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Vergessene Kulturtechnik

Gelegentlich führt einen Alltägliches zu ganz besonderen Plätzen – wie neulich im Supermarkt. Da kaufte ich einen in Plastik eingeschweißten, bereits in Scheiben zerlegten Bergbauern-Käse (mild-nussig), weil ich (sonst kein Freund von Vorgeschnittenem) eine lange Zugfahrt vor mir hatte, es zudem heiß war und ich nicht das ganze Abteil mit der kräftig-würzigen Variante nerven wollte.

25.08.2015
  • Frank Rumpel

Und wie ich da im Zug sitzend mein Brötchen belegte, fiel mir auf, was für einen besonderen Käse ich da erstanden hatte – wenngleich er nun, wie ich später merkte, mir nicht besonders gut schmeckte. Mild steht bei Käse ja meist für geschmacklos, wahlweise auch für ein so feines Aroma, dass nur die sensibelsten Gaumen in der Lage sind, es wahrzunehmen. Die Scheiben sahen auch ziemlich gewöhnlich aus, waren gelb, hatten Löcher und klebten ob der Hitze zu einem Klumpen zusammen, der in der Folie kräftig Fett absonderte.

Und doch handelte es sich, wie ich erst allmählich begriff, bei diesem Käse um eine echte Rarität, um einen Glücksfund, ja, ich würde sogar sagen, um einen glasklaren Fall für die Weltkulturerbe-Kommission. Nein, das ist wahrlich nicht übertrieben, wenngleich ich den Käse (des Hungers und nicht des formidablen Geschmackes wegen) restlos aufgegessen habe (auch um der Hitze zuvorzukommen, die da drohte, den Aggregatzustand meines Brotbelages komplett zu ändern) und ihn deshalb als Beweisstück nicht mehr zur Verfügung stellen könnte. Doch bin ich zuversichtlich, dass sich weitere Exemplare im Kühlregal der umliegenden Supermärkte finden.

Dieser Käse also stammte „von Bergwiesen über 800 m“. Das wäre schon erstaunlich genug. Einmal vorausgesetzt, dass „m“ hier tatsächlich für Meter steht. Aber da ist auch noch zu lesen: „100 verschiedene Kräuter: gibt die beste Milch.“ Es ist also längst nicht so – was erstaunlich genug wäre –, dass der Käse aus Gras gemacht wird. Nein, die Grundlage ist und bleibt, auch beim Graskäse, die Milch. Und die wird aus Kräutern gewonnen, oder eben aus von Kräutern durchsetzten Wiesen.

Wahnsinn. Ein Käsebrötchen essend auf den Spuren einer vergessenen Kulturtechnik. Wiesen melken. Die mit saftigem Gras bewachsenen Hänge des bayrischen Allgäus (denn daher scheint der Käse zu stammen) voll mit Menschen, die da knieend oder halb liegend Halm um Halm die Milch abpressen. Gesehen habe ich sie nie, die Wiesenmelker, die sich womöglich nur an die Arbeit machen, wenn keiner zuschaut.

Gesammelt wird sie wohl in winzigen Fläschchen. Tropfen um Tropfen kullern hinein, und das Gesammelte wiederum füllen die Melker in Kannen um, die am Wegrand auf den Milchlaster warten. Freilich sieht man auch Kühe hie und da, die Gras einfach nur fressen. Was dabei passiert ist nun wiederum ganz und gar unergründlich, rätselhaft, ja mag manchen zu einer raschen, allzu offensichtlich anmutenden Antwort verleiten, die aber falsch sein muss, schenkt man dieser detaillierten Produktbeschreibung Glauben. Nur: Wieso hat man noch nie davon gehört? Die werden ja nicht lügen. Die Kühe, das Gras, die Milch. Vielleicht, überlegt es in mir, während sich die Klimaanlage im Zug endgültig der Hitze draußen geschlagen gibt und ich auf meinem letzten Stück Wiesenkäsebrötchen kaue – vielleicht hat sich da ja einfach nur jemand verplappert.

Vergessene Kulturtechnik

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25.08.2015, 12:00 Uhr

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