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Tod eines Arbeiters: Die Ermittlungen laufen

Viele Fragen zum Unglück auf der Dußlinger Baustelle

Bauarbeiter gehören zu den stark gefährdeten Berufsgruppen, Bau-Unfälle zu den schwer zu ahndenden Unglücken. In Dußlingen scheint der Tod eines Arbeiters fahrlässig verursacht worden zu sein. Ein nicht unähnlicher Fall 2014 in Ofterdingen kostete den Verurteilten in diesem Jahr 6000 Euro.

28.08.2015
  • Eike Freese

Dußlingen.90 Tagessätze, rund 6000 Euro Geldstrafe, kein Eintrag ins Führungszeugnis: Dieser Strafbefehl erging im Frühjahr dieses Jahres an einen Rottenburger Bauunternehmer. Auf einer seiner Baustellen in einem Ofterdinger Baugebiet war im Herbst 2014 ein Arbeiter verschüttet worden – in der Baugrube an einem Wohnhaus am Banweg (siehe Info-Box, das TAGBLATT berichtete). Der Mann starb, weil die Grube nicht genügend gesichert war – arbeitsrechtlich eine eindeutige Aufgabe des Arbeitgebers.

Viele Fragen zum Unglück auf der Dußlinger Baustelle
Das Rathaus-Ensemble in Dußlingens Ortsmitte. Schräg hinter dem Rathaus (rechte Bildhälfte) liegt die Sporthallen-Baustelle, die derzeit ruht. Bild: Franke

Das spezielle Strafmaß in diesem Fall fahrlässiger Tötung begründet die Staatsanwaltschaft in Tübingen mit Verweis auf die Umstände des Falls: Der Bauunternehmer sei nicht vorbestraft gewesen, er habe tiefe Betroffenheit und Reue gezeigt, er habe erfahrenen Mitarbeitern vertraut und die Baugrube sei nur relativ kurz ungesichert gewesen. „Es war ein tragischer Spezialfall“, sagt Staatsanwältin Tatjana Grgic. Der Mann habe das Urteil sofort akzeptiert. Öffentlich wurde es erst jetzt durch TAGBLATT-Nachfrage.

Wie einst im Dußlinger Fall entschieden wird, ist noch völlig unklar. Die Baustelle der Dußlinger Sporthalle, auf der Anfang August ein 38-jähriger Arbeiter starb, liegt noch immer unberührt da. Selbst die Sicherungs-Pfähle des THW und die erst nachträglich angelieferte, anfangs fehlende Verbau-Box liegen dort.

Das Unternehmen selbst, die FK Systembau aus Münsingen, hat sich bislang noch nicht ausführlich öffentlich geäußert. Die 140-Mitarbeiter-Firma war bereits an zahlreichen Vorzeige-Bauten in der Region Neckar-Alb beteiligt. „Wir sind sehr bestürzt, unterstützen die behördlichen Ermittlungen in jeder Hinsicht und untersuchen den tragischen Unfall auch intern“, beteuert Geschäftsführer Ewald Schmauder auf TAGBLATT-Nachfrage. Die Geschäftsführer bäten indes um Verständnis, dass sie derzeit „keinerlei verlässliche Aussagen zum Unfallhergang treffen können“.

Bislang laufen die Ermittlungen der Kriminalpolizei. Das bedeutet vor allem, im Geflecht der Verantwortung die Schuldigen am Tod des Mannes ausfindig zu machen. Dass Dußlingen kein rein tragischer Unfall war, legt für Beobachter bislang vor allem die Tatsache nahe, dass die fehlende Sicherheit auch für Laien absolut offensichtlich ist.

Mindestens zwei Möglichkeiten hätte es für den Schutz der Arbeiter im fünf Meter tiefen Abwasser-Graben gegeben: Eine Böschung, das heißt ein Gefälle in die Wände einarbeiten – oder den Graben mittels festen Wänden „verbauen“. Bei dieser großen Tiefe wäre eine Böschung indes wohl unpraktikabel und viel zu raumgreifend gewesen.

