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Kressbach

Viel Gegenwind für Tübinger Windradpläne

Irgendwo im Rammert zwischen Bühl, Weilheim und Dußlingen möchten die Tübinger Stadtwerke – vorausgesetzt, der Wind bläst energisch genug – vier bis sechs Windräder aufstellen. Sehr zum Ärger der Kressbacher. Die Bewohner der Villen-Siedlung machten OB Boris Palmer am Dienstag unmissverständlich klar, dass sie die „Spargel“ dort nicht haben wollen.

18.10.2012
  • Sepp Wais

Tübingen. Es sollte eigentlich ein Info-Abend werden, aber tatsächlich hatten Boris Palmer und Stadtwerke-Chef Ortwin Wiebecke den 150 Zuhörern in der Weilheimer Rammerthalle inhaltlich wenig Neues zu bieten. Offenbar ging es dem grünen Oberbürgermeister vor allem darum, mit den Windkraft-Gegnern ins Gespräch zu kommen, um frühzeitig aufzuklären und abzufangen, was sich da an Unmut auf dem Kressbach zusammenbraut.

Die Zeit dafür war reif. Denn kurz zuvor hatte es ein Treffen in der Villen-Siedlung gegeben, bei dem die Teilnehmer einmütig feststellten: „Kressbach ist gegen Windkraft“. Weiter heißt es in einer von Al fred Biesinger unterzeichneten Erklärung: „Insgesamt betrachtet ist dieses Projekt nur ein von Herrn Palmer gepuschtes Imageprojekt, mit der er seine ideologischen Zielsetzungen auf Kosten von Mensch und Natur rücksichtslos durchsetzen will.“

Wahrscheinlichkeit liegt bei 40 Prozent

Fakt ist: Die Stadtwerke suchen überall im Land nach geeigneten Standorten, um ihren Eigenstrom-Anteil von derzeit 30 Prozent mit Hilfe der Windkraft deutlich zu steigern – auf der Nordsee ebenso wie im Schwarzwald und im Hohenlohischen. Daneben, so erklärten Palmer und Wiebecke in ihrer anderthalbstündigen Einleitung, wollen sie aber auch ihren „Heimatstandort“ nicht vernachlässigen.

Das Problem dabei: Auf Tübinger Markung kommt aus planungsrechtlichen Gründen nur ein einziges Gebiet infrage, die nordöstliche Rammert-Ecke. Und nach wie vor weiß niemand, ob der Wind dort für eine wirtschaftliche Stromausbeute ausreicht. Laut Palmer ist die Wahrscheinlichkeit dafür nicht größer als 40 Prozent. Dazu und auch zu den exakten Standorten der Windräder, so beschied er zahlreiche Anfragen nach weiteren Details, könne man erst nach Abschluss der Windmessungen und der Flächennutzungsplanung Genaueres sagen.

Die anschließende, bis weit in die Nacht reichende Diskussion in der Rammerthalle kreiste vor allem um sechs Problemfelder:

Wirtschaftlichkeit: Wie der Unternehmer und Arzt Marc Oliver Schurr hielten viele Kressbacher den Standort für so windschwach, dass es „andere als rationale und ökonomische Gründe“ für das Projekt geben müsse. Sein Mitstreiter Biesinger wusste bereits, wie der „absolute Quatsch“, auf den sich kein vernünftiger Kaufmann einlassen würde, zu erklären ist: „Das soll ein politisches Symbol sein – nach dem Motto: Ich, Palmer, habe auch ein Windrad gebaut.“

Diesen Vorwurf ließ Palmer nicht auf sich sitzen: „Die Stadt ist dringend auf die Überschüsse der Stadtwerke angewiesen, deshalb würde ich nie ein Windrad bauen, mit dem wir Geld verlieren.“ Anders als private Investoren müsse der Versorgungsbetrieb aber nicht auf kurzfristige und hohe Renditen schauen. Deshalb könne sich die Investition durchaus lohnen – zumal bei niedrigen Pacht- und Netzanschlusskosten. Sein Fazit, das die Kressbacher sichtlich frustrierte, die andere Hälfte im Saal aber mit lautem Beifall bedachte: „Wenn wir kein Geld damit kaputt machen, dann wollen wir die Windräder aufstellen.“

Mindestabstand: Nach den Richtlinien der Landesregierung sollen Windräder 700 Meter Abstand zu Wohngebieten halten. Das erschien Schurr („Wir brauchen nicht nur Klimaschutz, sondern auch gesunde Wohnverhältnisse“) viel zu wenig. Sein Arzt-Kollege, der frühere WUT-Stadtrat Uwe Heldmaier verlangte für die Kressbacher aus Lärmschutzgründen den von der WHO empfohlenen Abstand von zwei Kilometern.

