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Randnotiz

Vier Kilometer zu Fuß durch Paris

Am Samstagmorgen machte Paris auf den ersten und gewiss oberflächlichen Blick fast schon wieder einen alltäglichen Eindruck. Erste Fahrt mit der Metro wenige Stunden nach den fürchterlichen Terroranschlägen in der französischen Metropole.

16.11.2015
  • SWP

Zehn Minuten zu Fuß vom Hotel am Rande des Arrondissements Saint-Denis, in dem es 2005 zu schweren Ausschreitungen gekommen war, zur Metro-Station Porte de la Chapelle, um mit der Linie 12 und 4 zum Gare de l'Est zu fahren. Sicher, etwas weniger los auf den Straßen, wenig Mitreisende in der U-Bahn - an "normalen Samstagen ist das anders. Aber auch kaum Polizei, kaum Militär.

Vier Kilometer zu Fuß durch Paris
SWP-Sportredakteur Thomas Gotthardt war im Stade de France und beschreibt, wie er die Nacht in Paris erlebt hat.

Die Nacht zuvor: Ein schönes Spiel sollte es werden, der Klassiker zwischen der Equipe Tricolore, dem EM-Gastgeber, und dem Weltmeister. Es riecht nach Euro 2016, titelte sinngemäß eine Zeitung.

Schon in der ersten Halbzeit gab es Anzeichen dafür, dass dieser Abend ein schrecklicher werden sollte. Zwei laute Explosionen versetzten die rund 80 000 Zuschauer im Stade de France in erste Unruhe. Schnell war klar, dass sich etwas vor dem Stadion ereignet haben musste. Da das Wlan-Netz äußerst instabil und das Telefonnetz nicht sonderlich gut war, dauerte es jedoch, bis sich die schrecklichen Nachrichten im Stadion und auch auf der Pressetribüne herumgesprochen hatten. Ansagen im Stadion gab es nicht. Aus guten Gründen: Schließlich sollte Panik unter den Zuschauern vermieden werden.

Die üblichen Dinge nach einem Spiel fanden an diesem traurigen Abend nicht statt. Alles andere wäre jedoch auch eine Farce und eine Respektlosigkeit gegenüber den Opfern gewesen. Keine Pressekonferenz, keine Gespräche mit Spielern. Über was hätte man auch reden sollen? Was hätten Bundestrainer Joachim Löw und dessen französischer Kollege Didier Deschamps auch analysieren sollen?

Der Tross der deutschen Journalisten stand zusammen auf der Tribüne und musste abwarten, wie sich die Lage entwickeln würde. Immer wieder wurden Informationen ausgetauscht und gesammelt. Es ging auch um die ganz banale Frage, wie es denn zurück ins Hotel gehen würde. Ich musste vom Stadion zum Hotel "nur" rund vier Kilometer laufen. Das war letztendlich die einzige Möglichkeit, um in die sichere Unterkunft zu kommen.

Vier lange Kilometer durchs nächtliche, vom Terror erschütterte Paris, immer an der Avenue du Président Wilson lang in südliche Richtung. Den Weg gehen zum Glück viele Besucher, meistens stumm. In einer Hand das Handy, um per Whatsapp oder SMS Fragen von Freunden, Bekannten oder Angehörigen zu beantworten.

In Bars laufen Fernseher, Leute bleiben stehen und versuchen Informationen zu erhaschen, was genau passiert war und immer noch passiert. Ungläubige Blicke, Kopfschütteln bei den TV-Bildern. Unzählige Kranken- und Polizeiwagen fahren mit Sirene und Blaulicht die Straßen hoch und runter. Polizei stoppt den Verkehr Richtung Paris-Zentrum, leitet um, erklärt denen, die nichts mitbekommen haben, was geschehen war. Und die Meldungen werden immer schlimmer. Schnell gibt es über soziale Medien Übernachtungsangebote für diejenigen, die eben nicht mehr in ihre Wohnung oder ins Hotel kamen.

Rund 40 Minuten zu Fuß durch Saint-Denis in einer Terror-Nacht, die sich einbrennen wird ins Gedächtnis nicht nur der Pariser - selten war das Öffnen einer Hoteltür so erlösend wie in diesen frühen Stunden des 14. November 2015.

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16.11.2015, 12:00 Uhr

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