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Gewalt

Viele Opfer schweigen

Eine Studie zeigt: Jeder fünfte Lehrer wurde bereits gemobbt oder angegriffen, unter den Tätern sind Schüler, aber häufig auch Eltern. Der Verband VBE fordert mehr Unterstützung von der Politik.

15.11.2016
  • DPA

Stuttgart. Schläge in den Magen, Tritte vors Schienbein, Schmähung im Internet: Jeder fünfte Lehrer im Südwesten ist schon von Schülern beleidigt und gemobbt worden; körperliche Gewalt haben vier Prozent der Lehrer erlitten. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Die Gewalt und Aggressivität gegen Pädagogen nehme zu, sagte VBE-Landeschef Gerhard Brand bei der Vorstellung der Umfrage gestern in Stuttgart. In absoluten Zahlen seien an öffentlichen Schulen 3800 Opfer von tätlichen Übergriffen zu verzeichnen. „Gewalttaten gegen Lehrkräfte sind keine Einzelfälle. Es trifft Menschen mit Gesichtern, mit Geschichten und mit Würde“, sagte Brand.

Dennoch werde das Phänomen von Betroffenen verheimlicht, von staatlichen Stellen kleingeredet – und vom Kultusministerium nicht genug beachtet. „Ein Alarmsignal an die Politik ist die Einschätzung von 59 Prozent der befragten Lehrkräfte in Baden-Württemberg, dass Gewalt gegen Lehrkräfte ein Tabu-Thema ist.“ Oft werde ein Vorfall nicht gemeldet – aus Furcht, dem Ruf der Schule zu schaden. Die Betroffenen reagierten nicht selten mit Rückzug, Depression und Kappen sozialer Kontakte. Dabei reagierten die älteren Kollegen sensibler auf verbale Angriffe als die jüngeren. „Der Dienstherr muss sich schützend vor und vor allem unterstützend hinter die Lehrkräfte stellen“, betonte Brand.

Nach der Umfrage haben das höchste Potenzial psychischer Gewalt Haupt-, Gemeinschafts- und Förderschulen. Doch auch an Grundschulen erlebten die Lehrer Gewalt, etwa Treten, Beißen, Spucken. Keinerlei Unrechtsbewusstsein zeigten die Schüler beim „Cybermobbing“: Fast jede dritte Lehrkraft im Südwesten berichtet laut Umfrage über Fälle von Beleidigungen im Internet an der eigenen Schule. Die Dunkelziffer sei sehr hoch, weil viele Kollegen gar nicht im Internet auf den einschlägigen Seiten unterwegs seien. Brand forderte eine Initiative für bessere Medien-Kompetenz der Schüler.

Neben Zahlen für Baden-Württemberg gibt es auch Erhebungen aus Bayern und Nordrhein-Westfalen sowie dem Bund. Insgesamt wurden knapp 2000 Lehrer befragt, jeweils 500 in den Bundesländern und 500 im gesamten Bundesgebiet.

Brand forderte eine Art Leitlinie des Ministeriums für den Umgang mit Fällen von Gewalt gegen Lehrer, in der die Ansprechpartner für die Betroffenen und die Schulen aufgelistet seien. Als letzte Instanz müsse bei schweren Angriffen auch eine Anzeige bei der Polizei infrage kommen. Schwierig sei die Kooperation mit den Eltern gewalttätiger Schüler. Das seien gewöhnlich jene, die keinen Kontakt mit der Schule suchten. Sie gehörten auch zur Gruppe der Täter: 54 Prozent der befragten Lehrkräfte gaben an, von Vätern oder Müttern beleidigt worden zu sein.

Da sei es leichter für Sozialarbeiter, das Gespräch zu suchen. „Die haben wir aber nicht“, kritisierte Brand. Dabei seien multiprofessionelle Teams mit Sozialarbeitern, Sonderpädagogen, Schulpsychologen und weiterem pädagogischen Personal geboten, um die steigenden Herausforderungen an Schulen, unter anderem Integration von Flüchtlingskindern und behinderten jungen Menschen, bewältigen zu können.

Die Landtags-FDP pochte auf die Schlüsselrolle der Schulpsychologen, um Gewalt gegen Lehrer vorzubeugen. Die Vorfälle müssten zudem verpflichtend gemeldet und öffentlich gemacht werden. Julia Giertz, dpa

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15.11.2016, 06:00 Uhr

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