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Schwarze Mappe

Verdächtiges Objekt in Kanzlers Garten

Die Angst vor einem Attentat war immer mit dabei, wenn Siegfried Riekeles seinen Chef Kurt Georg Kiesinger chauffierte. Personenschutz für den Altkanzler war Pflicht, dem konnte und wollte sich der Politiker auch in seiner Tübinger Ruhestandszeit kaum entziehen. Bis auf ganz wenige Male. „Opa, wo hast du deine Komplizen gelassen?“, rief Kiesingers Enkel bei einer Spazierfahrt durch den Schwarzwald nach einem Blick durchs Heckfenster.

30.12.2005

Der Kleine meinte die Eskorte vom Bundeskriminalamt, die normalerweise die Kanzler-Limousine überall hin verfolgte. Bei jener Schwarzwaldfahrt hatte sie sich abschütteln lassen.

Riekeles, selbst vor Dienstantritt vom Bundesverfassungsschutz überprüft, war in die Sicherheitsaufgaben eingebunden. Kamen Handwerker oder Journalisten ins Haus, dann hat er sich schon einmal ihrer Identität vergewissert und sich die Ausweise zeigen lassen. Parkte mal ein fremdes Auto vor dem Haus, dann sagte sich Riekeles: „Vorsicht Gevatter.“

Von Demonstranten belästigt zu werden, war Kiesinger ein Gräuel. Als Ehrenbürger Tübingens war er stets zum Neujahrsempfang ins Rathaus eingeladen. Aber der Altkanzler erschien dort nie, ohne dass sein Riekeles vorher die Lage sondiert hätte. Also fuhr Riekeles erst auf den Marktplatz und beobachtete die Szenerie. Konnte er Entwarnung geben, beschloss Kiesinger, das Fest zu besuchen. Die Klarsfeld-Ohrfeige vom 7. November 1968 – sie hat der Kanzler nie vergessen.

Der damalige Bundesgeneralanwalt Kurt Rebmann tauchte einst persönlich in der Engelfriedshalde auf, um das Haus und den Garten zu inspizieren. Dort lag dann eines Tages eine schwarze Aktentasche im Gebüsch, die für große Aufregung sorgte. Sie gehörte einem dunkel gekleideten Mann, der Riekeles vor dem Haus ansprach, als der Fahrer gerade das Dienstauto für eine Fahrt vorbereitete.

Ob er dem Altkanzler nicht ein Buch zum Signieren vorlegen könne, fragte der Fremde Riekeles. Da solle er sich doch bitte ans Bundeskanzleramt wenden, beschied Riekeles den Besucher. Der Fremde hatte darauf noch einen anderen Wunsch. Er wollte seine schwere Aktentasche bis zu seiner Rückkehr in der Kanzlergarage deponieren. Riekeles ließ auch das nicht zu.

Er brachte Kiesinger nach Stuttgart. Am Nachmittag entdeckte der Gärtner eine schwarze Tasche im Gebüsch. Er informierte Kiesingers Frau Marie-Luise, die rief sofort die Polizei an. Die Beamten schöpften Verdacht und wagten es nicht, die Tasche zu öffnen. Die Bombenentschärfer aus Stuttgart mussten kommen. Die Tasche entpuppte sich als harmlos, dennoch wurde ihr Besitzer in seiner Pension in der Stadt vorübergehend festgenommen. Wie es sich herausstellte, war es ein Vetter des damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens. Nun hatte wieder Siegfried Riekeles zu tun. Er fuhr Kiesinger in die Stadt, wo sich der Altkanzler beim Carstens-Vetter für die Unbill entschuldigte.

Ein sehr vertrautes, fast symbiotisches Verhältnis, das Kiesinger und Riekeles verband. Nach all den Gesprächen während stundenlanger Autofahrten wuchs in ihm die Überzeugung: „Kiesinger war nie und nimmer ein Nazi.“

Raimund Weible

Verdächtiges Objekt in Kanzlers Garten
Einmal nicht im Auto: Kiesinger und sein Fahrer Riekeles beim Wandern auf der Alb.

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30.12.2005, 12:00 Uhr

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