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Erinnerungskultur

Verfolgt vom braunen Mob

Für einen Wettbewerb haben sich Schüler mit der Geschichte der Juden in Kehl befasst. Die Gymnasiasten sprachen mit Zeitzeugen über den 10. November 1938.

08.11.2018
  • HANS GEORG FRANK

Kehl. Die vier Männer wollten sich an nichts mehr erinnern. Vor dem Landgericht Offenburg wussten sie 1948 nichts mehr von der brutalen Misshandlung der Juden aus Kehl und Umgebung zehn Jahre zuvor. Dabei waren die Opfer so übel zugerichtet worden, dass sie sogar im KZ Dachau aufgefallen sind. Die Erinnerungslücken der Angeklagten von damals schließen jene 34 Beobachter, die von der Arbeitsgruppe Zeitzeugen des Kehler Einstein-Gymnasiums befragt worden sind.

„Das vergisst man nimmer“, versichert eine betagte Frau den Schülern. Als wäre es heute, weiß sie noch, wie am Morgen des 10. November 1938 der Jude Max Bensinger, der als „möblierter Herr“ im Haus ihrer Familie wohnte, „die Treppe hinuntergeworfen wurde“. Auch als kleines Mädchen hat eine andere Frau gesehen, wie die Juden „durch die Straßen getrieben“ worden sind, „immer mit dem Knüppel im Kreuz“. Als sich das Kind darüber empört, wird es in einen Hauseingang gezogen und zum Schweigen verdonnert: „Sonst kommst du auch dazu.“

Frühmorgens an jenem Donnerstag vor 80 Jahren waren die jüdischen Männer aus den Häusern geholt worden. Sie mussten zur Gestapo, wurden malträtiert. Dann ging es in einem „Schandmarsch“ durch Kehl zur Stadthalle, wo sie eingesperrt wurden. Stadtarchivarin Ute Scherb geht davon aus, „dass am 10. November 1938 etwa 70 Juden öffentlich gedemütigt, geschlagen und durch die Stadt getrieben wurden, darunter über 30 aus Kehl, die anderen aus umliegenden Gemeinden“. Am Nachmittag wurden die Männer mit dem Zug nach Dachau geschafft.

Die Quellenlage sei „sehr schlecht“, bedauert die Archivarin. Ob Unterlagen gezielt beseitigt worden sind, bleibt offen. Umso wichtiger seien die von der AG des Einstein-Gymnasiums gesammelten Aussagen. „Gegenüber Schülern sind Zeitzeugen viel offener, um den Jüngeren zu erklären, was damals passiert ist.“

Die AG hat Studienrat Uli Hillenbrand (35) im Oktober 2015 als „Oral History“ begonnen. In den drei Jahren haben die Schüler, meist Zehntklässler, 150 Personen befragt. Alles, was früher in der Nachbarstadt von Straßburg geschehen ist, wurde aufgezeichnet.

Auf diesen reichen Fundus konnte Hillenbrand zurückgreifen, als die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet, ein Verein in Merzhausen, den Wettbewerb „Erinnerung sichtbar machen: 80 Jahre Reichspogromnacht 2018“ ausrief. Die Kehler reicherten ihre Tonaufnahmen mit historischen Bildern der Schauplätze an, die neben aktuelle Fotos gestellt wurden. Dazu kamen Ausschnitte aus Gerichtsakten. Für die Recherchen informierte sich die Gruppe in einer ehemaligen Synagoge, auf dem jüdischen Friedhof, sie trafen sich zu Gesprächen an den Orten der Niedertracht. So kann im 40-minütigen Film eindrücklich gezeigt werden, wo sich welche Grausamkeit zugetragen hat.

Die Kinder von damals konnten durch ein Fenster sehen, wie die Juden verprügelt wurden: „Ich war fix und fertig, furchtbar war das, man hat sie schreien hören.“ Sie haben das Verwüsten der Synagoge miterlebt: „Acht Männer raubten den Opferstock, zerstörten die Kultgegenstände und legten Feuer.“ Die gleichgeschaltete „Kehler Zeitung“ diffamierte die Synagoge als „Tempel talmudischer Rachsucht und Verschwörung“. Das Pogrom war keine geheime Kommandosache, die Schergen scheuten nicht das Licht: „Alles, was Nationalsozialist war, war auf den Beinen.“ Die Eindrücke waren umso belastender, als die Betroffenen ja Bekannte waren, wie Fahrradhändler Simon Bensinger in der Spießgasse: „Das war eine nette Familie.“

In Kehl fiel Goebbels perfide Idee vom „spontanen Volksaufstand“ nach der Ermordung des Gesandten Rath in Paris auf fruchtbaren Boden. Die Stadt am Rhein war eine Nazi-Hochburg. Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 bekam die NSDAP 69 Prozent der Stimmen, im Rest-Reich waren es 43,9 Prozent. Adolf Hitler hatte die Stadt im August 1938 besucht und eine Tuchfirma inspiziert, deren wichtigster Kunde die Wehrmacht war.

Die Exzesse ein Vierteljahr nach Hitlers bejubeltem Abstecher fielen besonders menschenverachtend aus. Das Gericht in Offenburg stellte fest, dass es sich um „Ausschreitungen übelster Art gehandelt hat, wie sie selbst bei Judenaktionen nicht sehr häufig vorgekommen sein mögen“. Dennoch fiel das Urteil gnädig aus. Zwei der Angeklagten wurden freigesprochen, ein dritter musste 18 Monate büßen, ein vierter sechs Wochen.

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08.11.2018, 06:00 Uhr

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