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Erziehung

Vertrauen statt Totalverbot

Erziehung Ein Referent klärte am Mittwoch, wann das erste Smartphone für ein Kind sinnvoll ist. Eine Patentlösung gab es nicht – dafür wertvolle Tipps für Eltern.

15.02.2019

Von Mathias Huckert

Zu früh? Zu viel? Zu lang? Das Thema „Kinder und Smartphones“ ist vielschichtig. Bild: Katharina Moser

In der großen Pause stehen Paula und Max zusammen mit ihren Freunden am Klettergerüst. Beide sind zehn Jahre alt und besuchen eine Grundschule in einem der 17 Stadtteile von Horb. Statt sich auf das Klettergerüst zu schwingen, zücken beide ihre Smartphones. Paula und Max gibt es nicht wirklich – dass es aber ganz ähnliches Verhalten auf deutschen Schulhöfen gibt, ist bewiesen. WhatsApp-Nachrichten checken, Videoclips schauen, Fortnite zocken – laut der aktuellen KIM-Studie (Kindheit, Internet, Medien), die der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest 2016 herausgab, würden die beiden Kinder aus Horb mit ihrem Medienverhalten voll im Trend liegen.

71 Prozent der Zehn- und Elfjährigen besitzen demnach bereits ein älteres Handy oder ein Smartphone. Dass diese Zahlen längst nicht mehr aktuell sind, weiß Albrecht Ackermann: „Früher sprachen wir von Schülern der 5. bis 7. Klasse, wenn es um frühe Smartphone-Nutzer ging. Heute sind wir bei den Zweit- und Drittklässlern.“ Bestätigen konnten das die beiden Schulsozialarbeiterinnen Anja Beck und Birte Qvist-Sörensen. Es sei keine Seltenheit, bereits „Zweitklässler mit der Apple-Watch am Handgelenk“ in der Klasse zu haben, erzählt Beck. Auch dem Jugendgemeinderat in Horb sind solche Fälle bekannt. Deshalb lud das Gremium Albrecht Ackermann als Referenten des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg in die Turnhalle der Gutermann-Grundschule ein.

Die zahlreichen Eltern waren am Mittwoch allesamt mit einer Frage zum Vortrag gekommen: Ab welchem Alter sollte ein Kind ein Smartphone besitzen? „Allgegenwärtig“ sei dieses Thema laut Fred Geiser, der als Vater eines neunjährigen Kindes zu Ackermanns Vortrag gekommen war. Für den Horber stellte sich aber auch die Frage danach, wieviel Restriktion am Ende sinnvoll ist. Wer sich minutengenaue Angaben zur idealen Nutzungszeit des Smartphones vom Experten erhoffte, der wurde enttäuscht: „Solche Vorgaben halte ich nicht für sinnvoll. Sie kennen Ihre Kinder alle am besten und müssen das selbst einschätzen.“

Zudem gab der Medienpädagoge und Journalist schnell Entwarnung, indem er erklärte, dass Kinder nach wie vor gerne Bücher lesen und Hörspiele hören – neben dem Fernsehkonsum, der auch in Zeiten von Android und Apple am höchsten in der Altersgruppe der Grundschüler ist. Oft finde gleichzeitiger Medienkonsum statt: Während der Fernseher läuft, wird auf das Smartphone gestarrt, und im Hintergrund erlebt Benjamin Blümchen sein neuestes Hörspiel-Abenteuer.

Dieses Szenario sei nicht ideal, und es sei auch möglich dass „Kinder die fünfte Klasse erreichen, ohne je mit digitalen Medien in Kontakt gekommen zu sein“. Zweckmäßig sei es jedoch nicht, den digitalen Konsum komplett zu unterbinden, um das Kind vor den Gefahren zu beschützen, die so ein Smartphone mit sich bringen kann: Pornographie, Gewaltdarstellung, Cyber-Mobbing – bei den Risiken, die Ackermann den Eltern in Horb präsentierte, wurde schnell klar, dass diese alle mit dem Internet zusammenhängen. Dazu kämen aber auch gesundheitliche Risiken wie Gehörschäden durch zu lautes Musikhören und die schädliche Wirkung von Handystrahlung.

Der wichtigste Aspekt beim Umgang der Grundschüler mit Smartphones laut Ackermann: „Gemeinsames Entdecken und Begleiten.“ Die Eltern in der Gutermann-Grundschule pflichteten bei: „Wenn man selbst mitspielt, versteht man die Vorgänge, die das Ganze so faszinierend für die Kinder machen“, so ein Zuhörer.

Kindgerechte Suchmaschine

Praktische Tipps, die der Referent seinen Zuhörern mit auf den Weg gab, zielten vor allem auf die Inhalte ab: eine kindgerechte Suchmaschine wie www.fragfinn.de anstelle von Google zu nutzen, denn „ein achtjähriges Kind googeln zu lassen, ist Quatsch – die Ergebnisse sind zu textlastig und bergen auch Gefahren“, so Ackermann. Oder die Seite www.kindernetz.de, auf der Kinder in einer ausreichend moderierten Umgebung erste Erfahrung auf einem sozialen Netzwerk sammeln können.

Ohnehin sei es ratsam, die Privatsphäre-Einstellungen von WhatsApp und Youtube – den beiden beliebtesten Apps auf Smartphones von Grundschülern – durchzugehen. Für Eltern wie Christine Heyt aus Bildechingen stellt das eine Hürde dar. Die Mutter eines siebenjährigen Sohnes fragte während des Vortrags, ob es okay sei, später einen Blick in das Smartphone ihres Kindes zu werfen. Für Ackermann ist das kein Problem – wenn denn der Grundverdacht besteht, dass etwas nicht stimmt. Eventuell müsse es aber gar nicht zur Handykontrolle kommen: „Wenn Sie zuvor schon Vertrauen zu Ihrem Kind aufgebaut haben, dann wird es vielleicht von selbst Probleme ansprechen.“

Die Aussicht die Ackermann seinen Zuhörern mitgab, klang am Ende fast beruhigend: „Irgendwann kommt das Alter, in dem Sie als Eltern auch schlicht loslassen müssen – dann ist ihr Kind alt genug“ Das betrifft dann nicht nur den Umgang mit dem Smartphone.

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Erstellt:
15. Februar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Februar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2019, 01:00 Uhr

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