Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
„Verletzte Erwartungen“
Psychologe Mario Gollwitzer. Foto: Privat
Interview zur Kölner Silvesternacht

„Verletzte Erwartungen“

Die Kölner Silvesternacht wirkte wie ein doppelter Vertrauensbruch, sagt Mario Gollwitzer. Er ist Sozialpsychologe und Professor an der Universität Marburg. Ein Gespräch über Angst, Enttäuschung und Misstrauen.

28.12.2016
  • AXEL HABERMEHL

Herr Gollwitzer, „Kölner Silvesternacht“ ist zu einer Chiffre geworden. War das wirklich der Wendepunkt in der deutschen Flüchtlingsdebatte?

Mario Gollwitzer: Viele Menschen haben sich in der Flüchtlingskrise mit großer Empathie für die Ankommenden engagiert. Diese Hilfsbereitschaft wurde als eine Art Vertrauensvorschuss verstanden. Solch ein Vorschuss wird aber nicht ohne Bedingungen vergeben, sondern daran hängen implizite Erwartungen. Also: Wir helfen euch, weil ihr in Not seid, aber haltet euch bitte an gewisse Regeln. In der Kölner Silvesternacht haben dann einige von denen, die man zur Gruppe dieser Flüchtlinge gezählt hat, diese Erwartungen verletzt.

Was bedeutet es, wenn kollektives Vertrauen verletzt wird?

Im Alltag erwarten wir von unseren Partnern oder unseren Freunden, dass sie unser Vertrauen nicht missbrauchen. Und wenn sie es doch tun, dann bestrafen wir sie oder meiden sie. Das Gleiche tun wir, wenn Mitglieder einer diffusen Gruppe unsere Erwartungen verletzen: Meist generalisieren wir dann, das heißt, wir neigen dazu, die Gruppe als Ganzes zu bestrafen. Dabei hat sich die große Mehrheit dieser Gruppe ja gar nichts zuschulden kommen lassen. Diese Generalisierung ist sehr menschlich, aber natürlich auch sehr problematisch.

Es gibt derzeit eine große Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen, kleinen Waffenscheinen und Pfefferspray. Sind wir ein Volk in Angst?

Ich kann mir vorstellen, dass sich viele Leute das zwar mal anschaffen, aber nicht einsetzen. Eher als Selbstberuhigungsstrategie.

Weil man glaubt, sich selbst schützen zu müssen, da die Polizei in der Silvesternacht überfordert war?

Genau, es gab ja zwei Vertrauensverluste parallel, zwei Enttäuschungen: Erstens die Enttäuschung darüber, dass es in der Gruppe der Asylbewerber auch solche gibt, die unumstößliche Regeln des Respekts voreinander missachten. Zweitens die Enttäuschung darüber, dass die Polizei an diesem Abend hilflos und überfordert war.

Ähnliches gilt für die Justiz, oder? Es wurden ja kaum Sexualstraftäter der Silvesternacht verurteilt.

Das sehe ich etwas differenzierter: Zwar konnten nur wenige Täter ermittelt und zu wenige individuelle Taten bewiesen werden. Es ist aber eine Stärke des Rechtsstaats, dass er sich auch unter Druck an seine Gesetze hält. Dazu gehört, dass jemand eindeutig überführt werden muss, um schuldig gesprochen und verurteilt zu werden. Axel Habermehl

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.12.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball