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Die Gema macht mit ihren Vergütungsforderungen Veranstaltern das Leben schwer

Viel Geld für ein paar angebliche Takte von Biene Maja

In jüngster Vergangenheit häufen sich die Klagen von regionalen Konzert- und Theater-Veranstaltern über Vergütungsforderungen der Gema, die nicht nachvollziehbar sind. Wir haben mit Kulturschaffenden gesprochen – vom soziokulturellen Zentrum franz. K bis zum Reutlinger Tonne-Theater.

25.06.2015
  • Uschi Kurz

Reutlingen. Jahrelang, erzählt Geschäftsführer Andreas Roth, habe das franz. K keinerlei Probleme mit der Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) gehabt. Bis vor drei Jahren die Sachbearbeiterin in Stuttgart gewechselt habe. Seither sei nichts mehr wie es war: Keine zuvor getroffene Absprache würde mehr gelten.

Für nicht Gema-pflichtige Veranstaltungen würden plötzlich Vergütungen verlangt, die nicht nachvollziehbar seien. Reklamationen würden von der Gema über Wochen nicht bearbeitet. Statt eine Klärung herbeizuführen, klagt Roth, würden Kontrollkosten aufgeschlagen und Rechnungen mit immensen Beträgen verschickt: „Das ist eine Einschüchterungstaktik.“

Viel Geld für ein paar angebliche Takte von Biene Maja
Ganz gleich, welche Musik im franz.K oder anderswo gespielt oder aufgelegt wird: Die Gema kassiert kräftig mit. Archivbild: Haas

Auslöser des tiefen Zerwürfnisses war die Poetry-Slam-Veranstaltungsreihe „Poesie & Pommes“. Der literarische Vortragswettbewerb, der alle acht Wochen Nachwuchswortkünstlern – moderiert von Jochen Weeber – für sieben Minuten eine Bühne bietet. Das Format sei jahrelang gelaufen, berichtet Roth, immer habe im Programm und damit in der Anmeldung gestanden „musikalisch begleitet von Peter Weiss“.

Ohne dass es Forderungen gab. Bis zu jenem Abend, als die neue Gema-Sachbearbeiterin, ohne sich zu erkennen zu geben, einen Poetry-Slam-Abend besuchte und hinterher behauptete, in der improvisierten Musik seien „Takte von Biene Maja“ erkennbar gewesen. Prompt landete nicht nur eine Forderung für die aktuelle, sondern rückwirkend für alle „Poesie & Pommes“-Abende auf dem Schreibtisch von Roth. Wobei jeweils die höchstmöglichen Einkünfte zugrunde gelegt waren. Inklusive Kontrollkostenzuschlag von 100 Prozent waren das 10 000 Euro allein für „Poesie & Pommes“.

Zusammen mit anderen, teilweise überzogenen Forderungen, habe sich die Rechnung der Gema schließlich auf insgesamt 44 000 Euro belaufen. Ein Betrag, der dem sozialkulturellen Zentrum an die Substanz ging. Aus Sorge vor zusätzlichen Anwaltskosten, die ein Gang vors Gericht bedeutet hätte, so Roth, habe man sich im November 2014 leider auf einen Vergleich eingelassen: 24 000 Euro. Auch dies für das soziokulturelle Zentrum ein enorm hoher Betrag. Mit der Hoffnung, dass es damit endlich vorbei sei. Weit gefehlt: Ein paar Wochen später habe er von der Gema abermals eine Mahnung erhalten, „dabei hatten wir den Betrag längst überwiesen“.

Das Fass zum Überlaufen aber brachte der kostenlose Kindernachmittag beim Jubiläumsfestival im vergangenen Jahr, bei dem der Reutlinger Liedermacher Bernhard Haage vor etwa 170 Kindern auftrat. Die Gema ermittelte anhand der Größe des Festival-Geländes – potenzielle 1500 Besucher/innen und schickte eine Rechnung über 250 Euro. „Das ist mehr als der Liedermacher an Gage bekam“, ärgert sich Roth.

Ein weiterer lange schwelender Streitpunkt war die Meldung der Veranstaltungen. Normalerweise, so Roth, schicke man vorab die Programmhefte, nach den Veranstaltungen werde dann exakt abgerechnet. Das sei „eine völlig übliche Praxis. Wir machen das auch so“, erläutert Matthias Schmied, der Verwaltungsleiter des Tonne-Theaters. „Obwohl wir die Programme rechtzeitig geschickt haben“, wurde das franz. K mit Nachmeldungsforderungen überzogen. Bis Roth irgendwann die Nachricht bekam, dass die Einreichung des Programmheftes doch reiche: „Die wollten uns nur Mühe machen.“

Der jüngste Fall bezieht sich auf eine angeblich vom franz. K nicht eingereichte Nachmeldung für den Monat Oktober 2014. Im Mai trudelte eine Rechnung über 6870 Euro ein, wobei die Veranstaltungen alle im maximalen Bereich abgerechnet wurden. Dabei kann Roth anhand eines Sendeberichts nachweisen, dass die Nachmeldung per Fax bereits am 23. Dezember 2014 fristgerecht bei der Gema einging. Roth: „Wir fragen uns, ob man derzeit mit den Verantwortlichen überhaupt in Frieden leben kann.“

