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Entspannung mit der Hightech-Brille

Via Virtual Reality binnen Sekunden an den Bodensee

Ein Stuttgarter Start-up entwickelt Hightech-Brillen, mit denen sich alte und kranke Menschen an andere Orte träumen können. Auch Entspannungs- und Bewegungsübungen gibt es.

11.03.2018

Von NADJA OTTERBACH

Klaus Hermann und seine Partnerin Annelore Hutwagner testen eine Spezialbrille, mit er sie verschiedene Reiseziele ansteuern können. Die Idee dazu hatte Anders-VR-Geschäftsführer Andreas Haas (links). Manuel Döbele leitet den Vertrieb. Foto: Ferdinando Iannone

Stuttgart. Eben saß er noch neben seiner Partnerin auf dem Sofa in Stuttgart und erzählte von seinem Leben als Ingenieur. Nur wenige Sekunden später ist Klaus Hermann körperlich zwar immer noch anwesend, mit dem Kopf aber ist er weit weg. Am Bodensee, um genau zu sein. Der 90-Jährige steht auf einem schicken Katamaran, der sich gemächlich vom Ufer wegbewegt. Die Morgensonne scheint, Ortschaften ziehen vorbei. Eine männliche Stimme erklärt, was es hier in der Gegend zu entdecken gibt. Es fühlt sich ein bisschen wie Urlaub an, wird der Senior später sagen. „Als sei ich wirklich dort gewesen.“ Er trägt einen schwarzen Kasten vorm Gesicht, ein Gerät, das an Skibrille und Fernglas erinnert. Ein Smartphone ist daran befestigt, über eine App hat Klaus Hermann die Bodensee-Szenerie gewählt.

Virtuelle Realität heißt das technische Phänomen, kurz VR, das ihm das Gefühl verleiht, nicht nur auf einen anderen Ort zu schauen, sondern mittendrin zu sein. Das Display, auf das er durch die VR-Brille blickt, nimmt er nicht als solches wahr. Die Sensoren im Smartphone setzen seine Kopfbewegungen originalgetreu in die virtuelle Welt um.

Klaus Hermann wurde von einem Start-up der Stuttgarter Uni Hohenheim – Anders VR – eingeladen, ein neues Angebot zu testen. Die Firma entwickelt maßgeschneiderte Visualisierungen in Virtueller Realität für kranke und alte Menschen. „VR ist ein faszinierendes Medium“, sagt Geschäftsführer Andreas Haas.

Die Virtuelle Realität verbinden die meisten mit Unterhaltung, Spielen und viel Action. Die Idee von Haas und seinen Mitstreitern Manuel Döbele und Stefan Bünnig geht in eine andere Richtung: Sie wollen die Technik für Pflegeheime, Krankenhäuser und Reha-Einrichtungen nutzbar machen. Mit therapeutischen Inhalten sollen beispielsweise bewegungseingeschränkte Menschen dem Krankenbett für eine Weile entfliehen können. Die 360°-Videos entstehen nicht am Computer, sondern werden von Anders VR mit realen Filmkameras aufgenommen. 50 Szenerien sind bisher verfügbar, die eines gemeinsam haben: Sie versetzen die Nutzer in eine beruhigende Umgebung in der Natur. Auf Wunsch werden sie zusätzlich zu Atem-, Entspannungs- und Bewegungsübungen angeleitet.

Große Nachfrage

Das Ziel der ehemaligen Studenten der Uni Hohenheim: „Wir wollen die Lebensqualität der Menschen verbessern.“ Das Schmerzempfinden lindern, mentale Entspannung fördern, Körper und Geist nachhaltig aktivieren. Langfristig soll der Medikamenteneinsatz in Kranken- und Pflegehäusern gesenkt werden. Ihr Angebot sehen sie als Ergänzung bereits etablierter Anwendungen, etwa in der Onkologie oder Schmerztherapie.

Die Idee dazu kam Andreas Haas 2014, als sein Vater während einer Chemotherapie lange von der Außenwelt isoliert war. 2016 begann das Trio mit ersten Tests, seit November 2017 sind die Produkte auf dem Markt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie der Europäische Sozialfonds förderten das Start-up über das Exist-Gründerstipendium mit 145.000 Euro.

Die Nachfrage sei groß, berichtet Haas. Mit mehreren Einrichtungen arbeite man bereits zusammen, etwa mit der Demenzpflege Riedlingen an der Donau. Auch mit Stuttgarter Kliniken und Pflegehäusern seien sie im Gespräch, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Allein Anfang dieses Jahres habe das Unternehmen 15 Anfragen erhalten.

Proband Klaus Hermann sieht zufrieden aus nach seinem „Kurztrip“ an den Bodensee. Auch seine Partnerin Annelore Hutwagner darf die VR-Brille testen. Die Stuttgarterin wirkt mit ihren 78 Jahren topfit. Sie trägt pinken Lippenstift und sagt Sätze wie: „Ich zähle mich noch nicht zu den Alten.“ Sie entscheidet sich für eine Atemübung am Schwarzwälder Belchen. „Ich sitze auf einer Bank. Auf der Wiese ist ein bisschen Schnee, vor mir liegt ein Mega-Panorama aus Bergen“, berichtet sie, nachdem sie das Programm gestartet hat. Und fügt sofort lachend hinzu: „Hier bleib ich den ganzen Tag.“

Ganz abwegig ist es auch für Klaus Hermann nicht, nochmal in die Virtuelle Realität zurückzukehren. „Vielleicht beim nächsten Mal ins Hochgebirge.“ Auch wenn er in Wirklichkeit auf dem Sofa seiner betreuten Wohnung in Stuttgart-West sitzen wird – vielleicht kommen Erinnerungen hoch an Wanderungen, wie er sie vor vielen Jahren gemacht hat.

Positive Wirkung für die Gesundheit

Ich-Perspektive Die Video-Inhalte von Anders VR dauern in der Regel sieben bis 15 Minuten. Auf schnelle Kamerabewegungen wird verzichtet, die Ich-Perspektive in der Virtuellen Welt entspricht der tatsächlichen Position des Nutzers, damit diesem nicht schlecht oder schwindelig wird.

Kosten Anders VR vermietet oder verkauft das Equipment als Paket an interessierte Einrichtungen (VR-Brille, Handy, Tablet). Kosten: zwischen 250 und 450 Euro im Monat.

Spiele Künftig sollen die therapeutischen Angebote durch kognitive Spiele ergänzt werden. Auf seiner Homepage www.anders.life / erläutert das Unternehmen anhand von Studien, wie sich Virtuelle Realität positiv auf die Gesundheit auswirkt.?nad

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Erstellt:
11. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. März 2018, 06:00 Uhr

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