Palmers Antwort: „Wir sollen und wollen uns an den Orientierungsrahmen der Landesregierung halten.“ Im übrigen werde sichergestellt, dass niemand durch das Rotorblätterrauschen aus dem Schlaf gerissen wird: „Nachts ist nur ein Schallpegel bis zu 35 Dezibel zulässig. Das ist so laut wie ein leiser Kanarienvogel, das werden Sie nicht hören.“

Landschaftsbild: Am meisten sorgten sich die Kritiker um das Landschaftsbild in ihrem Wohnumfeld. Daran änderte auch eine Fotomontage nichts, in der die Windräder wie Stecknadeln erschienen (aber nur den vorderen Reihen im Publikum, hinten sah man gar nichts). Wie auch immer, die Kressbacher fanden die Spargel „grauenvoll“. Der Naturschutzbeauftragte Karl-Heinz Ebert plädierte dafür, Windkraft-Anlagen nicht übers Land zu verstreuen und so das „Tafelsilber unserer Landschaften“ zu verspielen, sondern auf die windstärksten Standorte zu konzentrieren.

Palmer hingegen bekannte unumwunden: „Mir gefallen Windräder.“ Manchmal fahre er deswegen sogar extra nach Melchingen. Unabhängig von ästhetischen Fragen gilt für ihn: „Wir müssen den Anblick von Windrädern akzeptieren, wenn wir ein Industrieland bleiben wollen.“

Vogelschutz: Etliche Kressbach-Bewohner und Naturschützer betonten, dass bei der Abwägung auch an die gefährdete Milan-Population und an die Fledermäuse im Rammert gedacht werden müsse. Denn immerhin, so hieß es, würden durch einen solchen Windpark „jede Woche zwei Großvögel erschlagen“.

In diesem Punkt blieb Palmer – ungeachtet aller gesetzlichen Vorgaben zum Natur- und Artenschutz – kompromisslos: „Irgendeinen Tod müssen wir alle sterben, da bin ich knallhart. Es gibt nichts ohne Nebenwirkungen. Wer strahlende Atommeiler und den Klimawandel nicht mehr in Kauf nehmen will, muss erneuerbare Energien in Kauf nehmen, es sei denn wir gehen zurück auf die Bäume und in die Höhlen.“

Wertverlust: Wie Uwe Heldmaier machten einige Kressbacher am Dienstag deutlich, dass sie um den Wert ihrer Häuser fürchten, sollten die Windräder im Rammert aufgerichtet werden.

Diesen Einwand fand Palmer angesichts der Erfahrungen an anderen Standorten aus der Luft gegriffen: „Ich kenne viele Leute, die gern mit Ihnen tauschen würden. Kressbach ist eine privilegierte Wohnlage, daran wird sich nichts ändern.“

In seinem Schlusswort beteuerte Palmer einmal mehr, dass bislang völlig offen sei, ob je ein Windrad in den Rammert gestellt werde, dass die Stadt (wie gewünscht) sämtliche Pläne und Messergebnisse im Internet veröffentlichen werde und dass er „jederzeit dialogbereit“ bleibe. An einem Punkt ließ er aber keinen Zweifel: „Wenn die Stadtwerke das hinkriegen, ohne Geld zu verlieren, dann will ich diesen lokalen Beitrag zur Energiewende haben. Das muss man von einem grünen Oberbürgermeister erwarten, dafür wurde ich doch gewählt.“ gsiehe das ÜBRIGENS

Viel Gegenwind für Tübinger Windradpläne
Seit August werden die Winde auf dem Kressbach-Gelände vermessen. Bislang liegen aber noch keine Ergebnisse vor, die eine Entscheidung für oder gegen einen kleinen Windpark im Rammert erlauben würde. Archivbild: Sommer

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18.10.2012, 12:00 Uhr

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