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Die Geschichtsblätter edierten die erschütternden Briefe Bea Maiers an ihre Kinder

Vermächtnis einer Verfolgten

Ans „Hannele“ und „Bübchen“ schrieb Bea Maier ihre mütterlich besorgten Briefe. Die waren in England in Sicherheit, die Mutter geriet in das Mahlwerk der nazistischen Judenverfolgung.

15.10.2011
  • Fred Keicher

Reutlingen. Die letzte Postkarte schrieb die Mutter aus Marseille, Poststempel 15. September 1942: „Meine geliebten guten Kinder, auf der Reise als ,Rückwanderer‘ sind meine Gedanken innigst mit euch verbunden. Der Allmächtige sei mit Euch und Eurer unglücklichen Mutter und Tante Ida.“ Tante Ida schrieb auf die Rückseite, sie hoffe alle „trotzdem“ wiederzusehen. Die „Rückwanderung“ endete in Auschwitz, die letzten Lebensspuren von Bea Maier und ihrer Schwester Ida Oppenheimer sind Nummern auf Transportlisten.

115 Briefe hat die Mutter an ihre Kinder Hannelore und Gerhart geschrieben. Hannelore flüchtete bereits im Januar 1937 nach England, der jüngere Gerhart folgte im September 1938. Der Vater suchte im Februar 1937 den Freitod. „Die Mutter konnte ich leider nicht retten“, sagte Hannelore Maier am Donnerstag im Foyer des Rathauses, als der jüngste Band der Reutlinger Geschichtsblätter vorgestellt wurde. Geschichtsvereinsvorsitzender Wilhelm Borth hat die Briefe ediert und mit einem Aufsatz die Hintergründe dargestellt.

Vor zehn Jahren hat Hannelore Maier die Briefe ihrer Mutter dem Reutlinger Stadtarchiv übergeben. Als „Zeichen der Versöhnung“ wertete das Oberbürgermeisterin Barbara Bosch bei ihrer Begrüßung.

Die heute 88-Jährige blieb in London, ein Studium konnte sie sich nicht leisten, sie wurde Sekretärin und hatte später eine leitende Stellung in der Londoner Stadtverwaltung. Zum ersten Mal kam sie wieder im Jahr 2000 in ihre Heimatstadt. Der Bruder Gerhart wurde Lehrer und nannte sich Geoffrey Moore.

„Wir waren stolze Bürger Deutschlands, trotzdem hat man uns verfolgt.“ Ihre ersten Worte hatten einen englischen Einschlag. „Diese Briefe sind ein angemessenes Denkmal für eine ungewöhnliche Frau.“ Sie seien Zeugnisse großer Mutterliebe und von unsagbarem Leid. Irgendwann kam nichts mehr: „Es gab keine Briefe mehr von Auschwitz.“

Leider seien die Briefe ihres Vaters Adolf Maier verloren gegangen. Vor seinem Freitod hat er ihr täglich geschrieben. Dieser Freitod war eine direkte Folge der Boykotthetze der Nazis, berichtete Borth in seinem Vortrag. Adolf Maier war 1910 von Horb nach Reutlingen gekommen und gründete hier ein Geschäft als Immobilien- und Hypothekenmakler, das erste fachmännische, wie er stolz annoncierte. Das Geschäft florierte, trotz Kriegsdienst im Weltkrieg. 1920 heiratete er Bea „Babett“ Oppenheimer aus dem badischen Gemmingen. Die Familie – 1922 wurde Hannelore geboren, 1929 dann Gerhart – wohnte in der Kaiserstraße 117. Man fuhr zur Kur nach Baden-Baden, mit einem der ersten Automobile in Reutlingen.

Borth zählte die Maiers zur Reutlinger Oberschicht. Sie fielen durch die Nazis in kurzer Zeit ins Nichts. Adolf Maier, als „Hypothekenmaier“ verfemt, wurde insolvent. Die Mutter klammerte sich an Hoffnungen auf eine Auswanderung, die sich alle zerschlugen. Von allen Stationen ihrer Irrfahrt nach Auschwitz schrieb sie den Kindern diese feinfühligen, an deren Leben interessierten Briefe, die eigenen Nöte rückte sie ganz in den Hintergrund.

Hannelore Maiers Wunsch war, dass Chopins „Revolutionsetüde“ den Abend eröffnet. Friedemann Treutlein spielte sie und mit Patrick Koch Klezmer-Musik. Ein Stehempfang für die 200 Besucher bei Wein und Gebäck beschloss den Abend.

Vermächtnis einer Verfolgten
Der Besuch der alten Dame: Hannelore Maier (Mitte) und ihre Begleiterin Linda Rogers zwischen Barbara Bosch (rechts) und Wilhelm Borth (links). Bild: Haas

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15.10.2011, 12:00 Uhr

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