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Glückliche Kindheiten in schwierigen Zeiten

Vier Ur-Tübinger erzählten bei der Vorstellung des Buchs „Kriegerles & Geigenspiel“ Geschichten aus den Nachkriegstagen

Eine regelrechte Tübinger Urgesteinslandschaft war am Donnerstagabend versammelt, als in der Buchhandlung Osiander das neue TAGBLATT-Buch vorgestellt wurde. Heiner Schweickhardt, Margot Hamm, Gerd Weimer und Gerhard Dieterle erzählten vor etwa 100 Zuhörern aus ihrer Kindheit im Tübingen der Nachkriegszeit.

13.12.2014
  • Andrea Bachmann

Tübingen. Gesammelt und aufgeschrieben wurden die Geschichten von Gabriele Huber, der ehemaligen Kreisjugendpflegerin und Suchtberaterin. Seit sie im Ruhestand ist, arbeitet die aus Riedlingerin stammende Autorin ehrenamtlich im Stadtarchiv mit, macht Stadtführungen und schreibt für die Tübinger Blätter. Sie ist ein Mensch, der viel fragt, der anderen Menschen mit Respekt, Neugier und Zuneigung begegnet und dem man deshalb gerne viel erzählt.

So entstand nach und nach diese besondere Tübinger Form der „oral history“: „Die Leute haben mir immer wieder diese herzhaften und kantigen Geschichten erzählt und irgendwann habe ich überlegt, dass man das systematisch abfragen sollte, damit diese Geschichten nicht verloren gehen.“

Über zwei Jahre hinweg sprach Huber immer wieder mit ihren acht Interviewpartner/innen. Außer den vier Gesprächsteilnehmern des Abends waren das: Herta Däubler-Gmelin, Elisabeth Frate, Brigitte Gugel sowie Inge und Albrecht Kroymann.

„Meine Gesprächspartner sind vier Männer und vier Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Aber allen gemeinsam ist, dass sie ihren Alltag ganz individuell bewältigen mussten. Sie mussten sich selber helfen, und das haben auch alle geschafft“, erzählte Huber dem Moderator Ulrich Janßen, stellvertretender TAGBLATT-Chefredakteur. Das liegt vielleicht an dem besonderen Tübinger Biotop: „Tübingen ist ein Dorf mit Uni“, schmunzelt die Oberschwäbin, die zum Pädagogikstudium nach Tübingen gekommen war. „Man hatte früher wie heute hier Freiräume, auch als Frau, was nicht überall selbstverständlich war.“

Diese Freiräume haben die Protagonisten aus „Kriegerles und Geigenspiel“ hervorragend zu nutzen verstanden. Heiner Schweickhardt, der ehemalige Essigfabrikant, wartete am Donnerstag gleich mit einer „Hammergeschichte“ auf: Sein Bruder Pit hätte es fertiggebracht, aus der Reithalle in der Wilhelmstraße auf einem Pferd der französischen Besatzungssoldaten herauszureiten und es ein knappes Jahr zu behalten. „Das war der größte Bolzen, den wir Buben uns geleistet haben.“ Er selbst war aber auch kein Chorknabe. „Ich habe fast ein ganzes Jahr lang die Schule geschwänzt und versucht, im Anlagensee Karpfen zu angeln. Das ist niemandem aufgefallen.“

Wo die Freiheit aufhörte und die Vernachlässigung anfing, lässt sich bei den durch die Patina vieler Jahre vergoldeten Kindheitserinnerungen nicht immer so genau bestimmen. Wenn Gerd Weimer, einst Erster Bürgermeister der Stadt Tübingen, erzählt, er hätte sich als kleiner Junge spätabends im Schlafanzug auf den Weg gemacht, um seine Eltern zu suchen, die nach der Sing-Stunde im Weingärtner Liederkranz noch in der Wirtschaft saßen oder ins Kino gegangen waren, dann klingt das putziger, als es tatsächlich gewesen sein wird.

