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„Sind Sie ein Lehrer?“

Verlockende Eisfläche auf dem Tübinger Anlagensee

Ein Nachmittag auf dem Tübinger Eis: Der See wird von den Kindern überrannt, auch Erwachsene haben ihren Spaß. Selfie-Stick, Chinaböller und eine Bohrmaschine gehören für manche zum Equipment.

24.01.2017
  • Moritz Hagemann

Kaum betritt man als Journalist das Eis auf dem Anlagensee, wird man von einigen Jugendlichen schräg angeschaut. Das liegt wohl an dem Notizblock in der Hand. „Sind Sie ein Lehrer?“, fragt ein Mädchen. „Warum?“, bekommt sie als Antwort. „Weil die Lehrer hier manchmal rumlaufen und sich aufschreiben, wer auf dem Eis ist“, sagt sie. Denn die Mittagspause auf dem Anlagensee zu verbringen, wird zwiespaltig gesehen: ein großer Spaß für die Kinder, aber eben nie ohne eine gewisse Restgefahr. Klar, dass die Lehrer da den Überblick behalten wollen.

Pauline trägt sogar Schlittschuhe, ihre Mama habe die einst schon angehabt, sagt sie. Die Siebtklässlerin des Kepler-Gymnasiums tobt am Dienstagmittag mit ihrer Freundin Luna auf dem Eis umher. Ob sie sich sicher fühlen? „Klar“, sagen sie. „In der Pause sind hier ja manchmal drei Schulen drauf.“ Außerdem habe ein Mitschüler erzählt, dass bei einer Eisdicke von 15 Zentimetern sogar Autos über das Eis fahren könnten. „Und sein Vater war auch schon da“, er habe mit der Bohrmaschine die Eisdicke getestet – und dann grünes Licht gegeben.

Vereinzelte Flächen auf dem See sind vom Schnee befreit. Die beiden Mädchen erzählen, dass morgens manchmal Erwachsene mit Schneeschippen hantieren. Das wissen sie, weil sie am Dienstagmorgen in den ersten beiden Stunden kurzfristig frei hatten. Und sich die Klasse stattdessen auf dem See getroffen hat. „Ohne Lehrer“, betonen die Mädchen.

Ein paar Schüler am unteren Ende des Sees hören über ihre Handys laute Rapmusik, sogar einen Chinaböller zünden sie und ziehen dann schnell von dannen. Bei vielen Mitschülern kommt das gar nicht gut an. „Die wollen halt cool sein“, sagt Leon (13). „Aber davon lassen wir uns den Spaß nicht verderben.“ Und die Rabauken bleiben auch die Ausnahme.

Vertrauen in den See

Lorenz läuft in Schlittschuhen auf dem Eis umher. Der 15-Jährige vom Kepler-Gymnasium hat früher mal mit dem Eishockey angefangen und war schon am Montag auf dem See. „Ich habe Vertrauen in den See“, sagt er, „er wirkt sehr solide.“ Alternativ bleibe bei wärmeren Temperaturen eigentlich nur die Reutlinger Eishalle.

Es sei eine willkommene Abwechslung, dass so etwas in der Mittagspause möglich ist. „Sofern man es genießen kann“, sagt Lorenz. Das Eis sei sehr hubbelig, „das ist halt naturbedingt.“ Auf dem See liegt auch noch eine Menge Schnee. Nach einigen Minuten geht er vom Eis. Seine Freunde sind da, sie haben ihm beim Supermarkt etwas zu Essen gekauft: zwei Packungen Nüsse. Ein Pfandsammler zieht währenddessen mit einem langen Ast ein paar Plastikdosen vom Eis.

Charlotte (12) und Elive (13) beteiligen sich an einem Fangspiel mit ihrer Klasse. Und sie rutschen umher. „Am Anfang haben wir das schon erstmal vorsichtig getestet“, antworten sie auf die Frage, ob sie sich sicher fühlen. Aber: „Es gehen ja alle drauf, da passiert nichts.“ Nur hinten beim Entenhaus bleibt die Fläche meistens frei. Es hat sich herumgesprochen, dass dort vor wenigen Tagen jemand eingebrochen ist: Das hätten sie auch gelesen, sagen die Mädchen.

Viele überqueren den See auch einfach nur, weil es eine Abkürzung auf dem Weg zum Bahnhof ist. Und laufen kann man wegen der Schneedecke auch problemlos in Straßenschuhen. Das fühlt sich auch nicht anders an, als auf einer schneebedeckten Straße. Zumal das Eis am Dienstagnachmittag akustisch kein Knacken von sich gibt. Einzig die Schlittschuhe haben einige Spuren in der Oberfläche hinterlassen. Sogar mit dem Fahrrad wagen sich einige darauf.

Seltene Bilder

Auf dem Eis ohne Fahrrad gestürzt ist die 10-jährige Penelope: „Ich hab’ mir fast den Arm gebrochen“, sagt sie, während in ihrer rechten Hand ein Selfie-Stick mit ihrem Smartphone klemmt. Gemeinsam mit ihrer Freundin Sophie habe sie etliche Bilder gemacht. „Solche Bilder bekommt man ja nur ganz, ganz selten“, sagt Penelope stolz. Und der Fast-Armbruch? So schlimm sei’s dann doch nicht gewesen, sagt sie, „weh tut’s auch nicht mehr.“ Sie lächelt.

Aus dem TAGBLATT hat Gabriel Stolze (29) erfahren, dass es in Tübingen überhaupt einen begehbaren See gibt. „Und ich war noch nie auf einem zugefrorenen See“, sagt er. Er ist mit seiner kleinen Tochter und seinen Schwiegereltern auf das Eis gekommen. „Das mussten wir uns mal anschauen“, sagt er. „Ich find’s gut, dass es so etwas gibt.“ Und die kleine, gut eingepackte Tochter scheint es offensichtlich auch zu genießen, wenn der Papa Anlauf holt und auf dem Eis umher schlittert.

Der 53-jährige Siegbert Buck hat seine Schlittschuhe noch in der Sporttasche verpackt und beobachtet das Treiben auf dem Eis. Er sei schon auf dem See an der Reutlinger Kreuzeiche und in Erpfingen gewesen, erzählt der Öschinger. „In der freien Luft ist das was Besonderes, ich bin auch begeisterter Inlineskater“, sagt er. Die Uhr zeigt halb vier, als er das Eis betritt: „Das muss man ausnutzen. Ich bleibe jetzt hier, bis die Nacht anbricht.“

Umfrage

Eis auf dem Anlagensee

Selten kommt es vor, dass der Tübinger Anlagensee von einer dicken Eisschicht bedeckt ist. Sollte die Stadt Tübingen die Eisfläche zum Betreten freigeben?
53%
53%
Ja, wenn das Eis wirklich dick genug ist, sollte die Stadt diesen seltenen Winterspaß nicht mit Verboten verhindern.
20%
20%
Nein, die Gefahr ist zu groß, dass doch jemand einbricht. Dann haftet die Stadt, und dieses Risiko darf sie nicht eingehen.
27%
27%
Egal. Solange das Verbot, die Eisfläche zu betreten, nicht kontrolliert wird, machen die Leute sowieso was sie wollen.
500 abgegebene Stimmen

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24.01.2017, 20:24 Uhr

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24.01.2017

21:54 Uhr

cehage schrieb:

Dabei muss ich schmunzeln, aber DAS ist mal richtig COOL: Ein Vater der für seinen Sohn mit der Bohrmaschine die Eisdecke testet.



 

 

 
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