Ganz ähnliche Erfahrungen mit der Gema macht die Tonne, auch wenn es sich beim Städtischen Theater um wesentlich geringere Beträge handelt, wie Schmied einräumt. Dennoch führten die Vergütungsforderungen so weit, dass man mittlerweile in die Kunst eingreife. Natürlich würden mehr Leute beauftragt, die nicht Gema-pflichtig seien, ansonsten gelte die Devise: „Gema-pflichtiges bitte nur unter 6 Minuten, das können wir uns noch leisten.“ Und Tonne-Intendant Enrico Urbanek ergänzt: „Das kann doch nicht im Interesse der Künstler sein, dass wir sagen, dann spielen wir das nicht mehr.“

Was die Theatermacher ebenfalls schmerzt, ist die Forderung der Gema nach monatlicher Meldung. „Wir würden lieber vierteljährlich abrechnen“. Bei anderen Theatern sei das auch möglich, weiß Schmied. Doch wo es früher einen Ermessensspielraum gegeben habe, spüren sie mittlerweile nur noch Konfrontation. „Das ist Krieg. Dass man uns mit Rechnungen überzieht, die nicht nachvollziehbar sind, ist der Versuch, uns mürbe zu machen“, meint Roth frustriert. Er sei mittlerweile so weit, dass er sich ernsthaft eine Anzeige wegen versuchter Nötigung überlege.

Dass die Gema auch kleinen Veranstaltern gegenüber den harten Konfrontationskurs fährt, mussten Sabine und Roland Altenburger erleben. Das Ehepaar unterhält seit fünf Jahren in Wannweil den Musenstall5 – eine Bühne für Kleinkunst. Sie haben dafür den ehemaligen Stall in ihrem Wohnhaus zu einem schnuckeligen Veranstaltungsraum ausgebaut, in den eng bestuhlt 35 Personen passen. Vier Mal im Jahr laden die Altenburgers zum „Offenen Musenstall“: Konzerte, Lesungen, Theater – für jede(n) Künstler(in) ist die Bühne 20 Minuten frei, die Wände werden als Ausstellungsfläche bespielt. Gage gibt es keine – es kostet auch keinen Eintritt.

Zudem vermieten die Altenburgers einmal monatlich ihren Raum – meist für Konzerte, die dann von den Künstlern selbst veranstaltet werden. So auch im März 2014, als der Berliner Musiker Martin Goldenbaum im Musenstall5 auftrat. Vor 12 Leuten. Es sei ein tolles Konzert gewesen, erinnern sich die Altenburgers, doch weil Goldenbaum fast nichts einnahm, habe man auf die Miete verzichtet.

Dass Goldenbaum Gema-pflichtig ist, erfuhren sie erst, als Mitte Januar 2015 ein erstes Schreiben von der Gema kam, in dem sie nicht für den Konzertabend selbst, sondern auch für alle Veranstaltungen der vergangenen vier Jahre Nachmeldungen forderte. Auch für die Kleinkunst-Abende im Offenen Musenstall. Er habe dann bei der Gema angerufen und gesagt, dass das bei ihnen anders laufe: „Wir sind ja keine Veranstalter im eigentlichen Sinne. Die Leute spielen ohne Gage, wir haben nicht einmal eine Bar.“ Beeindruckt habe das die zuständigen Mitarbeiter in Stuttgart aber nicht: „Die haben gleich mit Strafe gedroht.“

Fast zwei Wochen benötigte Altenburger, um alle Musiker/innen anzurufen und die Titellisten für die vergangenen vier Jahre nachzuliefern. Schließlich mussten sie 600 Euro berappen. „Das hat uns extrem runtergezogen“, sagt Sabine Altenburger. Die beiden überlegten sogar, den Musenstall5 ganz zu schließen. Doch dann erhielten sie so viel Zuspruch von Künstlern und Gästen, dass sie beschlossen, weiterzumachen. Künftig werde aber jeder Musiker, der bei ihnen auftreten möchte, gefragt, ob sein Beitrag Gema-relevant sei. Wenn ja, müsse er die Gebühr selbst bezahlen oder Spenden sammeln. Im Juli wird es anlässlich des fünfjährigen Bestehens ein Benefizkonzert für die Musenstall5 geben. Leider, meint Roland Altenburger kopfschüttelnd, „sind auch Benefizkonzerte Gema-pflichtig.“

Eine geplante Musiknutzung muss im Vorfeld bei der Gema angemeldet werden. Mit der anschließenden Bezahlung der Urhebervergütung besitzen Veranstalter die Lizenz zur Musiknutzung. Hierzu stehen verschiedene Tarife zur Verfügung. Ausnahmen, betonte Gema-Sprecherin Gaby Schilcher im Gespräch mit unserer Zeitung, seien nicht möglich. Wenn es in der Vergangenheit Ermessensspielräume gegeben hätte, so sei dies schlicht nicht rechtens gewesen. Bezüglich der Vorwürfe des franz. K verweist sie darauf, dass im Fall von „Poesie und Pommes“, wohl jahrelang fälschlicherweise gemeldet worden sei, „da sei keine Musik dabei“. Dabei gebe es offensichtlich „immer wieder Musikanteile, auch geschützter Musik“. Und die Meldung des Kinderkonzertes mit Bernhard Haage sei nicht korrekt gewesen, die Gema hätte deshalb gar nicht wissen können, dass nur 170 Leute da waren: „Dann müssen die das halt reklamieren“. Und die Nachmeldung für Oktober 2014 „liege bis heute noch nicht vor“.
Die Leitung des franz.K bleibt bei ihrer Darstellung: Das Kinderkonzert habe man längst reklamiert, die Nachmeldung vom Oktober sei per Fax am 23. Dezember versendet worden. Auf das Angebot hin, sie erneut zu schicken, habe man lediglich die falsche Rechnung erhalten.

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25.06.2015, 12:00 Uhr

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