Nachdenklich wird der Landesbehindertenbeauftragte von Baden-Württemberg, wenn er an die Rohrstockpädagogik denkt, die durchaus noch zum Repertoire mancher Lehrer gehörte und erstaunlicherweise auch erlaubt war: Die Prügelstrafe wurde in Baden-Württemberg erst 1973 abgeschafft, in Bayern mussten die Schüler bis 1980 warten, ehe solche Erziehungsmethoden endgültig eingemottet wurden. „Ich habe Klassenkameraden gehabt, die haben wirklich täglich Prügel bezogen. Heute würde man sagen, diese Kinder hatten alle sozialpädagogischen Förderbedarf.“

Rau ging es auch auf der „Gass“ zu, in diesem Fall der Bachgasse, die wegen der vielen KPD-Mitglieder, die dort wohnten, Stalinallee genannt wurde – Gerd Weimer kommt dieser Name immer noch völlig selbstverständlich über die Lippen. Da gab es wüste Bandenkriege mit kernigen Raufereien sowie Versteckspiele quer durch die „sieben Winkele“, jene kleinen Gässchen, durch die man sich von der Judengassse bis zur Marktgasse schlängeln konnte. Dass sich in den Winkeln auch viele Aborte und Latrinengruben befanden, störte die Kinder eher nicht.

Bäckermeister Gerhard Dieterle kann sich ebenfalls noch gut an die „sieben Winkele“ erinnern. Die erlebt er ebenso anekdotisch wie seine Erinnerungen an das Kriegsende. „Wir haben keine schlechten Zeiten erleben müssen“, meint er und berichtet, wie seine Mutter täglich für die einquartierten Franzosen kochen musste – und zwar oft genug die Hühner ihrer Schwester, die die Franzosen kurzerhand requirierten. „Da haben wir eine gute Küche gehabt, denn die Franzosen waren alle schleckig.“

Margot Hamm kann sich noch daran erinnern, wie ihr Vater gleich am ersten Kriegstag den Stellungsbefehl erhielt und einrücken musste. Angst um den Vater habe sie damals nicht gehabt. „Das fanden wir Kinder eher interessant. Wir hatten ja überhaupt keine Ahnung vom Krieg.“ Die Kriegskindheit wurde als normal erlebt, weil niemand etwas anderes kannte: „Einkochen, Ähren lesen oder Bucheckern sammeln, damit man Öl hat, das mussten ja alle, das fanden wir völlig normal.“

Ungewöhnlich war es hingegen, 1949 als Mädchen eine Gärtnerlehre zu beginnen wie Margot Hamm. Unter den 32 Lehrlingen war sie das einzige Mädchen. „Das war aber nie ein Problem. Die waren alle immer nett zu mir.“ Ein bisschen fühlt sie sich schon als Pionierin: „Ich war immer ganz vorne mit dabei. Ich bin auch mehr auf die Gass‘ gegangen als mein Bruder.“ Hamm betrieb lange Zeit eine Gärtnerei und sitzt bis heute für die Freien Wähler im Tübinger Kreistag.

Auf die Gass‘ gehen – das ist vermutlich, wenn man von den politischen Geschehnissen absieht, die bis in das letzte der sieben Tübinger Winkele ihre Schatten warfen, der größte Unterschied zwischen einer Tübinger Nachkriegskindheit und dem, was Kinder heute erleben: Die Zeitzeugen, mit denen Gabriele Huber gesprochen hat, verbrachten den größten Teil ihrer Zeit im Freien. Und waren dort immer mit vielen anderen Kindern unterwegs. Die Eltern kümmerten sich nicht weiter um ihren Nachwuchs. „Man hatte einfach nicht so viel Angst, dass etwas passiert“, erinnert sich Margot Hamm. „Wir sind mit dem Schlitten den ganzen Klinikberg runter bis auf den Kelternplatz. Da bisch oifach na und des war schee!“

„Kriegerles und Geigenspiel“ ist eine besondere Art Heimatgeschichte, an der die Gesprächspartner von Gabriele Huber mit sichtbarer Freude mitgewirkt haben.

Vier Ur-Tübinger erzählten bei der Vorstellung des Buchs „Kriegerles & Geigenspiel“
Das Buch „Kriegerles & Geigenspiel“ ist für 14,90 Euro im TAGBLATT-Foyer und im Buchhandel erhältlich.

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13.12.2014, 12:00 Uhr

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