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Viele Pillen, wenig Zuwendung
Kritikern zufolge werden Dementen zu viele Mittel gegen Depressionen gegeben. Foto: epd
Pflege

Viele Pillen, wenig Zuwendung

In Heimen erhalten insbesondere Demenzkranke zu oft dauerhaft Medikamente, zeigt eine Studie. Sie sieht die Ärzte in der Pflicht, aber auch die Heimbetreiber.

06.04.2017
  • DIETER KELLER

Berlin. Ein großer Teil der rund 800 000 Bewohner von Pflegeheimen schluckt zu viele Psychopharmaka. Betroffen sind insbesondere die 500 000 Demenzkranken: 43 Prozent bekommen dauerhaft Neuroleptika, also Mittel gegen Wahnvorstellungen, 30 Prozent Mittel gegen Depressionen und jeder vierte Präparate gegen Demenz. Das zeigt der neueste Pflegereport der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) auf.

Dabei sind die meisten Neuroleptika gar nicht für die Behandlung Dementer zugelassen. Und wenn, dann nicht auf Dauer, sondern nur Therapien bis zu sechs Wochen, klagt die Pharmakologin Petra Thürmann von der Universität Witten/Herdecke. „Der Nutzen ist nicht besonders, aber dafür kaufen wir uns relativ viele Risiken ein“, sagt sie mit Blick auf Nebenwirkungen wie schlechtere geistige Leistungsfähigkeit, höheres Sturzrisiko und mehr Thrombosen oder Schlaganfälle.

Weniger in anderen Ländern

Im europaweiten Vergleich werden Neuroleptika in deutschen Heimen besonders oft verordnet. In Finnland, den Niederlanden, Frankreich und England erhalten sie nur etwa 30 Prozent, in Schweden nur 12. Dort gebe es mehr andere Behandlungsmethoden, etwa Beschäftigungsangebote.

Im Gegensatz zu Patientenschützern sieht der Chef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, keinen großen Skandal. Ein Horror-Szenario, dass massenhaft Demente ruhig gestellt würden, um Pflegekräfte einzusparen, hält er für völlig überzogen. In der Pflicht seien insbesondere die Ärzte, wenn sie Medikamente entgegen den bestehenden Leitlinien einsetzen oder wenn sie ihre Patienten das ganze Quartal über nicht sehen, sondern nur Rezepte ausstellen.

Daneben sind Litsch manche Heimbetreiber suspekt. Sein Verdacht: Zusätzliches Geld kommt nicht immer bei den Pflegekräften an, sondern landet in anderen Bereichen oder erhöht den Gewinn. Die meisten seien nicht bereit, ihre Kostenstrukturen transparent zu machen.

Am wenigsten in der Kritik stehen die Pflegekräfte. Vier von fünf halten den Einsatz von Psychopharmaka bei Dementen in ihrem Heim für eher angemessen, ergab eine Befragung von 2500 Alten- und Krankenpflegerinnen, die in Heimen arbeiten. 14 Prozent beurteilen ihn als eher zu hoch, nur wenige als eher zu niedrig. Da müsse das Problembewusstsein der Pflegekräfte geschärft werden, meinte die AOK-Pflegeexpertin Antje Schwinger.

Mehr als jede vierte Pflegerin beklagt, sie könne wegen des Zeitdrucks bei „herausforderndem Verhalten“ von Dementen zu wenig Betreuung leisten, ohne gleich zu Medikamenten zu greifen. Ein pflegerisches Konzept ist das in den Niederlanden entwickelte „Snoezelen“, der Aufenthalt in einem gemütlichen Raum, in dem Demente bequem sitzen oder liegen und umgeben von leisen Klängen oder Melodien Lichteffekte betrachten.

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06.04.2017, 06:00 Uhr

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