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Leitartikel über die Gefahr einer neuen Finanzkrise

Ver-rückte Verhältnisse

12.10.2016
  • HELMUT SCHNEIDER

Ulm. Der Untergangsprophet hat immer recht, wenn nicht heute, dann morgen – oder irgendwann. Vor acht Jahren eskalierte die Finanzkrise, weil sich Banken verspekuliert hatten. Und mit ihnen die Verbraucher, weil eine Bank kein menschen- und seelenloses Neutrum ist, sondern eine Sammel- und Handelsstelle für das Geld aller. Diese Feststellung ist ebenso banal wie immer wieder aufs Neue notwendig, weil Vereinfacher das Gegenteil behaupten: Man dürfe nicht Banken retten, sondern Menschen. Das klingt schön, hat nur wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Und zur Problemlösung trägt es nichts bei.

Das Problem ist schon acht Jahre alt. Anfangs waren die Notenbanken die Retter, die das Feuer an den Finanzmärkten löschten. Weil aber der Rettungseinsatz immer noch andauert, wird er selber zum Problem. Dass Geld heute keinen Preis (Zins) mehr hat, dass dies trotzdem keine Inflation zur Folge hat, dass die Schulden der Staaten und Unternehmen so hoch wie nie zuvor sind (unvorstellbare 152 Billionen Dollar), dass das Wachstum der wichtigsten Volkswirtschaften geringer ist als vor der Finanzkrise und die Produktivität noch viel geringer: Das alles zeigt, dass die Verhältnisse alles andere als normal sind. Sie sind sogar ziemlich ver-rückt. Die Frage ist, ob wir in einem neuen Zeitalter fortwährender Stagnation leben. Oder ob wir nicht in der Lage sind, die Lehren zu ziehen und Fehler zu korrigieren – bevor der nächste Crash die brutale Korrektur bringt.

Deutschland ist in dieser schwierigen Gemengelage eine positive Ausnahme. Aber niemand soll sich der Illusion hingeben, dass wir uns abgekoppelt haben vom Rest der Welt, immun gegen deren Widrigkeiten. Deutschland ist eine der am stärksten vernetzten Volkswirtschaften und wäre von einer neuen Krise besonders betroffen.

Die neue Krise wird kommen, wenn die Schuldenberge noch weiter aufgehäuft werden. Neue Schulden zur Ankurbelung des Wachstums sind deshalb ein Spiel mit dem Feuer. Die neue Krise kann aber auch kommen, weil das Wachstum zu schwach ist, um Schulden abbauen zu können. Es gibt zwischen diesen beiden Denkschulen nur den pragmatischen Mittelweg. Im Falle des Pleitekandidaten Griechenland etwa wird er noch lange weitere Milliarden-Kredite nach sich ziehen – im Gegenzug für Strukturreformen.

Ausgerechnet dort, wo die Krise ihren Ursprung hatte, droht aktuell die größte Gefahr: bei den Banken, genauer: bei Europas Banken. Sie haben ungeheure Summen fauler Kredite in den Büchern, vor allem in Italien. Ironie der Geschichte: Die Banken verdienten zuvor dank riskanter Geschäfte zu viel. Jetzt verdienen sie wegen der niedrigen Zinsen zu wenig und bedrohen damit wieder die Stabilität des Systems.

Die notwendige Bereinigung der Bilanzen hat aber Grenzen: Wer Schulden streicht, streicht auch Guthaben, nicht nur der Vermögenden. Vor allem muss ein Domino-Effekt vermieden werden, der andere Banken kippt. Die Europäische Zentralbank hat die Schlüsselposition. Sie sollte bald die Zinsen erhöhen. Die Zeit, die sie der Politik erkauft hat, läuft ab. Wenn die Politik nicht die Kraft zur Korrektur aufbringt, wird der nächste Crash dafür sorgen. Und dem Untergangspropheten Recht geben.

leitartikel@swp.de

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12.10.2016, 06:00 Uhr

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