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Kommentar · OB-Wahl

Viel Glück – und ein feines Gespür

Uff, da fielen viele Steine von vielen Herzen, als am Sonntagabend die Wahlergebnisse in der Uhland-Mensa eintrudelten und bald vom deutlichen Sieg des Amtsinhabers kündeten. Tatsächlich sind die Mitstreiter und Anhänger von Boris Palmer ob dessen Patzer in der Endphase des Wahlkampfs ziemlich ins Schwitzen gekommen. Doch der Ärger darüber hatte auch was Gutes: Er trieb die Leute an die Urnen und sorgte so für klare Verhältnisse.

19.10.2014
  • Sepp Wais

Die von den einen befürchtete und von anderen inbrünstig erhoffte Wiederholung der sensationellen Pleite des Stadtoberhaupts vor acht Jahren blieb aus. Beatrice Soltys, die Herausforderin aus Fellbach, konnte Palmer mit ihrer Parole „100 Prozent für Tübingen“ nicht Paroli bieten. Dazu blieb sie mit vielen Gemeinplätzen und guten Vorsätzen programmatisch zu vage und bei allem Ehrgeiz auch persönlich zu blass.

Der alte ist der neue

Boris Palmer gewann am Sonntag die Oberbürgermeisterwahl in Tübingen. 61,7 % der Stimmen gingen an ihn. Ministerpräsident Winfried Kretschmann und hunderte Bürger feierten den OB auf dem Tübinger Marktplatz. Dessen zweite Amtszeit begann dort mit Paukenschlag.

© Video: Lukas Föhr & Christin Hartard 03:08 min

Trotzdem gebührt Soltys für ihr kurzes Gastspiel in Tübingen Respekt und Dank. Was wäre das für eine jämmerliche Wahl geworden, wenn Palmers Gegner auf dem Stimmzettel nicht wenigstens eine seriöse Adresse gefunden hätten, an der sie ihren Frust und Ärger über den Amtsinhaber hätten abliefern können. Davon kam eine ganze Menge auf Soltys Konto zusammen, aber nicht genug für eine Wende. Dazu hätte es einer Wendestimmung bedurft, einer gesellschaftlichen Grundbefindlichkeit, die man nicht in ein paar Wochen Wahlkampf herbeistreiten kann.

Sowas muss über Jahre wachsen – doch dafür fehlte in Tübingen der Nährboden. Warum hätten die Tübinger, die noch nie einem von CDU und FDP ins Feld geführten Kandidaten eine Chance gaben, ausgerechnet jetzt ihren grünen Oberbürgermeister in die Wüste schicken sollen? Der Stadt geht es gut, die Uni glänzt, die Wirtschaft brummt, die Geldquellen sprudeln seit Jahren so üppig wie nie zuvor – und im Rathaus hat es ein hochprofessionelles Führungsteam unter der Regie von Palmer verstanden, diese günstigen Rahmenbedingungen – mit breiten Mehrheiten im Gemeinderat – für die Entwicklung der Stadt zu nutzen. Warum also nicht weiter so?

Dass der Wahl- und Zahltag für Palmer und seine Wähler doch noch zur Zitterpartie wurde, hat sich der mitunter allzu forsch bis übergriffig auftrumpfende Platzhirsch selber eingebrockt. Seine „Ecken und Kanten“ seien ihm gegönnt. Das heißt aber noch lange nicht, dass er nach Lust und Laune aus seiner Rolle purzeln darf. Es gehört nicht zu den Amtsgeschäften des Oberbürgermeisters, Hüttenwirte auf der Alb zu erziehen oder Läden ungefragt zur feindlichen Übernahme anzubieten. Es gehört sich für ihn auch nicht, den Büttel zu machen, um die Rivalin höchstpersönlich wegen einer Parksünde anzumisten. Und es verlangt auch niemand von ihm, dass er sich auf Facebook mit politischen Raufbolden, die es just darauf anlegen, durch alle Pfützen der Kommunalpolitik balgt.

Ein Oberbürgermeister muss ein weites Rollenspektrum abdecken, das vom Vorstandschef der Stadt AG bis zum Volkstribun reicht. Den Heißsporn der Abteilung Attacke gibt die OB-Stellenbeschreibung nicht her. Vielmehr wird der Spitzenbeamte der Stadt als Präsident gebraucht, der nicht polarisiert, sondern zusammenführt – einer, auf den die Leute hören, weil er auf sie hört.

Auch wenn er es manchmal vergisst, diese Rolle kann Palmer Junior auch. Er hat sie schon oft glänzend gespielt – am besten gleich zu Beginn seiner ersten Amtszeit, als er sich beim Aufmarsch der Nazis am Bahnhof in heikler Lage als überaus umsichtiger Anführer erwies. An jenem Tag hätte Palmer die Wahl höher gewonnen – am Sonntag wollte ihn ein Drittel der Wähler loswerden. Die sollte er im Blick behalten, wenn er nun, was gewiss kein Schaden für die Stadt ist, mit seinem Stab im Rathaus weitermacht. Dazu viel Glück und den guten Rat, den Eugen Schmid einst Palmers Vorgängerin Brigitte Russ-Scherer mit auf den Weg gab: „Ich wünsche Ihnen … vor allem ein feines menschliches Gespür für diese hochsensible Stadt.“

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19.10.2014, 12:00 Uhr

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