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Olympischer Rekord war es nicht

Vier Studenten wollten mit dem Opel in den Orient

Im Jubiläumsjahr des Automobils erinnern sich manche Leute an eines ihrer früheren Gefährte, mit dem sie Besonderes erlebten. Unser Leser Reiner Endele, 69, der diesen Text schrieb, wollte mit seinem betagten Opel Olympia in den Orient reisen. Seine drei Mitfahrer hat der ehemalige Horber Lehrer in den viereinhalb Jahrzehnten aus dem Auge verloren.

28.09.2011

Rottenburg. Im Sommer 1964 wurde unser Traum endlich wahr: Wir waren vier Studenten, und wir wollten den Orient erkunden. Ein Fahrzeug dafür hatten wir auch gefunden – einen taubenblauen Opel Olympia Kombi, Baujahr 1953, mit mehr als über 250.000 Kilometern auf dem Tacho – für damalige Autos erheblich. Er hatte Lenkradschaltung, Winterreifen hinten und Sommerreifen vorne und kostete 400 Mark. Jeder von uns vieren hatte 100 Mark aus seinem Ferienjob beigesteuert.

Vier Studenten wollten mit dem Opel in den Orient
Reiner Endele (links kniend), Klaus Hamrich (dahinter), Gerhard Vogt (rechts kniend) und Reinhard Zimmerer vor dem Opel Olympia Caravan, Baujahr 1953, mit dem sie 1964 in den Orient fahren wollten. Gleich nach dem Bosporus aber schonten sie ihn.Privatbilder

Voll gepackt fuhren wir von Stuttgart aus nach Österreich, dann auf dem berüchtigten Autoput, der Transit-Autobahn durch Jugoslawien, nach Griechenland. Es war ein herrliches Gefühl, so auf großer Fahrt. Leichte Unruhe stiftete immer wieder mal ein seltsames Ruckeln beim Gasgeben. Kurz vor Saloniki endete jäh die schöne Fahrt. Der Motor stotterte, schließlich setzte er ganz aus.

Wir hatten Glück. Ein junges Paar auf Hochzeitsfahrt mit Böblinger Nummer hielt mit einem neuen Ford 12 M an und schleppte uns einige Kilometer nach Saloniki in eine Reparaturwerkstatt. Wir hatten noch mal Glück. Der Chef hatte früher in Bad Cannstatt gearbeitet und sprach gut Deutsch. Seine Diagnose: Das Stirnrad sei gebrochen. Für einen Sonderpreis von 100 Mark würde er den Schaden reparieren. Das war ein Schlag für unsere knapp bemessene Urlaubskasse. Wir stimmten zu, und nach vier Tagen war die Karre wieder flott.

Die Reise führte weiter auf die Halbinsel Chalkidike nach Uranopolis. Dort wollten wir unseren Opel abstellen und mit einem kleinen Schiff zum Berg Athos. Unser Theologie-Kommilitone hatte vom Rottenburger Bischof Carl-Joseph Leiprecht ein Empfehlungsschreiben für unseren Besuch der Mönchsrepublik Athos erwirkt.

Nach ausgedehnten Wanderungen von Kloster zu Kloster kehrten wir frohgemut zu unserem „Dicken“, wie wir unseren Opel nannten, zurück, um weiterzufahren nach Istanbul. Doch es gab die nächste böse Überraschung. Das Gangschaltungsschloss ließ sich nicht mehr lösen. Wir konnten nur noch im zweiten Gang fahren. Also zurück nach Saloniki zu dem freundlichen Mechaniker.

Wieder ein längerer Aufenthalt, wieder waren wir 100 Mark los. Dann rollten wir weiter über Staub-, Sand- und Geröllstraßen in die Türkei. In Istanbul entschlossen wir uns, den Dicken stehen zu lassen. Das Risiko, weitere Pannen zu erleiden, war zu groß.

Vier Studenten wollten mit dem Opel in den Orient
Der Olympia auf dem Autoput im ehemaligen Jugoslawien. Wegen seines charakteristischen Kühlergrills nannte man diesen Wagentyp auch „Haifischmaul“.

Ordnungsgemäß stellten wir das Auto bei der Zollbehörde ab und setzten die Reise mit verschiedenen Verkehrsmitteln fort über Ankara, Kayseri und Adana zur syrischen Grenze. Von dort weiter mit einem Lastwagen mit weißer, deutscher Zollnummer und der Aufschrift „Im Auftrag der deutschen Bundesbahn“.

Der Laster hatte einen Opel „Blitz“ geladen, einen Kleinlaster, dessen Ladefläche wiederum einen Opel Kadett transportierte. Wir durften ganz oben im Kadett Platz nehmen und gelangten bei toller Rundumsicht über Homs nach Damaskus. Von da ging es mit einem Wüsten-Truck querfeldein entlang gesteckter Stangen durch den tiefen Sand der Syrischen Wüste nach Bagdad. Dort bekamen wir unerwartet heimatliche Gefühle, sahen wir doch einen gelben Linienbus der Stuttgarter Straßenbahnen vor uns. Er fuhr uns nach Babylon, auf seiner Anzeigetafel stand allerdings Echterdingen.

Zurück in die Türkei fuhren wir mit der alten Bagdad-Bahn und per Fernbus über Antalya, Pergamon nach Istanbul. Fast immer mussten die alten klapprigen „de luxe“ Busse von den Passagieren selbst angeschoben werden, die Batterien waren meist leer. Wie erst würde es inzwischen unserem „Dicken“ gehen, den wir in Istanbul zurückgelassen hatten?

Er stand noch da, völlig verstaubt und voller Mäuse, die sich an den von uns im Kofferraum zurückgelassenen Maggi und Knorr-Suppenbeuteln voll gefressen hatten. Die Batterie war leer, mit Anschieben – da waren wir nun geübt – brachten wir den Opel wieder zum Laufen. Zu unserem Schreck schien er nur noch auf drei Zylindern zu laufen. Mehr als 60 Stundenkilometer waren nicht drin. Geld für eine weitere Reparatur hatten wir nicht mehr.

Wir schafften es; langsam zwar, aber selbst die steilen Strecken über den Katschberg und den Loiblpass: Einer saß am Steuer, die anderen drei schoben. Nach insgesamt acht Wochen fuhren wir wohlbehalten wieder in Stuttgart ein. Eine Abenteuerreise war zu Ende. Der Opel Olympia blieb unvergessen.

Reiner Endele

Der Kombi oder Kastenwagen der vier Orientreisenden hatte zwei seitliche Türen. Opel nennt seine Kombis bis heute „Caravan“. Der Motor hatte 1.488 Kubikzentimeter Hubraum und leistete 39 PS. Er erreichte damit eine Höchstgeschwindigkeit von 105 Stundenkilometer. Die Bezeichnung „Olympia“ erhielten die ab 1935 gebauten Vorläufer-Modelle in Anspielung auf die Olympischen Spiele 1936. Den „Olympia Rekord“ gab es ab 1953.

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28.09.2011, 12:00 Uhr

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