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Der Organspende-Skandal hinterlässt auch am Tübinger Uni-Klinikum Spuren

Viele klärende Gespräche

Die Daten sind überprüft. „Wir konnten keine Unregelmäßigkeiten feststellen“, sagt der Chef der Tübinger Transplantationschirurgie Prof. Alfred Königsrainer. Doch der Skandal um manipulierte Wartelisten in Göttingen und Regensburg geht auch am Uni-Klinikum Tübingen (UKT) nicht spurlos vorbei.

18.08.2012
  • Uschi Hahn

Tübingen. Rund 300 Patienten der Tübinger Transplantationschirurgie warten auf ein Spenderorgan, etwa die Hälfte braucht eine neue Leber. Ist womöglich einer seiner Patienten leer ausgegangen, weil in Göttingen ein schwerkranker Mensch auf dem Papier noch kränker gemacht wurde, um eine der über Eurotransplant verteilten Organe zu erhalten? Alfred Königsrainer, 57 und seit 2004 Leiter der Tübinger Uni-Klinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie, weiß es nicht.

Keine Bonuszahlungen für Transplantationen

Auch die Frage nach den Auswirkungen auf die Arbeit am UKT kann der aus Südtirol stammende Mediziner noch nicht beantworten. „Es dauert eine Zeit lang, bis man merkt, ob die Spendenbereitschaft zurückgeht“, sagt er über den Vertrauensverlust in die Transplantationsmedizin, den der Organspende-Skandal möglicherweise ausgelöst hat. Schon das Wort hört er nicht gern. Es gehe hier nicht um einen Organspende-Skandal. „Wenn, dann ist es ein Verteilungsskandal.“ Darauf legt Königsrainer Wert.

Was die Transplantationschirurgen in Regensburg und Göttingen offenbar begangen haben, bezeichnet Königsrainer als „grobe Regelverletzungen“. Sicher seien die jetzt bekannt gewordenen Manipulationen auf der Patienten-Warteliste „ein Vergehen, das man ans Tageslicht bringen muss“. Kriminell sei die Weitergabe von falschen Leberwerten allerdings nur, „wenn Geld fließt“. Und da sei bisher „nichts bewiesen“.

Die Tübinger Patienten sind jedenfalls beunruhigt. Sie rufen an, wollen wissen: „Was ist da los in der Transplantationsszene“, wie Königsrainer berichtet. Man führe „viele klärende Gespräche“. Auch mit Patienten, die bereits transplantiert sind.

In solchen Gesprächen taucht schon mal die Besorgnis auf, ob derartige Manipulationen auch in Tübingen möglich wären. Königsrainer verneint das entschieden. „Wir haben nachgeschaut, ob wir das machen könnten“, sagt er. Doch am UKT legen die Internisten fest, welche Patienten wie dringend transplantiert werden müssen. Die Chirurgen, sagt Königsrainer, überprüfen die Indikation und schauen danach, ob eine Transplantation überhaupt machbar sei.

Außerdem gebe es noch die wöchentliche Transplantationskonferenz, in der insbesondere die Dringlichkeit der Fälle besprochen wird. Und es gibt den Transplantationskoordinator, der die Befunde an Eurotransplant meldet. Einen Patienten vorziehen, womöglich, weil er dafür bezahlt? „Da müssten schon alle korrupt sein: der Internist, der Chirurg und der Koordinator“, sagt der Chef der Tübinger Transplantationschirurgie. Auch Bonuszahlungen für Organverpflanzungen gebe es in Tübingen nicht.

Das Tübinger System scheint also gefeit gegen zweifelhafte Machenschaften. Doch als die Manipulationsvorwürfe an anderen Transplantationszentren bekannt wurden, hat man auch hier noch einmal alles überprüft. „Wir haben die eigenen Patientendaten analysiert“, so Königsrainer: „Wir haben nichts zu verbergen.“

Weniger zufrieden ist der Tübinger Cheftransplanteur mit System der Organverteilung. Das erlaube zum Beispiel nicht, die Erfolgsaussichten bei der Auswahl der Empfänger ausreichend einzubeziehen. So habe ein Patient, der mit einem Meld-Score von 40 auf der Warteliste ganz oben steht, nur noch eine 50-prozentige Chance auf eine erfolgreiche Transplantation. Doch schon ein Score von 30 bedeute für den Patienten ein Sterberisiko von 70 Prozent innerhalb der nächsten drei Monate. „Es ist“, sagt Königsrainer, „ein extrem schmaler Pfad, auf dem die Patienten sich befinden.“

Spenderkriterien wurden erweitert

Umso schmerzlicher für ihn als Chirurgen, eine der viel zu raren Spenderlebern zu verlieren, weil der Empfänger nach der Operation stirbt. Königsrainer drückt es drastisch aus: „Dann habe ich eine Leber verschmissen.“

Vor diesem Hintergrund sieht der Tübinger Transplantationsmediziner in dem so genannten Beschleunigten Verfahren, das jetzt ebenfalls in die Kritik geraten ist, die Möglichkeit, den Organpool zu vergrößern. Dabei werden Hochrisiko-Organe von älteren Spendern oder solchen mit Vorerkrankungen nicht über die Eurotransplant-Liste verteilt, auf der Patienten aus sieben europäischen Ländern stehen. Weil diese Organe sehr schnell verpflanzt werden müssen, werden sie nur Transplantationszentren in einem engen Umkreis angeboten. Die Klinik, die den Zuschlag bekommt, kann einen Patienten von der eigenen Warteliste gezielt mit dem Spenderorgan versorgen.

Was wiederum die Erfolgsaussichten verbessern kann. Denn oft seien die über Eurotransplant verteilten Organe gar nicht optimal für den Patienten, für den sie bestimmt sind, berichtet Königsrainer. Zum Beispiel, weil die Körpergröße von Spender und Empfänger zu weit auseinanderliegt: „Kleine Organe sind schwierig zu bekommen“, sagt Königsrainer. Doch deshalb bei der Entnahme ein Organ schlecht reden, um es im Haus zu behalten? Königsrainer schüttelt den Kopf: „Das kann vielleicht einmal gut gehen, sonst mache ich mich ja unglaubwürdig.“

Mittlerweile werden am UKT durchschnittlich 37 Prozent der Lebern nach dem Beschleunigten Verfahren transplantiert. Für den Tübinger Klinikchef ist das „eine Erfolgsstory“. Nur so habe man die Spenderkriterien erweitern können, was Alter und Vorerkrankungen betrifft. Und es habe dazu geführt, dass bei einer konstanten Zahl von Organspendern „deutlich weniger Lebern verloren gingen“.

Allerdings gibt es für das Verfahren noch keine Langzeitergebnisse, wie Königsrainer einräumt. Womöglich versagen die Hochrisiko-Organe schneller ihren Dienst als jene, die bei der Verpflanzung in besserem Zustand waren. „Wenn wir die Patienten in fünf Jahren alle neu transplantieren müssten, wäre das eine Katastrophe“, sagt Alfred Königsrainer.

Viele klärende Gespräche
Am Tübinger Uni-Klinikum stehen rund 300 Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Hier transplantiert Alfred Königsrainer einen Dünndarm. Bild: UKT

Viele klärende Gespräche
Prof. Alfred Königsrainer ist seit 2004 Chef der Transplantations- chirurgie am Uni-Klinikum Tübingen. Archivbild: Metz

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18.08.2012, 12:00 Uhr

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