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Gerechte Löhne als Zukunftssicherung

Verdi-Landeschefin Leni Breymaier fordert mehr Geld für Niedriglöhner

Ohne Gewerkschaften gäbe es keine Tarifverträge, sondern nur Arbeitnehmerwillkür und Gängelei, betonte Leni Breymaier, Landesbezirksleiterin der Gewerkschaft Verdi, am Samstag im Sparkassen-Carré. Bei der Feier für Gewerkschaftsjubilare verwahrte sie sich gegen Eingriffe ins Streikrecht.

26.10.2014
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Mit dem jüngsten Lokführerstreik wurden Forderungen nach sogenannter Tarifeinheit laut. Danach soll pro Unternehmen nur die jeweils mitgliederstärkste Gewerkschaft die Interessen der Beschäftigten vertreten dürfen. Einen solchen Eingriff ins Streikrecht wies die Verdi-Landeschefin Leni Breymaier vor 200 Gästen im Sparkassen-Carré entschieden zurück.

Sie erinnerte an den bundesweiten Streik 1974, als die Gewerkschaften ÖTV (Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr) und DPG (Post) gemeinsam 15 Prozent mehr Lohn forderten. Im folgenden Tarifabschluss seien elf Prozent Zuwachs festgeschrieben worden. Das Ziel damals: „Die unteren Einkommensgruppen anheben. Da sind wir jetzt wieder“, sagte die 54-Jährige. In den Gewerkschaften gebe es einen breiten Konsens für solche Forderungen und entsprechende Tarifabschlüsse.

Wo die Nichtwähler herkommen

Ebenfalls 1974 habe in der Bundesrepublik das erste Ikea-Möbelhaus eröffnet. Der Konzern sei eines jener Unternehmen, „die hier richtig gutes Geld verdienen, aber kaum Steuern zahlen“, so Breymaier. „Da muss man etwas ändern im Steuerrecht.“

Die verweigerte Teilhabe am Wohlstand der Gesellschaft ist für die Gewerkschafterin auch Ursache für die wachsende Zahl der Nichtwähler: „Wenn ich das Gefühl habe, egal wer regiert, ich komme nicht über meinen Hartz IV-Satz hinaus.“

Dass heuer ein gesetzlicher Mindestlohn festgelegt wurde, führt die gelernte Einzelhandelskauffrau auf den Einsatz der Gewerkschaften zurück. „Wenn der Mindestlohn bald steigen würde, auf Beträge, von denen man wirklich leben kann, wäre das ein Erfolg auch für künftige Generationen.“ Breymaier erinnerte an das Wahlrecht für Frauen, das ihrer Generation die Großmütter erkämpft hätten. Aber: „Was werden wir eigentlich hinterlassen?“, fragte sie. „Zeitarbeit und prekäre Arbeitsverhältnisse?“ Eine Absicherung gegen die drei großen Lebensrisiken Alter, Arbeitslosigkeit und Krankheit oder nur noch einen Flickenteppich von Hilfsleistungen?

Dass angeblich die Verschuldung der öffentlichen Haushalte Einschnitte in Sozialleistungen erfordere, kann die Verdi-Landesbezirksleiterin nicht mehr hören: Laut der Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler wachse das staatliche Minus um 160 Euro pro Sekunde. Doch wer das Modell auf die privaten Nettovermögen anwende, blicke pro Sekunde auf Zuwächse von 10 000 Euro. An diesem Missverhältnis müsse die Politik ansetzen.

Dringend neu gestaltet werden muss laut Breymaier auch die wöchentliche Erwerbsarbeitszeit. Statt derzeit im Schnitt 40 Stunden für Männer und 20 Stunden für Frauen sollten alle jeweils 30 Stunden arbeiten. „Damit beide noch Zeit für die anderen Dinge haben“, sagte sie. „Es ist Aufgabe der Gewerkschaften, darüber nachzudenken.“

Die anstehende Schließung des Stuttgarter Karstadt-Kaufhauses sei betriebswirtschaftlich nicht gerechtfertigt, betonte Breymaier, die auch stellvertretende SPD-Landesvorsitzende ist. „250 Leute verlieren ihren Arbeitsplatz, weil Immobilienspekulanten am Werk sind“, sagte sie und kündigte für die kommenden Wochen Proteste an.

Zum Tarifkonflikt der Gewerkschaften mit den Kirchen sagte Breymaier: Spezielle Gehaltsvereinbarungen für Pfarrer würden die Gewerkschaften akzeptieren. „Aber inzwischen gibt es Millionen von kirchlichen Beschäftigten im Gesundheitswesen.“ Es sei überhaupt nicht hinzunehmen, dass für sie Sonderregelungen gelten sollten.

Für die Kolleg(inn)en eingesetzt

Die Verdi-Landeschefin begrüßte die zahlreichen Gewerkschafts-Jubilare der Region Neckar-Alb. Viele von ihnen hätten sich weit über die bloße Mitgliedschaft für ihre Kolleg(inn)en engagiert: unter anderem als Betriebsrat oder Personalrat, als Vertrauensleute in Betrieben, als ehrenamtliche Arbeitsrichter, in der Tarifkommission oder bei der Organisation von Frauentagen.

Einer der besonders langjährigen Gewerkschaftsveteranen ist der 79-jährige Manfred Gobert aus Reutlingen. Als 14-jähriger Sattlerlehrling in Zeitz in Sachsen-Anhalt bekam er zum Ausbildungsbeginn einen Mitgliedsausweis des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund), den er aufbewahrt hat. 1953 sei er „abgehauen“ aus der DDR – weil er nicht zur „kasernierten Volkspolizei“ wollte, der Vorläuferin der Nationalen Volksarmee. Er schaffte bei einem Landwirt, im Ruhrgebiet im Straßenbau und in einer britischen Fabrik für Panzerreparaturen – bis er beim Postamt Reutlingen als Postfacharbeiter anfing und von der Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden zur Deutschen Postgewerkschaft wechselte. In Pension ging Gobert nach vielfachen Weiterbildungen als Postbetriebsinspektor.

Verdi-Landeschefin Leni Breymaier fordert mehr Geld für Niedriglöhner
Seit 65Jahren Gewerkschafter: Manfred Gobert (ganz rechts), Karl Kehrer (ganz links) und Rudolf Koch (Bildmitte) am Samstagabend im Sparkassen-Carré mit Verdi-Landesbezirksleiterin Leni Breymaier (zweite von links) und Martin Gross, Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Neckar-Alb (zweiter von rechts).Bild:Faden

Der Lustnauer Karl Kehrer begann sein Arbeitsleben 1937 als 15-jähriger Postjungbote. In den Ruhestand ging er als Postamtsrat. In die Deutsche Postgewerkschaft DPG (mittlerweile unter dem Dach der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi) trat Kehrer 1949 ein, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Mit der NS-Wehrmacht geriet er 1941 in den Kessel von Stalingrad. Die Gewerkschaft traute ihm etwas zu: „Schon 1951 schickten die mich aufs erste Seminar“, sagte der 92-Jährige bei der Verdi-Feier. Um Sozialpolitik ging es damals im Schulungszentrum der DPG im Schwarzwald. Kehrer ist Ehrenvorstandsmitglied bei den Gewerkschaftssenioren, wo er 25 Jahre lang Seniorenarbeit gemacht hat.

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26.10.2014, 12:00 Uhr

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