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Medizintechnik

Viele Trauben machen einen guten Wein

In der Region Neckar-Alb boomt die Medizintechnik. Die drei in der Region Neckar-Alb zusammengefassten Landkreise Reutlingen, Tübingen und Zollernalb bilden gemeinsam ein Medizintechnikcluster mit dem Kern von über 75 Unternehmen, der Universität Tübingen und Forschungseinrichtungen wie das NMI in Reutlingen.

28.10.2016
  • TEXT: Bernd Ulrich Steinhilber |FOTOS: Metz, Haas

Cluster ist ein englisches Wort, was nicht weiter verwundert. Die Wirtschaft liebt flotte Anglizismen. Aber auch auf Deutsch klingt Cluster nicht schlecht. Cluster kann man mit Traube übersetzen und hat dann gleich ein konkretes Bild vor sich: Erst viele Trauben machen einen guten Wein. Ins Ökonomische übertragen, kann man von einem Netzwerk sprechen, dem Zusammenwirken von Produzenten, Zulieferern, Forschungseinrichtungen, Dienstleistern, Planungsbüros und Wirtschaftsverbänden, die miteinander zu tun haben – oder die noch gar nicht wissen, dass sie etwas miteinander zu tun haben könnten. Und genau diese sind die Kandidaten für Clustermanager, die die Trauben an den Reben pflegen und sich darüber Gedanken machen, wie man die Wirtschaft durch Synergieeffekte zum Laufen bringt. Clustermanager und folglich Cluster gibt es auch in der Region Neckar-Alb. Eines davon ist das höchstbedeutende Medizintechnikcluster.

Herzschrittmacher der Region

Medizintechnik wird gerne als „Herzschrittmacher der Region-Neckar-Alb“ apostrophiert, was nicht nur an den zahlreichen Unternehmen liegt, die auf diesem Gebiet unterwegs sind. Dass die Branche in den drei Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Zollernalb floriert, hat nicht zuletzt mit den Rahmenbedingungen zu tun, von denen diese Unternehmen profitieren.

Neben experimentierfreudigen Mittelständlern, der Nähe zur Universität Tübingen und gut ausgebildeten Fachleuten gehört dazu eine lange Reihe von Firmen aus ganz anderen Branchen. Sie flankieren die medizintechnischen Unternehmen und machen es überhaupt erst möglich, sinnvoll von einem Cluster zu sprechen. Auch wenn es auf den ersten Blick etwas fremd erscheinen mag, sind es Autozulieferer ebenso wie auf Automatisierungstechnik spezialisierte Betriebe, Firmen aus dem Bereich der Biotechnologie, der Elektronik und Textilhersteller, Unternehmen also, die auch auf den zweiten Blick wenig mit Medizin zu tun haben.

Laut Dr. Stefan Engelhard, der bei der Reutlinger Industrie- und Handelskammer (IHK) den Bereich „Innovation und Umwelt“ leitet und in dieser Eigenschaft auch für die verschiedenen Cluster zuständig ist, dürften in der Region Neckar-Alb etwa 10000 Beschäftigte in einer irgendwie gearteten Beziehung zu medizintechnischen Produkten stehen. 4400 sind es bei den 75 Herstellern medizintechnischer Instrumente im engeren Sinne.

Mit Abstand am größten ist die Elektromedizin, der die Bereiche Diagnostik, Therapie und physikalische Medizin sowie Chirurgie und Endoskopie zugeordnet werden. Hier trifft man auf die Firmen Bowa (Gomaringen), Erbe (Tübingen) sowie die Hechinger Unternehmen Baxter-Gambro und Maquet Cardiopulmonary. Ebenfalls bedeutend sind die Bereiche Physiotherapie und Orthopädie mit der AAT Alber Antriebstechnik (Albstadt), Ergosana (Bitz), Pro Activ Rehatechnik (Dotternhausen) und Ulrich Alber (Albstadt-Tailfingen). Sie produzieren Rollstühle, Ergometer und Mobilitätshilfen. Auch Blutdruckmessegeräte made in Neckar-Alb finden ihre Märkte im Ausland, worauf sich zum Beispiel Boso aus Jungingen spezialisiert hat.

Dass die IHK als Interessenvertretung der Wirtschaft gerade diesen Sektor genauer in den Blick nimmt, hat mit dem ökonomischen Erfolg der Medizintechnik zu tun. „Die Medizintechnikbranche zeichnet sich durch hohe Wachstumsraten und den Einsatz einer Vielzahl unterschiedlicher moderner Technologien aus, heißt es in einer IHK-Studie. Dabei geht es der Kammer, laut Engelhard, vor allem um die Schnittstellen, im Grunde also darum, bei den Unternehmen erst einmal ein Bewusstsein für das Cluster zu wecken und die Firmen mit Unternehmen anderer Branchen zusammenzuführen. „Gerade an diesen Schnittstellen lassen sich die Potenziale für neue Produkte erschließen.“

Darüber hinaus kommen internationale Beziehungen in den Blick für Firmen, die bislang international nicht unterwegs waren oder ihr internationales Engagement ausbauen wollen. In den Fokus nimmt man aber auch die sich an das hiesige Cluster anschließenden Nachbarn, wie die als „Weltzentrum der Medizintechnik“ geltende Region Tuttlingen. Einen riesigen Pool an Know-how also.

Als wichtigste Standortfaktoren der Region Neckar-Alb für diesen Bereich nennt die IHK-Studie neben der Universität und dem Universitätsklinikum Tübingen (UKT) das in Reutlingen angesiedelte Naturwissenschaftliche Medizinische Institut (NMI) mit seinen Forschungslabors sowie das Interuniversitäre Zentrum für Medizinische Technologien Stuttgart-Tübingen (IZST).

IHK-Präsident und Chef der Tübinger Erbe Elektromedizin, Christian Otto Erbe, spricht aus eigener Erfahrung: „Das Cluster hat eine große Bedeutung, weil wir Unternehmen zusammenbringen und Synergien erschließen können.“ Viele Firmen arbeiteten parallel an ähnlichen Projekten und wüssten nichts voneinander. So blickt Erbe durchaus kritisch über die Region hinaus nach Tuttlingen, wo zwar in vielen Betrieben chirurgische Instrumente hergestellt werden, das Cluster aber nicht richtig funktioniere. „Dort ist die große Zahl an Betrieben historisch entstanden, aber sie bewirkt keine Synergie.“ Erst wenn zum Beispiel Biotechnik-Firmen und Medizintechniker über gemeinsame Themenstellungen sprechen, könne man von einer Clusterbildung sprechen. Seine eigene Firma habe vom Clusterdenken profitiert. Beispielsweise arbeite man mit dem Automobilzulieferer Elring Klinger in Dettingen zusammen, weshalb nun auch Elring Klinger im weitesten Sinne in der Medizintechnik tätig ist. Das Unternehmen stellt Teflonschläuche primär für Bremsen her, die aber auch für andere Anwendungen einsetzbar sind. Erbe baut sie in großem Umfang in chirurgische Instrumente ein, speziell in Sonden für den Magen-Darm-Trakt. „Das ist es, was wir von der IHK aus machen können, dass wir Firmen zusammenbringen, die ursprünglich nichts miteinander zu tun haben.“

Ein Sektor stärkt den anderen

Ein gerne genanntes Beispiel handelt von der Textilindustrie, die gerade auf der Zollernalb sehr stark vertreten war – und es wieder ist. Gerade deshalb lässt sich dort die hohe Konzentration medizintechnischer Unternehmen auf die Kompetenz der textilverarbeitenden Unternehmen zurückführen, feine und sensible Materialien zu verarbeiten. Der Schwund der Textilindustrie sei durch das Wachstum der Medizintechnik kompensiert worden. Ein Sektor stärkt den anderen.

Erwähnenswert sind Engelhard die von dem Hechinger Unternehmen Jotec verwendeten gestrickten Textilien aus hochfesten Fasern, mit denen sich Gefäßprothesen herstellen lassen. Operationstücher, Hygienetextilien, Bandagen und Inkontinenzartikel führt die IHK-Studie als weitere Beispiele für die Clusterwirkung an und preist folglich die Region Neckar-Alb neben der Medizintechnologie auch als eine „Textilhochburg“ mit Unternehmen wie Eschler (Balingen), die Gebrüder Conzelmann (Albstadt), Mattes und Ammann (Meßstetten), Modellia (Geislingen) sowie das Tübinger Textilwerk Rökona.

Aber auch in Sachen Mobilitätshilfe habe sich das Cluster bewährt. So arbeitet etwa der Aichelauer Spezialist für behindertengerechte Fahrzeugumbauten Paravan mit dem Albstädter Elektrorollstuhl-Hersteller Alber zusammen. Vertriebswege erschließt sich das Unternehmen über eine Kooperation mit der Künzelsauer Würth-Gruppe.

Das Cluster führte auch die Reutlinger Bemotec GmbH mit der Kirchentellinsfurter Tricon Design AG zusammen. Bemotec, das für Entwicklung, Herstellung und Engineering medizintechnischer Produkte steht, nutzt für seinen Elektro-Rollator seitdem Tricons Kompetenz in Sachen Produktdesign. „Elektro, Mobilität und Textil: Das ist unser Know-how“, stellt Engelhard fest. „An den Schnittstellen ergeben sich immer neue Möglichkeiten.“ Freilich mache man sich auch auf der politischen Schiene für das Cluster stark. Die zukünftige Entwicklung werde von den Neckar-Alb-Unternehmen zwar als durchweg positiv eingeschätzt. Skeptisch allerdings bewerten sie den Kostendruck im Gesundheitswesen und die nicht überall anzutreffende Innovationsbereitschaft.

Engelhard macht dafür mehrere Gründe verantwortlich. „Die Rahmenbedingungen sind nicht immer innovationsfreundlich.“ So sei oft nicht klar, wie sich ein von Ärzten einzusetzendes Produkt bei den Kassen abrechnen lasse. Schlimmstenfalls bekomme man neues Gerät gar nicht auf den Markt. Oder es werden vom Gesetzgeber zunehmend Regeln erlassen, die wie Bremsklötze wirken. Auslöser für diese Entwicklung sei, laut Engelhard, der Skandal rund um bewusst mit ungeeignetem Silikon hergestellte Brustimplantaten. „Der technische Fortschritt hat in den letzten Jahren zu einer höheren Lebenserwartung bei verbesserter Lebensqualität geführt. Regulierungen sollten so ausgestattet sein, dass sich diese positive Entwicklung zum Nutzen der Patienten fortsetzt.“

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28.10.2016, 06:00 Uhr

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