In Dußlingen kam ein Arbeiter ums Leben

In Dußlingen kam ein Arbeiter ums Leben --

01:19 min

Bleibt die Möglichkeit des Verbaus: Bei dieser großen Tiefe und diesem schmalen Graben eine absolute Notwendigkeit, die jedem am Bau beschäftigten im Normalfall sofort einleuchtet. Bereits ein Kubikmeter herabstürzende Erde lastet mit bis zu zwei Tonnen Gewicht auf dem Köper eines Menschen.

Im rund zehn Meter langen Graben bestand diese Gefahr über die Zeit der Baustelle hinweg Tag für Tag – bei einer Tiefe von bis zu fünf Metern und unten bereits arbeitenden Männern. Da ein Verbau – egal ob gemietet oder selbst ausgeführt – durchaus aufwendig (und kostspielig) ist, ist es zwar theoretisch möglich, aber nicht überaus wahrscheinlich, dass kein Übergeordneter von der Lebensgefahr wusste.

Wer verzichtete auf den Verbau?

Zu ermitteln ist zudem, warum die Arbeiter weiter auf der so offensichtlich ungesicherten Baustelle gearbeitet haben – oder ob es Gründe gab, dass sie sich nicht geweigert haben, dort zu arbeiten.

„Man muss in solchen Fällen prüfen, warum genau, vielleicht bewusst auf einen teuren Verbau verzichtet wurde – etwa um sich einen Wettbewerbsvorteil durch Einsparung zu verschaffen“, gibt etwa Rudi Clemens vom „Netzwerk Gesundheit und Qualifikation“ zu bedenken, bundesweit gefragter Sicherheit-Berater für Bau-Gewerbe und Bau-Gewerkschaft. Dass auf den Verbau aus bloßer Schusseligkeit verzichtet wurde, hält er allein angesichts der Größe für unwahrscheinlich. Clemens hält Baustellen-Unfälle für traditionell schwach ausermittelt und oft zu schwach geahndet.

Zu prüfen ist zudem, inwiefern die Gemeinde als Bauherrin ihrer Aufsichts-Verpflichtung nachgekommen ist. Die Baustellen-Verordnung verfügt ausdrücklich, dass die Bestellung eines Sicherheits- und Gesundheits-Koordinators (den Dußlingen beauftragt hat) nicht von der Verantwortung für die Sicherheit der Menschen entbindet.

Jene Koordination für Sicherheit und Gesundheit auf der Baustelle hat das Ingenieur-Büro Weber aus Pforzheim im Auftrag der Gemeinde übernommen. In einer ersten Stellungnahme hatte ein Geschäftsführer dem TAGBLATT gegenüber betont, Sicherheits-Koordination der Unternehmen sei bislang nicht notwendig gewesen. Andererseits müssen SiGeKo-Firmen auch bereits im Vorfeld, also in der Planungsphase, Gefahren und Maßnahmen in einem Sicherheitsplan bündeln und später dessen Einhaltung prüfen.

Im Jahr 2014 gab hatten rund 750 000 im Baugewerbe Beschäftige in Deutschland 103 731 Arbeitsunfälle. 81 davon endeten tödlich. Am 28. Oktober 2014 starb ein 55-jähriger Arbeiter auf einer Baustelle eines Wohnhauses am Banweg in Ofterdingen. Genau wie in Dußlingen war die Grube ungenügend gesichert, Erdreich begrub den Mann unter sich. In Ofterdingen indes war die Grube viel kleiner: Zwei Meter Durchmesser, zwei Meter tief an einer Privat-Baustelle. Die Grube auf der Groß-Baustelle der Dußlinger Sporthalle ist fünfmal so lang und doppelt so tief.

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28.08.2015, 12:00 Uhr

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