Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Skandal

Verdacht: Totschlag im Heim

Ein alter Mann wird in einer Pflegeeinrichtung in Franken nicht ärztlich versorgt und stirbt. Die Verantwortlichen sitzen in Haft. Der Vorgang ist kein Einzelfall, sagt ein Experte.

10.12.2016
  • VON PATRICK GUYTON

Gleusdorf. Der Fall könnte eine Signalwirkung entfalten für den Umgang mit Missständen und Straftaten in Pflegeheimen: Im unterfränkischen Gleusdorf haben Staatsanwaltschaft und Polizei auf eine Art und Weise durchgegriffen, die ihresgleichen sucht. Wegen des „dringenden Tatverdachts des Totschlags“ wurden die Geschäftsführer und der Pflegedienstleiter der „Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf“ in Haft genommen. Es kam zu weitreichenden Durchsuchungen, die auch einen Arzt betreffen, gegen den ein Verfahren wegen „Ausstellung unrichtiger Gesundheitszeugnisse“ eingeleitet ist, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Dabei gibt das privat geführte Haus in seiner Werbung ein vielversprechendes Bild ab. „Einmal Schlossherr sein?“, wird im Internet gefragt. Die Antwort: „In der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf ist's möglich.“ Angehörige von Pflegebedürftigen werden animiert, dafür „die Weichen verantwortungsbewusst und gewissenhaft“ zu stellen.

Die Ermittler berichten von fehlerhafter medizinischer Versorgung, unterbliebenen ärztlichen Behandlungen und nicht erfolgter Einweisung ins Krankenhaus. Konkret benennen sie den Fall eines Heimbewohners, für den nach einem Sturz mehrere Tage lang kein Arzt geholt wurde, obwohl sich sein Zustand drastisch verschlechterte. Deshalb starb der Mann.

Ist Gleusdorf, 60 Kilometer östlich von Schweinfurt, ein Einzelfall? Der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek glaubt das nicht. „So etwas spielt sich möglicherweise jeden Tag irgendwo in Deutschland ab“, sagt er. „Die Pflegeheime stellen weitgehend rechtsfreie Räume dar.“ Heimbewohner seien „hilflose, ausgelieferte Menschen“. Dass nun tatsächlich einmal Verantwortliche inhaftiert und gegen sie auf diese Weise ermittelt wird, hat Fussek „bisher noch nicht erlebt“. Bemühungen bei früheren ähnlichen Verdachtsfällen seien immer im Sand verlaufen. Ein Ermittler habe ihm einmal resigniert gesagt: „Das wird doch sowieso immer alles eingestellt.“

Eindeutige Beweise

Die Misshandlungen und vermuteten Straftaten im Gleusdorfer Heim kamen durch zwei Anzeigen im Mai und Juni ans Licht. Es ist zu vermuten, dass die Strafanzeigen von Personal oder ehemaligem Personal des Hauses gestellt wurden. Im Laufe der Ermittlungen erhärtete sich dann der Verdacht des Totschlags durch Unterlassung.

Weitere Auskünfte erteilt die zuständige Staatsanwaltschaft Bamberg zurzeit nicht, die Ermittlungen würden noch einige Zeit dauern. Da die Haftbefehle aber bestehen bleiben, kann man von sehr eindeutigem Beweismaterial ausgehen. Laut Berichten einer Lokalzeitung geht es inzwischen um fünf bis sechs Todesfälle, die untersucht werden. Im Bayerischen Rundfunk erzählte eine ehemalige Pflegerin der „Seniorenresidenz“, dass der Pflegedienstleiter einem Bewohner in ihrer Anwesenheit Insulin gespritzt habe. Zwei Minuten später sei der Mann tot gewesen. Der Leiter habe sie bedroht: „Wenn du einem was sagst, erlebst du dein blaues Wunder.“

Zuvor hatte das Pflegeheim in der Region keinen schlechten Ruf. Norbert Lohneiß, Ortsvorsteher von Gleusdorf mit seinen 200 Einwohnern, sagte in einer Stellungnahme, er habe bisher „nie etwas Negatives über die Seniorenresidenz gehört“. Der Bürgermeister der Gesamtgemeinde Untermerzbach, Helmut Dietz (SPD), meint, bei seinen Besuchen habe er immer den Eindruck gehabt, dass die Bewohner „gut versorgt und gepflegt werden“.

In der Region melden sich nun aber mehr und mehr ehemalige Beschäftigte des Heimes und Angehörige ehemaliger Bewohner, die von Ungereimtheiten und Misshandlungen berichten. Die dem Landratsamt unterstellte Heimaufsicht hatte als Kontrollbehörde bei ihren Besuchen bisher keine schwerwiegenden Mängel entdeckt. Die „Seniorenresidenz“ werde nun häufiger stichprobenartig kontrolliert, sagt die Sprecherin des Landratsamtes Haßfurt dazu. Die Geschäfte erledigt jetzt der Heimleiter, der nicht in Haft genommen wurde. Gegenüber den Medien erteilt das Haus keinerlei Auskünfte.

Für den Sozialpädagogen Claus Fussek, der sich seit 20 Jahren gegen Missstände in Heimen einsetzt, tragen auch Personal und Angehörige eine Mitschuld. „Alle müssen ihrer Verantwortung nachkommen“, sagt er. Und fragt: „Wo war in solchen Fällen die Pflegekraft? Wo war die Tochter oder der Sohn? Wo war der Arzt?“ Mittlerweile hat Fussek mehr als 50 000 Briefe und Mails bekommen, in denen über schlechte Pflege und unzumutbare Zustände in Heimen geklagt wird. „In Deutschland fehlt eine Art Amnesty oder Pro Asyl für Alte.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

10.12.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball