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Venedig hat den Kanal voll
Einwohner Venedigs protestieren mit Koffern gegen die vielen Touristen in der Stadt. Foto: dpa
Tourismus

Venedig hat den Kanal voll

Die Lagunenstadt lebt von den Besuchern, aber leidet auch an ihnen. Die vielen Urlauber verdrängen die Einheimischen. Die setzten sich jetzt mit Demonstrationen zur Wehr.

15.11.2016
  • DPA

Venedig. Venedig lebt vom Tourismus und droht zugleich, an ihm zugrunde zu gehen. Gegen den drohenden Untergang ihrer Stadt durch Entvölkerung und Venedigs Verwandlung in eine Ansammlung von Hotels und Ferienwohnungen gingen Anwohner jetzt buchstäblich mit Sack und Pack auf die Straße. Rund 500 Venezianer zogen mit Koffern als Symbol für Touristen und für die Abwanderung der Bürger vor das Rathaus, um eine bürgerfreundlichere Politik zu verlangen.

Mit einem Transparent an der Rialto-Brücke als einer der Hauptattraktionen Venedigs warnten die Demonstranten vor dem „Venexodus“. Erstmals sank die Zahl der Bewohner der Lagunenstadt auf unter 55 000. Als Alarmsignal, dass die Stadt bald trotz Massentouristen ausgestorben sein könnte, schickten die Protestierenden einen als Dogen Kostümierten vor das Rathaus in der Ca‘ Farsetti am Canal Grande, der ebenfalls mit einem Koffer bewaffnet mit der Gondel den Auszug der Bewohner darstellte.

Nicht einmal mehr der Bürgermeister selbst wohnt in Venedig. Deshalb hieß es unter Anspielung auf den Wohnort von Luigi Brugnaro auf dem Festland bei der fröhlichen Demonstration auch „Auf nach Mogliano“.

Höhere Steuern gefordert

„Wir sind nur noch 55 000. Wenn wir so weiter machen, werden wir zu einer Geisterstadt wie Pompeji“, warnt Matteo Secchi von der Gruppe Venessia.com, die die Protestaktion organisierte. „Der Tourismus hat uns kurzfristig reich gemacht, aber er tötet langfristig“, sagt der 46-Jährige. „Zu viele wollen nicht mehr in dieser Stadt leben, sondern sie ausnutzen wie eine Prostituierte.“ Die Demonstration will er als „ironische Provokation“ verstanden wissen. Nun soll es um konkrete Forderungen wie höhere Steuern für jene gehen, die ihre Wohnungen nicht an Bewohner sondern an Touristen vermieten.

Zahlreiche Mitglieder der Stadtverwaltung, gegen die sich der bunte Protest richtete, nahmen selbst daran teil. Dass sie von Demonstranten angefeindet wurden, nahmen sie gelassen hin. „Wir wollen den Verbleib der Anwohner in Venedig verteidigen“, sagte die stellvertretende Bürgermeisterin Luciana Colle. Dafür müsse es ausreichend Arbeitsangebote geben. Diese sind allerdings fast ausschließlich im Fremdenverkehr zu haben.

Ein Großteil der verbliebenen Bewohner Venedigs ist über 60 Jahre alt. Nur knapp 9000 sind Kinder und Jugendliche. Selbst das Einkaufen ist ein Problem, denn die Geschäfte wenden sich mit hohen Preisen allein an Touristen. Bereits vor Jahren organisierten Venezianer aus Wut über den Ausverkauf ihrer Stadt eine Trauerfeier, bei der sie ihre Stadt symbolisch zu Grabe trugen.

Die Unesco droht der Stadtverwaltung mittlerweile mit Sanktionen für den Status als Weltkulturerbe, falls die Zahl der Besucher nicht eingeschränkt werde. Doch der Bürgermeister erteilte Forderungen nach zusätzlichen Touristensteuern oder einer täglichen Obergrenze eine Absage.

Anstatt den Bürgern das Leben leichter zu machen, erhöhte die Stadtverwaltung in der Vergangenheit die Kosten der Garagenplätze für Anwohner im großen Parkhaus hinter dem Bahnhof der Stadt. Im Gegenzug wurden Geschwindigkeitskontrollen auf dem Canal Grande, die die Wasserstraße sicherer machen sollten, abgeschafft.

Damit sicherte Bürgermeister Brugnaro sich die Sympathien der Taxibootfahrer, aber nicht die der Anwohner, die der Motorenlärm stört. Viele Venezianer spotten deshalb, dass die meisten Mitglieder des Stadtrats wie der Bürgermeister selbst auf dem Festland wohnen und daher nicht ihre Interessen sondern nur die Tourismusindustrie fördern – inklusive der umstrittenen Kreuzfahrtschiffe. Aus den schwimmenden Hotelburgen ergießen sich täglich Massen an Tagestouristen in die Lagunenstadt. Sie geben wenig Geld aus, verschmutzen und verstopfen die Stadt dennoch.

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15.11.2016, 06:00 Uhr

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