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Beat der Generationen

Video: Beatparade scharte Menschenmengen vor Marushas Auftritt

Durchaus konnte man von einem Familienevent sprechen, wenn man sich am Samstagnachmittag die Zuschauer der Beatparade besah. Auch von Balkonen herunter profitierten die Anlieger vom Empfinger Event des Jahres. Dabei schien das Alter keine große Rolle zu spielen, denn es gab nicht nur viel zu hören sondern auch zu sehen.

23.08.2010
  • Hannah Deutschle

Empfingen. „Für Gehörschäden keine Haftung“, verkündete der erste Truck des Defilés, organisiert vom Jugend- und Kulturverein (JKV) und Elektrotechnik Lachenmaier, als er sich wie ein gigantischer lärmender Wurm durch die Empfinger Dorfmitte schob und vor dem Rathaus zum Stehen kam. An diesem Knotenpunkt der Veranstaltung hatten die Organisatoren sich und den Partybesuchern einen Moment der Besinnung eingeräumt.

Per Mikrophon drückte die Wagenbesatzung ihr Mitgefühl, ihre Anteilnahme und ihre Trauer aus für die Opfer der Loveparade-Katastrophe von Duisburg und deren Familien. Symbolisch stiegen, sicherlich auch, weil eine Schweigeminute unmöglich war, zusammengebundene schwarze Luftballons in den Himmel auf. Diese Geste traf beim Publikum auf positive Resonanz und zeigte, dass die Jugend nicht nur den eigenen Spaß im Sinn hat, sondern durchaus über ihren Tellerrand hinausblicken kann. Im Schneckentempo ging es weiter. Dies ermöglichte nicht nur den auf den Wagen engagierten Tänzerinnen, für Stimmung zu sorgen und vorbildlich die Hüften zu schwingen, sondern auch den Besuchern, die Straßenseiten zu wechseln und Bekannte zu begrüßen. Dem Motto des zweiten Trucks der Partydevils und DJ Butzemann gemäß trugen sogar die Kinder auf dem Beifahrersitz des Lasters rotleuchtende Teufelshörnchen.

Es war auffallend, wie sehr jeder Wagen eine eigene Anhängerschaft zu haben schien, die nebenher mitzog und keine andere Technorichtung zu billigen schien. Eine Schau bot allerdings nicht nur die Party auf den entsprechend dekorierten Wagen, sondern auch die Kostümierungen der Zuschauer selbst. „Einmal im Jahr trauen sie sich was“, kommentierte ein Besucher mit Blick auf exzentrische Verkleidungen, die teilweise tatsächlich an die Fasnet erinnerten. Man sah weite Hosen mit zahlreichen flatterndes Bändern, T-Shirts und Schmuck in Neonfarben Plüsch-Applikationen, Netzstrumpfhosen und bunte Sonnenbrillen, aber auch Blumen im Haar, Pailletten-Accesoires, toupierte oder wild gefärbte Haare und allem voran viel tätowierte und gepiercte Haut. Die eingeschfleischten Discogänger erkannte man sofort, und sie schienen ihre Ausgehgarderobe direkt mit nach Empfingen gebracht zu haben.

Das allseits bekannte „Forever Young“ dröhnte aus den Lautsprechern und die Menge grölte mit. Tatsächlich gewann man bei manchen den Eindruck, sie wollten ihre Jugend wieder aufleben lassen. In diesem Sinne war die Beatparade jedenfalls ein Treffpunkt der Generationen.

In pinkfarbenes Fell gehüllt waren sowohl der „Pink Generation“-Truck als auch die Tänzer darauf und daneben. Auf Zurufe vom Publikum hin musste der DJ zugeben: „I verschtand nix, die Musik isch so laut!“ Den Klang der Hauptstadt vermittelten wie angekündigt die DJs des Wagens der Stuttgarter „Soundcity“ an vierter Stelle. Der Name „Musical Madness“ (zu deutsch „musikalische Verrücktheit“) des folgenden Trucks schien für sich zu stehen.

Dies erkannte auch ein unerwarteter Besucher. Der Minirock-Mitorganisator Pit Wennrich schmunzelte: „Verrückte gibt es überall, aber musikalisch ist es natürlich ein krasser Gegensatz zum Minirock.“ Den Kulturschock empfand er als weniger frappierend, immerhin ging es den Besuchern bei beiden Veranstaltungen um die Musik, ein Gemeinschaftsgefühl und einen Nachmittag der Sorglosigkeit. Den Abschluss bildete der Subculture-Truck, auf dem kräftig die Technosounds in Beatboxmanier imitiert wurden. In der Nachhut schwangen traditionsgemäß die „Putzfrauen“ des JKV die Besen – und das Tanzbein. Die hintendrein fahrenden Polizisten tadelten per Lautsprecher: „Ihr sollet butza, net saufa!“

Auch auf dem Festplatz stand die Musik im Vordergrund, was sich an den Menschenmengen zeigte, die in der „Area of Sound“ von Truck zu Truck den DJs folgten, die nacheinander auflegten. Neben Neubegrüßungen wie die von „Musical Madness“ nahm die Festgemeinde auch Abschied von den DJs des „Pink Generation“-Trucks, die bereits zehn Paraden miterlebt haben und sich nun zurückziehen werden.

Berühmte Discohits wie „We don’t speakt Americano“ sorgten zwischen Eigenkreationen der DJs auch bei weniger bewanderten Nicht-Ravern für Stimmung und die beeindruckende Beleuchtung trug ihren Teil dazu bei: Auf dem Dach eines Trucks schossen Flammen in die Höhe und regelmäßig überraschte ein Feuerwerk die Gemeinschaft.

Gegen 23 Uhr begannen „Marusha“-Rufe laut zu werden und eine wachsende Meute rottete sich vor einem Truck in der Mitte der Klangarena zusammen. Man sah Vorbereitungsarbeiten und erspähte dabei die Berliner „Queen of Techno“, die als Headliner des Abends für Stimmung sorgen sollte. Noch bevor die ersten Bässe erklangen, ging ein Raver, dem die Anfänge des Techno noch im Gedächtnis sein mussten, in die Knie, breitete die Arme aus und huldigte Marusha wie einer Gottheit.

Mit Lächeln und Winken wurde diese Anerkennung honoriert – und mit einer gut einstündigen Beatshow. Besucher und Technofan Sven, noch keine 18 Jahre alt, kennen Marusha schon lange und finden sie „selbstverständlich geil“, wie Sven sagte, und damit auch auch die Qualität ihres Auftritts meinte. Die Rechnung der Veranstalter, nicht nur die Techno- und Discogeneration zwischen 20 und 25 zu erreichen, sondern jedes Alter anzulocken, scheint offensichtlich aufgegangen zu sein.

Nackte Haut und fetter Sound - die Beatparade in Empfingen

© Ziehe 02:40 min

Video: Beatparade scharte Menschenmengen vor Marushas Auftritt
Die Beatparade war auch in ihrer elften Auflage wieder ein Event, bei dem ein Höhepunkt den anderen jagte und tausende fröhliche Menschen lautstark durch Empfingen zogen. Bild: Kuball

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23.08.2010, 12:00 Uhr

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