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Tierhaltung

Verschont Dorie

Ein Kino-Animationsfilm macht einen Paletten-Doktorfisch zum Star. Tier- und Umweltschützer befürchten eine steigende Nachfrage und machen auf das Leid von Zierfischen aufmerksam.

29.10.2016
  • GUDRUN SOKOL

Berlin. Wäre Dorie echt, wäre sie im Indo-Pazifik zu Hause, lebte dort zwischen Korallen und Felsspalten und jagte im freien Wasser nach Plankton. Sie würde 30 Zentimeter lang und bis zu 20 Jahre alt. Jene Paletten-Doktorfische, die wegen des Animationsfilms „Findet Dorie“ in Aquarien landen, werden wohl weder so groß noch so alt. Ihr Aktionsradius dürfte sich auf bestenfalls eineinhalb Meter beschränken; der Lebensraum öde, Versteckmöglichkeiten nicht in Sicht. Wasser- und Futterqualität weit von dem entfernt, was die Natur für tropische Fische bereithält.

Ähnlich wie nach dem Kinohit „Findet Nemo“ – der poppige Clownsfisch bescherte Großhändlern im Jahr 2003 ein sattes Umsatzplus – befürchten Tier- und Naturschützer nach dem Boom von „Findet Dorie“ wieder einen Ansturm auf Zierfische aus dem Meer. Für den Paletten-Doktorfisch wäre eine steigende Nachfrage in mehrfacher Hinsicht schlecht. Erstens handelt es laut Deutschem Tierschutzbund bei allen „Dorie-Fischen“, die aktuell im Handel angeboten werden, um Wildfänge, wodurch die Bestände dezimiert werden. Zweitens würden die Fische – trotz Verbots – beim Fang mit Cyanid betäubt, was andere Riffbewohner vergiftet. Und drittens stehe jenen Fischen, die ihre Reise um die halbe Welt überhaupt überstehen, ein leidvolles Leben bevor.

Jährlich werden nach Angaben des Umweltverbands WWF zufolge 20 bis 24 Millionen marine Zierfische in Plastikbeuteln als Luftfracht um den Globus verschickt. Beschränkungen nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen gibt es nicht. Mehr als die Hälfte der Tiere überlebt Fang und Transport nicht; Millionen weitere sterben an Haltungsfehlern.

Wie bei anderen tierischen Kino-Hits habe der Handel auch im Vorfeld des Dorie-Films versucht, die mediale Aufmerksamkeit zu nutzen, um aus bestimmten Tierarten Profit zu schlagen, stellt der Tierschutzbund fest. „Die Heimtier-Industrie hat nichts dazugelernt“, kritisiert Haustier-Referentin Henriette Mackensen. Schon Monate vor dem Filmstart seien limitierte Aquarien-Editionen mit einer lachenden Dorie als Werbeträger angeboten worden. Komplett-Sets, die allenfalls für kleine Süßwasserfische geeignet seien und suggerierten, die Aquaristik sei ein Kinderspiel.

Das Gegenteil ist der Fall, stellt Tierschutzbund-Sprecher Marius Tünte klar. Ein Aquarium im Gleichgewicht zu halten, koste Zeit, Ausdauer und ziemlich viel Geld: Allein die Grundausstattung (für ein Meerwasser-Aquarium sind schnell 500 Euro beisammen) und im Fall des Paletten-Doktorfischs auch das Tier selbst. Für um die 80 Euro werden die dunkelblauen Fische mit der schwarzen Zeichnung und der gelben Schwanzflosse angeboten.

Aquaristik ist ein Hobby, das viel Fachwissen voraussetzt, bestätigt auch der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe (ZZF). So sei es ein „normales Prozedere für Aquarianer“, sich vor dem Kauf über die Bedürfnisse der Fische zu informieren, sagt ZZF-Sprecherin Antje Schreiber. Diskussionen in Internet-Foren über Zierfische offenbaren indes ein hohes Maß an Unwissen. Da werden Arten nach Farben gemischt, die sich in der Natur nie begegnen würden. Generell falsch ist die Annahme, dass sich auch größer werdende Fische in kleinen Behältern halten ließen, weil sie ihre Größe dem Lebensraum anpassten. „Fische wachsen ihr Leben lang“, stellt Harro Hieronimus, Sprecher der Gesellschaft für Ichthyologie (Fischkunde), klar. Wenn sie in kleinen Aquarien nicht ihre volle Größe erreichen, dann liege das daran, dass sie vor ihrer Zeit sterben.

Vor allem in der Meerwasser-Aquaristik lässt sich viel falsch machen, denn tropische Fische sind anspruchsvoll. Besonders der Paletten-Doktorfisch. Ratgeber betonen, dass er für Anfänger absolut ungeeignet ist. „Er benötigt extrem viel Schwimmraum“, warnt ein Online-Meerwasser-Guide. In kleineren Becken werde er krank und aggressiv.

Drei Millionen Kinobesucher

Ganz anders als Dorie, die gutmütige und gedächtnisschwache Animations-Fischfrau, die allein in Deutschland in den ersten vier Wochen nach Filmstart mehr als drei Millionen Kinobesucher mit auf die Reise durch ihre Unterwasserwelt genommen hat. Grundsätzlich, betont Tierschützer Tünte, seien animierte Tierfilme aus pädagogischer Sicht natürlich wertvoll, weil sie viel über Lebewesen, ihre Bedürfnisse und ihre Umwelt vermitteln.

Um die sorgt sich der WWF und nutzt den Kinofilm, um auf den Kahlschlag in den Korallenmeeren hinzuweisen. Unter dem Titel „Findet Dorie noch ein Riff?“ macht der Verband auf die Lage im Lebensraum der Doktorfische aufmerksam: „Das Korallensterben ist eine Unterwasser-Tragödie, der wir viel zu wenig entgegensetzen“, sagt WWF-Meeresschutz-Experte Philipp Kanstinger. Auch die US-Moderatorin Ellen DeGeneres, Dories Stimme im Original, hat ihre Popularität genutzt und auf die Bedrohungen für Korallenriffe hingewiesen. Ein Lichtblick für echte Artgenossen von Nemo, Dorie und Co.

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29.10.2016, 06:00 Uhr

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