger Hölderlinturm

Vater, Mutter, Rind

Tübingen. Er kam nicht. Ein häuslicher Unfall. Aber die Tochter, Nora Gomringer, geboren 1981.

13.07.2012

Mehrfach ausgezeichnet, letztes Jahr gewann sie den mit 30 000 Euro dotierten Jacob-Grimm-Preis. Seit April 2010 hat sie die Leitung des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg übernommen. Mehr als Vaters auch schreibende Tochter. Allerdings eine Sprachspielerin wie er. Aber anders, aus der spoken-word-Tradition stammend. Texte für die Bühne.

Sie singt beim Vorlesen. Sie flüstert. Sie spricht gegen ihren eigenen Text an. Sie bewegt irgendwann nur noch die Lippen, lautlos. Sie paart gerne Sinn mit Unsinn und spekuliert auf Mehrwert. Sie treibt das Sportprogramm, das Martha Feuchtwanger ihrem treulosen Ehegatten Lion im Exil aufbrummte, zu Versen, die sie listig mit Briefzeilen collagiert. Liest ein hinreißendes Porträt über Mayröcker und Jandl beziehungsweise über Mayröcker nach Jandls Tod, ein so bewunderndes wie schonungsloses, übrigens von Mayröcker autorisiert.

Sie schreibt Gedichte über gynäkologische Situationen – ein Gynäkologe hat das Gedicht tatsächlich an der Decke seiner Praxis postiert, wo die Frauen während der Inspektion hinblicken. Eines ihrer kürzesten Gedichte mit dem Titel Landleben lautet: „Vater, Mutter, Rind“. Das ist stellenweise gar nicht so weit von Jandl oder der natürlich wieder ganz anders gearteten Vaterlyrik weg, die Nora Gomringer bei der Lesung im ausverkauften Hölderlinturm zur Hälfte ihren eigenen Texten beigesellt – auch wenn der Papa gar nicht dabei ist. Wunderbar konkretpoetische Schwiezerdütsch-Miniaturen vom alten Herrn sind darunter. Alter Herr – Eugen Gomringer ist Jahrgang 1925, da darf man so was schon mal sagen.

Schon eigenartig, so ein Vater-Tochter-Gespann, der Neigung und ja auch der gelegentlichen Lesetour nach. Vielleicht musste sich die Tochter nie distanzieren, weil sie als Jüngste schon genug Distanz hatte. Nicht nur 56 Jahre zum Vater, sondern auch noch sieben ältere Geschwister. Lauter Brüder. Nora Gomringer erinnert sich, wie an den Wänden ihres Elternhauses immer Texte hingen, und wie seltsam das für ihre Schulfreundinnen war.

Erzählt, dass Udo Lindenberg ihr eine Textzeile abgekauft hat. Liest ein Gedicht und berichtet, dass eine Schülerin tränenaufgelöst bei ihr anrief: Sie habe das Gedicht in einer Klassenarbeit behandelt, aber nur wenige Punkte bekommen, obwohl sie es richtig interpretiert habe. Nora Gomringer hört sich das an, stimmt der Schülerin zu, schaltet sich ein, beim Lehrer, beim Ministerium. Mit Erfolg. Die Schülerin bekommt etliche Punkte mehr. Gomringers Kommentar: „Mit einem Text von Goethe hätte das nicht funktioniert.“

Als sie einmal länger zwischen den Seiten hin und herblättert, unschlüssig, was sie lesen soll, sagt die Autorin: „Kann die das nicht ein bisschen schneller machen?“ Das ist lustig. Und: Nein, kann sie nicht. Das Wort langsam liest sie so: Laaaaaaaaaaaaaaaaaaangsaaaaaaaaaam. Auf Wiedersehen. Und Grüße an den Vater.

Peter Ertle

Vater, Mutter, Rind
Goethe und der Gynäkologe: Nora Gomringer war in Tübingen. Bild: Anny Maurer

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13.07.2012, 12:00 Uhr

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