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"Vergesst uns nicht"
Von der Krankheit gezeichnet: Motörhead-Frontmann Ian "Lemmy" Kilmister in Ludwigsburg. Foto: Martin Kalb
Die Hardrocker von Motörhead: Ein Konzert wie ein Vermächtnis

"Vergesst uns nicht"

40 Jahre nach der Gründung geben Motörhead auch ein Konzert in Ludwigsburg. Der Chef, Shouter und Bassist Ian Lemmy Kilmister wirkt schwach, lässt aber seine einstige Größe aufblitzen - mit großen Songs.

27.11.2015
  • MARTIN TRÖSTER

Ludwigsburg. Wer in diesen Tagen ein Motörhead-Konzert aufsucht, der zollt in erster Linie seinen Respekt. Oder will einfach das alte Schlachtross noch einmal sehen, solange es noch einen Rest Diesel im Tank hat. Die Rede ist von Ian "Lemmy" Kilmister, Geist, Herz, Hirn und Seele einer der wichtigsten Bands der Rockgeschichte.

Der Körper des 69-Jährigen ist schwach. Das ist in der MHP-Arena in Ludwigsburg augen- und ohrenfällig, denn Kilmister spielt nicht nur Bass, er ist der Sänger. Der viel zu laut abgemischte, wenn auch durchaus feinsinnige Krach des Schlagzeugers Mikkey Dee und des Gitarristen Phil Campbell kann den Verfall des Metal-Monsters nur mühsam kaschieren. Kilmister ist so dürr wie nie. Doch die Leute freuen sich, dass er nach seinem drogenbejahenden Leben überhaupt noch da ist. Sie applaudieren freundlich - am lautesten dann, wenn der Drummer es einfordert.

Früher hat Kilmister am Anfang der Konzerte noch getönt: "Wir sind Motörhead, und wir treten Euch in den Arsch." Oder wenigstens: ". . .und wir spielen Rock n Roll". Heute sagt er am Ende: "Vergesst uns nicht. Wir sind Motörhead." Vor nicht mal fünf Jahren wäre dort ein fauchendes Raubtier gestanden, das von der Wucht der Band gefüttert wird und seine Energie in das nach unten gekröpfte Mikro brüllt. Diese Pose, den Kopf nach hinten abgewinkelt, hat ihn immer ganz besonders zornig wirken lassen. Heute schimmert sie nur selten durch, diese Aura des sexuellen Urviechs und Wikingerhäuptlings, dessen Gefolge im Saal sich von einem Akkord zum nächsten in einen viertausendköpfigen Wutanfall verwandeln könnte.

Aber für irgendetwas wird man ja wohl 69 sein dürfen. Nicht zu vergessen: Kilmister hat die Songs geschrieben. Zum Beispiel "Bomber", das erste Stück des Abends. Es stammt aus der goldenen Ära der Band, die von der Gründung 1975 bis in die frühen Achtziger anhielt. In dieser Epoche ebneten Kilmisters Außenseiter-Hymnen den Weg für Vieles, das heute als Heavy Metal gilt. "In der Hölle gibt es keine Hoffnung", gurgelt Kilmister bei "Bomber". Dieses famose Lied über die Kaltblütigkeit einer Bomberbesatzung und die Rohheit des Menschen vereint eingängige Melodien mit kraftvollen, existenzialistischen Zeilen vom Schwarzen Reiter am Bass: Angst, Hass, Tod und Krieg waren schon immer Kilmisters bevorzugte lyrische Sujets, genauso wie Sex und Lebensfreude, dazu ein paar Spritzer Religionsverachtung, Drogensucht und Puffbesuche.

Der "Whorehouse-Blues" ist das einzige Stück des Ludwigsburger Abends, für das sich Ohren lohnen - für den Rest reicht wegen der Lautstärke der Magen. Fast zärtlich säuselt der Hexenmeister diese Ode an die käufliche Freude. Die Akustik-Ballade stammt vom letzten großen Album der Band, von "Inferno" (2004). Wieder so ein Stück, das belegt: Es greift eindeutig zu kurz, Motörhead als reine Metal-Band zu verstehen.

Schon immer verschmolz die Gruppe Punk, Hardrock und Blues zu etwas, was Kilmister selbst als Rock n Roll bezeichnet. Keiner seiner Songs steht mehr für die entsprechende Diesseitsbejahung wie "Ace of Spades" von 1980. Das "Pik-Ass", die Todeskarte, wird hier zur Huldigung des Zockens und Treibenlassens - eine radikale Absage an Vernunft und Betulichkeit.

Am Anfang von "Ace of Spades", ach was, am Anfang von allem, was Motörhead ausmacht, schrillt ein markantes Bassriff, wie es typisch ist für Kilmisters Spiel: schön hoch und verzerrt. Es klingt wie eine tief verletzte Gitarre und schafft dieses typisch fiebrige Grundrauschen: ein Klang ohne Rast, schnell, hart und laut wie der Puls der Stadt in der Nacht, ein Sound, zu dem sensible Gymnasiasten und düstere Motorradmänner gleichermaßen den Kopf wippen.

Nein, Motörhead, oder besser: Kilmister, der einzige aus den Anfangstagen, lässt sich nicht auf Heavy Metal reduzieren. Das legen schon seine Anfänge im Musikgeschäft nahe - erst als Roadie von Jimi Hendrix, dann der Emporstieg aus der LSD-vernebelten Sphäre der Space-Rock-Truppe Hawkwind. Damals, als Kilmister, dem wandelnden Drogenarchiv, noch die Drachen aus der Tapete entgegengekommen sind, hat er auch schon den Bass traktiert.

Am Ende des Konzertes in Ludwigsburg stellt er sein liebstes Spielzeug vor den Verstärker, und verabschiedet sich, wie sich das für Motörhead gehört, mit dröhnenden Rückkopplungen von der Bühne - allerdings mit beiden Händen auf das Geländer der Treppe gestützt. Ein letztes Winken, weg.

Wie hat es einer dieser langhaarigen Metal-Männer während des Konzertes in der Arena gesagt? "Woischd du, mir werrad elle alt." Man könnte heulen.

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27.11.2015, 08:30 Uhr

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