Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Beratungsgespräche zu Geldanlage

Vermögensverwalter beklagen „bürokratischen Unsinn“

Beratungsgespräche müssen aufgezeichnet, viele Formulare ausgefüllt werden: Zwei Experten zeigen die Folgen für Banker und Verbraucher auf.

26.03.2018

Von ROLF OBERTREIS

Beratungsgespräch bei der Geldanlage: Massenhaft Daten und Formulare, die Mifid II verlangt. Foto: © Rawpixel.com/Shutterstock.com Foto: © Rawpixel.com/Shutterstock.com

Frankfurt. Natürlich wollen wir, dass der Kunde sein Geld bei uns mit geringerem Risiko und möglichst ertragreich anlegt“, sagt Gerhard Schaan. „Es geht um einen fairen Umgang. Andererseits wollen wir auch Geld verdienen“, ergänzt sein Geschäftspartner Martin Schneider. Beide sind erfahrene Anlageexperten, haben mehr als 20 Jahre bei großen Banken gearbeitet, sich vor knapp zehn Jahren mit einer Vermögensverwaltung selbstständig gemacht. Mit einer weiteren Mitarbeiterin ist Schaan Investment in Frankfurt mit einem kleinen Büro aktiv. Mit Erfolg: Im vergangenen Jahr haben sie für ihre Kunden einen Vermögenszuwachs von bis zu 20 Prozent erwirtschaftet, mit einer soliden Anlagestrategie.

Seit Jahresanfang ist das Geschäft aber schwieriger und erheblich aufwändiger geworden. Für Schaan und Schneider wie für die gesamte Branche. Die Gründe leuchten den beiden ein, der Ansatz sei nach den Erfahrungen mit der Finanzkrise, den fragwürdigen Praktiken vieler Banken und zum Teil hohen Verlusten von Kleinanlegern richtig. „Mifid?II“ heißt das Regelwerk, an das sich Banken und Finanzdienstleister halten müssen. Auf 20?000 Seiten werden bis ins kleinste Detail Vorschriften aufgelistet. Viele Banken mussten neue Mitarbeiter einstellen.

Schaan und Schneider noch nicht. Sie halten einen dicken Stapel mit Formularen hoch, zitieren daraus, was sie von Kunden alles abfragen müssen und was der wiederum gegenzeichnen muss: „Sachkundenachweis, Geeignetheit, Ex-Ante Kostenerfassung, Umgang mit Interessenskonflikten, Geldwäschegesetz, Finanzinstrumente“, zählt Schneider auf.

Unlängst habe man mit einer neuen Kundin einen Tag gebraucht, um die mehr als 30 Seiten umfassenden Unterlagen durchzusprechen und unterzeichnen zu lassen. Die Dame habe gar nicht alles lesen können, ihr habe der Kopf gebrummt. „Der Aufwand ist kaum mehr zu rechtfertigen, mehr Sicherheit bringt das nicht“, sagen die beiden Vermögensverwalter.

„Wir brauchen den mündigen Kunden, aber so dass er sich auch in zeitlich überschaubarem Rahmen einen Überblick verschaffen kann“. Verbraucherschutz sei gut und wichtig, aber was jetzt gefordert werde, überfordere auch den Kunden.

Die beiden Ex-Banker nehmen ohnehin nur Verwaltungsmandate. Der Kunde gibt Schaan klare Vorgaben und Ziele für die Verwaltung seines Vermögens. Dafür zahlt er jährlich eine Gebühr, zusätzlich bekommt der Verwalter eine Gewinnbeteiligung von 10 Prozent. Beratung zu einzelnen Wertpapieren und Aktien bieten die beiden wie viele andere, auch renommierte Privatbanken, nicht an. Der Aufwand sei viel zu groß. Jetzt müssen solche Beratungsgespräche auch am Telefon aufgezeichnet und fünf Jahre gespeichert werden. Das soll den Verbraucher im Streitfall schützen.

Zwei ehemalige Banker, die sich als Vermögensverwalter selbstständig machten: Martin Schneider (links) und Gerhard Schaan. ?Foto: privat

Die Vorgaben haben teilweise absurde Folgen. Schaan berichtet von einer Kundin, die für wenige Tausend Euro Aktien von Coca Cola kaufen wollte und zu ihrer Großbank ging. Sie hat einen guten Job, verdient anständig, hält die Aktie des US-Unternehmens für solide. Ihr ist klar, dass es mit dem Kurs auch mal nach unten gehen kann. Zwei Stunden sitzt sie mit ihrer Beraterin zusammen. Die weigert sich schließlich, für die Kundin das Coca-Cola-Papier zu kaufen: Aktien seien für sie generell nicht das Richtige. Verwundert verlässt die Frau die Bank – und kauft heute Aktien vermutlich ohne Beratung.

Schaan kennt aber auch gegenteilige Fälle. Vielen Versicherungsmaklern gehe es nur um die Provision. Er berichtet von einer Kundin, die bei einer Versicherung vor gut zwei Jahren 5000 EUR in einen europäischen Aktienfonds angelegt hat. Heute sind es nur noch 4700 EUR – trotz guter Entwicklung am Aktienmarkt. Schaan weiß warum: Beim Abschluss hat der Makler 500 EUR Provision kassiert. Zudem ist der Gewinnzuwachs für die Anlegerin auf 2 Prozent pro Jahr begrenzt, alles was darüber liegt geht an die Versicherung. Verluste dagegen werden der Kundin voll belastet.

Solche Praktiken müssten abgestellt werden, dafür sei Mifid II gut, weil sie Transparenz bei den Kosten bringe, sagt der Vermögensverwalter. Trotzdem sei das Geschäft mittlerweile überreguliert, klagt nicht nur er. „Die Finanzaufsicht will bei der Geldanlage offenbar eine Art Bürgerversicherung.“

Teurer wird es für die Branche ohnehin. Research-Berichte, also Analysen des Marktes und einzelner Wertpapiere, müssen jetzt bezahlt werden. Eigentlich müssten Schaan und Schneider einen zusätzlichen Experten halbtags einstellen, um die neuen Vorgaben bewältigen zu können – für mindestens 40?000 EUR im Jahr. Noch scheuen die beiden diesen Aufwand, auch weil ihnen der Verband unabhängiger Vermögensverwalter bei der Bewältigung von Mifid hilft. „Ohne diese Unterstützung wäre es für kleine Vermögensverwalter wie uns schwierig.“

Zum Artikel

Erstellt:
26. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. März 2018, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen