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Rottenburger Runder Tisch Asyl: Behörden, Kirchen und Initiativen berieten über Hilfen für Flüchtlinge

Viele Angebote, wenig Koordination

In der Stadt Rottenburg sind derzeit 232 Asylbewerber untergebracht; so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr. Aber auch Zahl und Vielfalt der Hilfsangebote wachsen. Das wurde am Montag bei einem „Runden Tisch Asyl“ im Rathaus deutlich.

10.12.2014
  • Michael Hahn

Rottenburg. Bürgermeister Volker Derbogen hatte zu dem „Runden Tisch“ im Neuen Sitzungssaal eingeladen, fast 50 Leute kamen. Fast alle haben beruflich oder ehrenamtlich schon länger mit Flüchtlingen zu tun: Behördenvertreter, Gemeinderäte, Ortsvorsteher, Sozialpädagogen, Kirchenleute, Volkshochschule und Tübinger Asylzentrum.

Die 232 Rottenburger Flüchtlinge sind derzeit auf neun Standorte verteilt, vier davon in den Stadtteilen, sagte Derbogen in seiner Begrüßung. Demnächst sollen auch in der Ergenzinger Liebfrauenhöhe bis zu 20 Flüchtlinge einziehen (wir berichteten). Die Stadt baut das frühere Telekom-Gebäude in der Tübinger Straße um und will es „im März oder April“ an den Landkreis als zusätzliches Asyl-Wohnheim mit 66 Plätzen übergeben.

Der Landkreis Tübingen müsse derzeit etwa tausend Flüchtlinge unterbringen, sagte Karlheinz Neuscheler vom Landratsamt. Gemessen an seiner Bevölkerungszahl habe Rottenburg den „entsprechenden Anteil“ übernommen.

Wenn die Zahl der Asylsuchenden nicht weiter dramatisch ansteigt, dann will Neuscheler die beiden Übergangswohnheime in der Weggentalstraße und auf dem DHL-Gelände auflösen, sobald die Tübinger Straße bezogen ist. Die Modul-Unterkunft (Wohncontainer) auf dem DHL-Gelände bleibt bis auf Weiteres stehen.

„Hoffentlich noch in diesem Jahr“ werde sich entscheiden, ob das Land Baden-Württemberg neben dem Tübinger Landratsamt eine weitere Erstaufnahmestelle bauen wird, sagte Neuscheler. Wenn ja, dann werde die Zahl der Flüchtlinge, die an die einzelnen Kommunen verteilt werden, eher wieder sinken.

VHS baut ein Netzwerk von Ehrenamtlichen auf

Auch so gibt es unter den 232 jetzigen Flüchtlingen viel Wechsel. Bei manchen werden die Asylanträge rasch bewilligt; sie können sich dann auf dem freien Markt eine Wohnung suchen. „Das klappt erstaunlich gut“, sagte Neuscheler. Andere Anträge werden abgelehnt, diese Flüchtlinge werden womöglich abgeschoben. Und wieder andere warten jahrelang auf eine Entscheidung. In Rottenburg leben zur Zeit besonders viele Flüchtlinge aus Gambia und aus Syrien, dazu einige wenige aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem Irak und dem Iran, sagte die Sozialarbeiterin Kirsten Modest.

Anders als früher gibt es für die Flüchtlinge auch gezielte Sprachkurse. Vier mal die Woche je zwei Stunden, sagte Iska Dürr, Leiterin der Sozialabteilung im Landratsamt. Das diene auch der „Tagesstruktur“.

Über die Sprachkurse ist die Rottenburger Volkshochschule in den vergangenen Jahren zur wichtigsten Anlaufstelle für Migranten und Flüchtlinge geworden. VHS-Mitarbeiterin Susanne Anane berät in allen möglichen Alltagsproblemen (obwohl das gar nicht unbedingt zu ihrer Stellenbeschreibung gehört), und die Tübinger Caritas bietet dort regelmäßig Beratungsstunden an. „Wir bauen ein Netzwerk von Ehrenamtlichen auf“, sagte VHS-Leiter Jürgen Rohleder.

Auch die Senioren-Sprecherin Ursula Eisele aus Ergenzingen ist seit kurzem ehrenamtliche Deutschkurs-Tutorin an der VHS. Sie regte an, man möge den Flüchtlingen doch „unsere weihnachtlichen Bräuche vorstellen“. Für solche Angebote eigne sich der Gemeinschaftsraum auf dem DHL-Gelände, sagte die Sozialarbeiterin Kirsten Modest: „Der steht immer offen für Veranstaltungen.“

Trotzdem seien viele Flüchtlinge „gezwungen, sich zu langweilen“, hat Linken-Stadtrat Emanuel Peter beobachtet. Er forderte die Stadtverwaltung und die hiesigen Firmen auf, „Praktikumsstellen“ für Flüchtlinge einzurichten. „Die Leute bringen oft Qualifikationen mit.“

Die Langeweile führt auch zu Reibereien: Konflikte zwischen den Flüchtlingen, aber auch mit Nachbarn. Weggental-Anwohner Werner Vogt kolportierte Gerüchte („ich wurde gebeten, das zu fragen“) über drogendealende Afghanen und islamistische „Schläfer“ – „auch in Rottenburg“.

Tatsächlich zugetragen hat sich wohl ein versuchter Raubüberfall in der dunklen Bahn-Unterführung beim DHL-Gelände, von dem WiR-Stadtrat Peter Cuno berichtete. Als Bürgermeister Derbogen am vergangenen Freitag davon erfuhr, habe er sofort angeordnet, den Weg dort besser auszuleuchten, sagte er. „Das war ein Einzelfall“, betonte Derbogen.

Wer koordiniert die Angebote?

Wichtig seien vor allem alltägliche Begegnungen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen, sagten mehrere Teilnehmer am Montagabend. Besonders engagiert ist dabei die evangelische Kirchengemeinde. Pfarrerin Regina Fetzer verwies auf das Asylcafé „Coffee to stay“ jeden Freitag um 18 Uhr im Gemeindehaus Anton-Buhl-Weg. Im Januar soll auch in der Kirchgasse ein regelmäßiger Montagsnachmittags-Treff starten. „Es gibt überall Strukturen, bei denen man sich anhängen kann“, sagte Fetzer. Sie fügte jedoch hinzu: „Ich sehe noch nicht so viele Ehrenamtliche.“

Am Montagabend zeigte sich allerdings auch, dass selbst die beruflich und ehrenamtlich Engagierten nicht alle vorhandenen Angebote kennen. Und wo können Einzelpersonen nachfragen, die etwas anbieten oder wo mitmachen wollen? „Gibt es eine Stelle, die das koordiniert?“ fragte SPD-Stadtrat Hermann Steur.

Die Stadtverwaltung hat einen Landeszuschuss für eine Integrationsstelle beantragt, doch darüber ist noch nicht entschieden. Bürgermeister Derbogen will „Anfang Januar“ bekannt geben, ob und wie die Stadt eine solche Anlaufstelle einrichten wird. Notfalls müsse man die vorhandenen Kapazitäten „ausbauen“.

In den nächsten Tagen will der Bürgermeister per Rundmail alle Rottenburger Hilfs- und Begegnungs-Angebote für Flüchtlinge sammeln lassen und anschließend veröffentlichen. Zu einem weiteren Runden Tisch will Derbogen im März einladen.

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10.12.2014, 12:00 Uhr

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