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Stadtwerke fanden Neues zur „gleislosen Bahn“ und zur Fernwärme

Vergessenes Archiv

Wie gut, dass es Jubiläen gibt: Die Tübinger Stadtwerke haben ihren 150. Geburtstag zum Anlass genommen, den Archivkeller mal gründlich zu durchforschen. So kam ein „vergessenes Archiv“ zutage, dessen Akten und Ordner die Geschichte erhellen und präzisieren, etwa zur Fernwärmeversorgung des Uhlandbads oder zur „gleislosen Bahn“.

17.07.2012
  • Manfred Hantke

Stadtwerke-Jubiläum (1): Die Anfänge der Gasversorgung

Stadtwerke-Jubiläum (1): Die Anfänge der Gasversorgung --

02:28 min

Tübingen. Die Idee einer „gleislosen Bahn“ war zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa weit verbreitet: So nannte man einen Bus mit Elektromotor, der über eine Oberleitung seinen Strom erhält. Auch Otto Henig, seit 1904 Chef der Tübinger Stadtwerke, wollte den durch das Gaswerk produzierten überschüssigen Strom sinnvoll nutzen. Von 1909 bis 1911 machte er sich intensiv Gedanken, holte Informationen bei Herstellern ein, plante und berechnte.



Stadtwerke-Jubiläum (2): Professoren drängten zum Gaswerkebau

Stadtwerke-Jubiläum (2): Professoren drängten zum Gaswerkebau --

02:34 min

Die damalige Linienführung ähnelte derjenigen, wie sie heute wieder für eine Stadtbahn im Gespräch ist. Vom Hauptbahnhof sollte der Oberleitungsbus über den Marktplatz, die (Tal-)Kliniken und die Universität bis nach Lustnau und Bebenhausen fahren. Doch alle Arbeit war umsonst. Der Gemeinderat stoppte das fertig geplante Projekt: Kein Geld.



Stadtwerke-Jubiläum (3): Die hydraulische Akkumulierungsanlage

Stadtwerke-Jubiläum (3): Die hydraulische Akkumulierungsanlage --

03:52 min

Dass Henig die „gleislose Bahn“ nach Tübingen bringen wollte, war zwar schon bekannt. Gefunden wurden jetzt aber detaillierte Planungen, seine Argumentationstaktik sowie die Auflistung der von ihm benutzten Literatur.



Entdeckt haben die Stadtwerkemitarbeiter und die Festschriftautorin Carmen Palm bei ihrer Kellerrecherche auch Details zur Fernwärmetechnik von Henig. Henig und sein „Gasmeister“ Michael Fauner hatten ein Verfahren entwickelt, wie die Abwärme des Gaswerks zur Warmwassergewinnung genutzt werden kann.



Stadtwerke-Jubiläum (4): Unternehmergeist in Krisenzeiten

Stadtwerke-Jubiläum (4): Unternehmergeist in Krisenzeiten --

02:56 min

Mit dieser Erfindung machte der umtriebige und innovationsfreudige Stadtwerkechef nämlich den Bau des Uhlandbades 1914 erst möglich. Denn wiederum klemmte der Gemeinderat: Ein Bad ja, aber bitte nicht so teuer. Henig ließ dann eine 1,6 Kilometer lange Fernwärmeleitung vom Gaswerk bis zum Uhlandbad bauen und sorgte mit seiner Abwärmenutzung für warmes Wasser. Weil er mit seiner Erfindung Heizkosten sparte, winkte der Rat den Bau des Bades durch, das im übrigen auch durch großzügige Spenden Tübinger Bürger mitfinanziert wurde.



Stadtwerke-Jubiläum (5): Der Schaffer Otto Henig und sein Verhältnis zum NS

Stadtwerke-Jubiläum (5): Der Schaffer Otto Henig und sein Verhältnis zum NS --

02:39 min

Henig meldete das Patent nicht nur beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin an, sondern, wie jetzt herauskam, auch in Budapest. Mit dieser Erfindung machte der Tübinger Furore. Aus halb Europa kamen die Anfragen zur Abwärmenutzung, zur praktischen Umsetzung und zu den Tübinger Erfahrungen, wie ein dicker Ordner belegt. Die Fernwärmeleitung zum Uhlandbad war bis in die 1940er Jahre funktionstüchtig.



Henig war es auch, der 1923 eine damals so genannte hydraulische Akkumulierungsanlage, ein Pumpspeicherkraftwerk in Betrieb nahm und damit zu den Vorreitern in Deutschland zählte. Auf dem Österberg ließ er dazu ein Wasserreservoir mit 9000 Kubikmeter Fassungsvermögen anlegen. Nachts wurde aus dem Neckar beim Wehr das Wasser 125 Meter nach oben in den Speicher gepumpt, tagsüber, wenn der Verbrauch am höchsten war, schoss das Wasser nach unten und trieb eine Turbine an.



Die Entwicklung aus der Schweiz erzeugte eine Leistung von 2 mal 200 Kilowatt. Das Pumpspeicherkraftwerk arbeitete bis zum Februar 1945. Bei einem Bombenangriff wurde es schwer beschädigt, danach nicht mehr instand gesetzt. Das Speicherbecken auf dem Österberg wurde 1960 eingeebnet.



Ans Licht der Öffentlichkeit sind aus dem dunklen Keller auch der Vertrag mit dem Gaswerkerbauer Emil Spreng sowie Unterlagen zur Elektrifizierung von Bebenhausen gekommen.

All die Geschichten finden sich in der ansprechenden und kurzweilig zu lesenden Festschrift „Wir wirken mit“. Darin hat die Autorin 15 Porträts zusammengefasst, die sich zur Unternehmensgeschichte abrunden. Porträtiert werden etwa der „Vorreiter“ Friedrich August Quenstedt, der mit den 40 Unterschriften seiner Professorenkollegen für den notwendigen Nachdruck zum Bau des ersten Gaswerks 1862 sorgte, oder der Gaswerke-Konstrukteur Emil Spreng. Vorgestellt werden aber auch die 104-jährige Privatkundin Anne Markert, einige Mitarbeiter und Geschäftspartner. Angereichert werden die Porträts mit historischen Bildern und weiteren Notizen, wobei auch die NS-Zeit nicht ausgespart wird.

Info: Die Festschrift kostet 5 Euro. Am Freitag, 20. Juli, wird um 17 Uhr eine öffentliche Führung angeboten, weitere Führungen nach Anmeldung.

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17.07.2012, 12:00 Uhr

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