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Eine Frage der Kahn-Gerechtigkeit

Verwaltung will Vergabe der 122 Stocherkahn-Liegeplätze neu regeln

Stocherkahnfahren gehört zu Tübingen wie der Hölderlinturm. Die Stadt wächst, die Zahl der Anträge auf einen Liegeplatz auch. Seit Jahren wird über das Problem diskutiert, nun will die Stadtverwaltung die Vergabe neu regeln. Nur wie? Das soll ein Arbeitskreis herausfinden.

24.07.2015
  • Jonas Bleeser

Tübingen. Die Warteliste ist lang, und auf ihr bewegt sich nahezu nichts: Derzeit warten 50 Bewerber auf einen der 122 städtischen Liegeplätze für einen Kahn. Und das teilweise schon jahrelang. Denn bislang kommen bei der Vergabe alle zwei Jahre immer diejenigen zum Zug, die bereits einen Platz haben.

Da die Kähne ausschließlich an den städtisch verwalteten Anlegestellen vertäut werden dürfen (siehe unten), gibt es also ein Gerechtigkeitsproblem, das umso schwerer wiegt, je mehr Bewerber es gibt. Das will Tübingens Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast nun angehen. Dazu hat die Verwaltung etwa eineinhalb Jahre Zeit: Bis Ende 2016 gilt die derzeitige Verteilung.

Es wird keine leichte Aufgabe. Denn die Stocherkahnfahrer sind ein sehr uneinheitliches Völkchen. Da sind zunächst studentische Gruppen, also beispielsweise Fachschaften und Verbindungen. Dann gibt es Privatleute, von denen sich einige in Kahngemeinschaften zusammengeschlossen haben. Dazu kommen Institutionen wie Schulen oder Behörden. Es gibt Vereine, darunter als größter der Tübinger Stocherkahnverein. Und dann sind da noch die Kahnfahrer, die Fahrten für Touristen anbieten und damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Keiner will auf seinen Platz verzichten.

„Das ist ein hochemotionales Thema“, sagt Arbogast und betont: „Es geht darum, einen einigermaßen fairen Ausgleich zu finden.“ Deshalb wurden Vertreter der verschiedenen Gruppen zu einem Workshop geladen, um den Zugang zum und das Miteinander auf dem Neckar zu besprechen. Der wurde allerdings nun wieder abgesagt: Aus Termingründen soll er nun im Herbst zusammenkommen. Arbogast schwebt eine „ergebnisoffene“ Runde vor, deren Vorschläge dann in eine Beschlussvorlage für den Tübinger Gemeinderat einfließen sollen.

Wer darf mitreden – und für wen?

Zu groß dürfe die Teilnehmerliste aber nicht sein, findet Arbogast: „Sie können das nicht mit 60 Leuten diskutieren.“ Wer dabei sein wird, stehe noch nicht fest. Doch allein die Zusammensetzung der Gruppe, die die Probleme wälzen soll, dürfte für Diskussionen sorgen. Wer kann für welche Interessen sprechen? Selbst die gewerblichen Stocherer haben mittlerweile zwei Interessenvertretungen: Den Verbund „Pro Stocherkahn“ und den „Gewerbeverein Stocherkahnfahrten Tübingen“, in dem sich Betreiber der Kähne mit Übergröße, der so genannten Gigaliner, sammeln. Eine gemeinsame Vertretung der studentischen Gruppen gibt es nicht, und auch für die Privatleute gibt es keine Organisation. „Das ist ein Dilemma, das wir lösen müssen“, stellt Arbogast fest.

Um die Warteliste auf einen Liegeplatz zu verkleinern, gibt es unterschiedliche Ansätze. Eine immer wieder ins Spiel gebrachte Möglichkeit ist eine Rotation: Wer einen Platz ergattert, muss eventuell in der folgenden Vergaberunde pausieren. Matthias Leyk von „Pro Stocherkahn“, der 16 professionelle Kahnfahrer vertritt, hält das für schwierig: „Wenn ich keinen Liegeplatz habe und nicht fahren kann, verdiene ich nichts. Das käme für gewerbliche Stocherer einem Berufsverbot gleich.“ Lange Liegezeiten auf dem Trockenen schadeten außerdem den Kähnen.

Auch Michael Selchow, Vorsitzender des Stocherkahnvereins Tübingen mit über 300 Mitgliedern glaubt nicht an eine Rotation: „Dann hat man in zwei Jahren wieder dasselbe Problem.“ Er plädiert für eine weitere Anlegestelle, beispielsweise an der Neckarinsel. Sowohl Leyk als auch Selchow fordern, dass stärker überprüft wird, wer seinen Kahn tatsächlich intensiv nutzt. Immer wieder lägen Kähne wochenlang vollgelaufen im Wasser. Besitzern von verlotterten Kähnen könnte die Berechtigung entzogen werden. Dass sechs Verbindungen jeweils zwei Kahnplätze haben, halten sie für unnötig.

Beim Workshop soll auch die Situation an der Anlegestelle Hölderlinturm Thema sein: Seit Jahren fordern Stocherer Verbesserungen: „Es fliegen regelmäßig Leute die Rampe rauf und runter“, beklagt Leyk. „Wir wollen mit kleineren Maßnahmen die Sicherheit verbessern“, sagt Arbogast. Wie, das soll verwaltungsintern besprochen werden. Wünschen nach Toiletten oder einem durchgehend als Treppe gestalteten Einstieg zu den Kähnen erteilt sie dagegen fürs Erste eine Abfuhr: „Im großen Maßstab sehe ich das gerade nicht.“

Verwaltung will Vergabe der 122 Stocherkahn-Liegeplätze neu regeln
Nicht nur die Verteilung der Liegeplätze treibt Stocherer und Verwaltung um, auch die Verkehrssicherheit an der Anlegestelle am Hölderlinturm wird diskutiert. Beim Bücherfest zog sich dort eine Frau einen offenen Bruch zu, weil sie über eine Wurzel gestolpert war.

Derzeit gibt es vier Anlegestellen: Am Hölderlinturm und am Casino kostet ein Platz 160 Euro im Jahr, an der Hermann-Kurz-Straße 76 Euro und an der Bismarkstraße 25 Euro. Bis 2001 waren auch an privaten Ufergrundstücken und den Gärten von Verbindungshäusern Stocherkähne festgemacht. Doch 2001 schob der Gemeinderat dem wilden Parken einen Riegel vor und legte fest, dass Stocherkähne nur an den städtischen Liegeplätzen festmachen dürfen. Das löste zwar das eine Problem, führte aber zu einem anderen. Denn rechtlich sind die unter Regie des Ordnungsamtes verwalteten Plätze öffentliche Einrichtungen. Das bedeutet, dass jeder Tübinger ein Anrecht auf einen Liegeplatz hat – theoretisch.

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24.07.2015, 12:00 Uhr

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