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Börsenstratege Helmer: Mittelfristig hat die Deutsche-Bank-Aktie wieder Potenzial

„Vielleicht noch abwarten“

Börsenkenner Fidel Helmer lobt den neuen Chef der Deutschen Bank. Cryan mache einen guten Job. Sorgen um die Zukunft der Bank macht er sich nicht.

12.07.2016
  • ROLF OBERTREIS

Frankfurt. Der Kurs eilt von Rekordtief zu Rekordtief. Nicht einmal mehr 12 EUR kostet die Aktie der Deutschen Bank. Sogar weniger als 10 EUR halten Analysten für möglich. Was sind die Gründe für die Talfahrt? Wie sind die Aussichten? Darüber spricht Fidel Helmer, Börsenstratege vom Bankhaus Hauck & Aufhäuser.

Die Aktie der Deutschen Bank hat seit Jahresanfang fast die Hälfte ihres Wertes verloren, allein seit der Entscheidung über den Brexit ein Viertel. Die Aktie ist so billig wie nie. Woran liegt es?

FIDEL HELMER: Die Deutsche Bank hat nach wie vor viele Baustellen, laufende Prozesse und Rechtsstreitigkeiten. In den USA drohen immer noch vermutlich hohe Strafen. Es gibt kaum ein negatives Ereignis im Finanzsektor, an dem die Deutsche Bank nicht beteiligt ist. Das schlägt sich natürlich im niedrigen Aktienkurs nieder.

Aber wieso hat der Brexit belastet?

HELMER: Das deutet darauf hin, dass die Zinsen weiter sehr niedrig bleiben. Das ist gerade für große Banken ein gewaltiges Problem, die wie die Deutsche Bank im Anleihe- und Zinsgeschäft und damit im Investmentbanking stark sind. Dieser Bereich im Bankgeschäft bringt derzeit kaum noch Gewinn. Die Institute müssen neue ertragreiche Geschäftsfelder finden. Das geht nicht von heute auf morgen. London ist für die Deutsche Bank ein wichtiger Standort. Bei einem Brexit sind Verlagerungen in die EU unabdingbar. Auch hier wird die Bank wieder viel Geld in die Hand nehmen müssen.

Wer sind die Verkäufer? Wer kauft die Aktie überhaupt noch?

HELMER: Die Deutsche Bank wird die nächsten beiden Jahre keine Dividende bezahlen. Große Anleger wie Versicherungen oder Pensionskassen können es sich nicht leisten, Aktien zu halten, die keine Rendite bringen. Also verkaufen sie. Großanleger fallen als Käufer der Deutsche Bank-Aktie derzeit komplett aus.

Warum trifft es die Deutsche Bank stärker als andere Institute?

HELMER: Da komme ich auf meine Eingangsbemerkung zurück. Die Deutsche Bank ist seit Jahren viel stärker von negativen Ereignissen betroffen als andere Institute. Sie war fast immer dabei, verbunden mit hohen Strafen. Das ist immer noch nicht ganz ausgestanden.

Machen Sie sich Sorgen um die Deutsche Bank? Felix Hufeld, der Präsident der Finanzaufsicht Bafin sagt, die Deutsche Bank sei sicher.

HELMER: Ich mache mir keine Sorgen. Die Deutsche Bank ist nach wie vor das größte deutsche Institut. Sie hat eine starke Basis und ist kapitalkräftig. Sie wird nicht in ihren Grundfesten erschüttert. Der Name Deutsche Bank wird nicht verschwinden.

Droht eine Übernahme? Aktuell ist die Bank günstig zu haben.

HELMER: Das sehe ich nicht. Wer sollte sie kaufen? Zumal mit Blick auf die immer noch bestehenden hohen Rechtsrisiken.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hält die Deutsche Bank für das gefährlichste Institut der Welt.

HELMER: Der IWF sitzt in den USA. Dort drohen der Deutschen Bank die höchsten Strafen. Außerdem stehen deutsche Unternehmen – Stichwort VW – in den USA derzeit sehr stark in der Kritik. Auf sie wird eingeprügelt. Möglicherweise soll das auch US-Instituten – die größten Konkurrenten der Deutschen Bank – den Rücken stärken.

Fährt Deutsche Bank-Chef John Cryan den falschen Kurs?

HELMER: Cryan macht einen guten Job. Aber er muss aufräumen, was seine Vorgänger angerichtet haben. Er muss ein neues Geschäftsmodell entwickeln. Und das geht nicht von heute auf morgen. Es wird dauern.

Der Aktienkurs entspricht derzeit gerade mal einem Viertel des Buchwertes der Bank, also der Vermögenswerte, die die Bank hält. Ein Kaufsignal?

HELMER: Als Privatanleger kann man kann erst mal ein kleineres Investment tätigen. Ein Drittel eines geplanten Kaufs jetzt, ein Drittel im Spätsommer und den Rest, wenn sich der Kurs deutlich nach oben bewegt. Aber nach wie vor ist große Vorsicht angebracht. Es gibt Beobachter, die den Kurs der Aktie noch unter 10 Euro sehen. Vielleicht sollte man das noch abwarten.

Wo sehen Sie den Kurs der Bank in den nächsten Monaten?

HELMER: Die Aktie hat Potenzial. Cryan wird die Baustellen in den Griff bekommen und ein neues Geschäftsmodell aufsetzen. Und die Bank hat für weitere Strafen Rückstellungen von mehr als 5 Mrd. Euro gebildet. Es wird mit dem Kurs wieder aufwärts gehen.

Wann wird die Bank aus Ihrer Sicht wieder eine Dividende zahlen können? HELMER: Vielleicht ist das 2018 wieder möglich. Zumindest eine kleine Dividende ähnlich wie bei der Commerzbank. Dann wird die Aktie auch wieder für Großanleger interessant. Das dürfte den Kurs beflügeln. Privatanleger allein können das nicht bewerkstelligen.

Die Deutsche Bank steht allein schon durch ihren Namen und ihre Geschichte wie kein anderes Institut für die deutsche Finanzwirtschaft und Wirtschaft überhaupt. Ist ihr Niedergang damit auch ein Problem für die gesamte deutsche Wirtschaft?

HELMER: Wirklich betroffen ist die deutsche Wirtschaft nicht. Es gibt ständig gute Unternehmensnachrichten, die Wirtschaft wächst solide und stärker als in anderen Euro-Länder. Die Erwerbstätigkeit ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht.

Brauchen deutsche Unternehmen für ihr internationales Geschäft ein Institut wie die Deutsche Bank mit ihrer globalen Präsens?

HELMER: Natürlich ist heute das globale Geschäft entscheidend. Aber da gibt es neben der Deutschen Bank viele andere Institute, die diesen Pfad beschreiten und die gleichen Leistungen bieten. Der Wettbewerb ist heftig. Deutsche Unternehmen werden auch Angebote von Schweizer oder von amerikanischen Banken in Anspruch nehmen. Oder in jedem Fall prüfen.

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12.07.2016, 06:00 Uhr

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