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Naturschutz

„Viele Insekten sind am Kipp-Punkt“

Der Schwund an Schmetterlingen, Bienen und Co. ist dramatisch. Der WWF schildert, wie ernst die Lage ist, was sich ändern muss und was der Einzelne tun kann.

24.03.2018

Von GUDRUN SOKOL

Ein männlicher Hauhechel-Bläuling.

Berlin. Massives Insektensterben beunruhigt Naturschützer. Im Oktober vergangenen Jahres hat eine Langzeit-Studie belegt, das die Gesamtmasse der Insekten in Deutschland innerhalb von 27 Jahren um drei Viertel abgenommen hat. Die Ursachen sind vielfältig und bedürfen der genaueren Analyse. Doch wie steht es jetzt, zu Beginn des Frühlings, um die Insekten in Deutschland? Der Sprecher des WWF (World Wild Fund for Nature) Deutschland, Roland Gramling, gibt Auskunft.

Haben die späten Kälte-Einbrüche zum Ausklang des Winters den Insekten in Deutschland noch mehr zugesetzt?

Roland Gramling: Mit Witterungsschwankungen, Wetterumschwüngen und längeren Kälteperioden können Insekten grundsätzlich sehr gut umgehen. Sie überwintern ja in Form einer Winterstarre und können – so wie dieses Jahr – auch relativ späte und durchaus längere Frostperioden gut überstehen. Bei Schädlingen wie der Blattlaus sieht es etwas anders aus: Normalerweise sterben die Tiere während des Winters ab, im Frühjahr erfolgt der Populationsaufbau aus den im Herbst abgelegten Eiern. In milden Wintern können Blattläuse überleben.

Inwieweit verändert der Klimawandel die Insektenbestände?

Das sind natürlich sehr komplexe Zusammenhänge. Aber wenn es bei uns zum Beispiel mehr milde Winter gibt, können sich langfristig auch Insekten aus dem Mittelmeerraum – generell aus dem Süden – eher ansiedeln. Darunter auch Schädlinge oder potentielle Krankheitsüberträger wie die Tigermücke.

Warum haben Insekten überhaupt so eine große Bedeutung?

Zum einen, weil sie Lebensgrundlage für sehr viele Tiere in der nachgelagerten Nahrungskette sind: vor allem Vögel, aber auch Igel, Amphibien und kleinere Reptilien. Und die wiederum sind Nahrungsgrundlage für größere Tiere: Schlangen, Störche, Marder und andere kleine Raubtiere. Zum anderen brauchen wir die Insekten natürlich für die Landwirtschaft.

In welchem Ausmaß ist unsere Landwirtschaft bereits vom Insektensterben beeinträchtigt?

Etwa die Hälfte von dem Obst und Gemüse, das wir essen, wird von Insekten bestäubt – vor allem Bienen und Schmetterlinge sind das. Sie machen ja einen großen Teil der Flug-Insekten aus, die von dem massiven Insektenschwund betroffen sind. Wohin das in der Landwirtschaft führen kann, konnte man in den letzten Jahren in manchen Gegenden Chinas sehen: Weil dort Insekten als Bestäuber fehlen, musste auf Plantagen in mühseliger Arbeit die Bestäubung der Blüten von Hand – mit Pinseln oder Wattestäbchen – vorgenommen werden. Welche Auswirkungen so etwas auf die Wirtschaftlichkeit hier in Deutschland hätte, lässt sich gar nicht absehen.

Welche Insekten sind bei uns am stärksten bedroht?

Es sind tatsächlich viele Bienen- und Schmetterlingsarten, die von dem massiven Insektenschwund betroffen sind. Manche Arten befinden sich bereits sehr nahe am kritischen Kipp-Punkt, ab dem ihr Verschwinden nicht mehr aufzuhalten sein wird. Aber auch andere Arten mit weniger Vertretern sind stark gefährdet, wie zum Beispiel der Hirschkäfer, der sich ja aufgrund seiner Größe und seines markanten Aussehens gut bestimmen lässt. Bei Insekten ist es natürlich, anders als bei großen Säugetieren, schwieriger, ihre Populationsgröße zu erfassen. Die Zahlen basieren meist auf Schätzungen.

Was muss passieren, um das dramatische Insektensterben aufhalten zu können?

Wir brauchen eine völlige Neuausrichtung der Landwirtschaft weg von der Intensivierung, weniger oder keinen Einsatz von Stickstoff, Pestiziden, Neonikotinoiden und Totalherbiziden. Die vernichten alles – auch Wildkräuter, Gräser und Grünstreifen, die Insekten Lebensraum und vielfältige Nahrungsgrundlagen bieten. Enge Fruchtfolgen in der Landwirtschaft führen zu Fehl-Ernährung von Insekten. Mehr Vielfalt auf den Äckern ist die Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit des Agrarsektors. Wir sind hier noch abwartend und vorsichtig, was die neue Bundesregierung angeht. Es handelt sich ja um eine langfristige Entwicklung.

Und trotzdem haben die erschreckenden Zahlen vom Herbst vergangenen Jahres den einen oder anderen wachgerüttelt?

Wir haben natürlich festgestellt, dass das öffentliche Interesse an dem Thema gestiegen ist. Und dass öfter nachgefragt wird, was der Einzelne tun kann.

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Erstellt:
24. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. März 2018, 06:00 Uhr

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