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Freunde finden, lesen lernen, als Rapper arbeiten

Vier von vielen: Junge Männer aus Gambia kamen nach Rottenburg und träumen von einem Schulabschluss und einem Beruf

Flüchtlinge aus Gambia kamen vor zwei Wochen vom Auffanglager Karlsruhe nach Rottenburg. Nun möchten sie Deutsch lernen, einen Schulabschluss machen und arbeiten.

02.09.2014
  • Katharina Tomaszewski

Rottenburg. Vor zwei Wochen eröffnete ein Flüchtlingswohnheim auf dem ehemaligen DHL-Gelände in Rottenburg (wir berichteten). Dort leben nun besonders viele Menschen aus Gambia. Jaja Manjawg, Lamin Jawara, Muhammed Lamin Jamek und Mustafa Jellow kamen mit Schiffen von Gambia nach Italien und wurden von dort aus in Flüchtlingsauffanglager in Mannheim und Karlsruhe gebracht. Allein die Fahrt über das Mittelmeer dauerte drei Tage, die Flüchtlinge wurden auf den Schiffen oft zu Hunderten in Containern versteckt und nicht alle überlebten die Fahrt. In Deutschland erhoffen sich die vier Männer ein besseres Leben als in Gambia mit politischen Unruhen und einem korrupten System.

Beim Leseabend im Haus am Nepomuk vor zwei Wochen lernten die Männer Ernst Heimes kennen. „Herr Heimes ist ein guter Mann“, sagen sie. An diesem Lese-Abend sprach der 13-jährige Emircan Akyüz die Männer an und lud sie zu einer Stocherkahnfahrt mit seinen Freunden ein. „Du bist unser erster Freund in Deutschland“, sagte einer der Gambianer zu dem Jungen. Den Flüchtlingen fehlt es aber an weitaus mehr als an Freunden.

Mustafa Jellow ist Analphabet. Als er neun war, starben seine Eltern bei einem Verkehrsunfall. Seine Großmutter nahm ihn zu sich auf. Sie hatte jedoch kein Geld, um ihn weiter zur Schule zu schicken. „Die Schule ist angeblich kostenlos in Gambia. Wer seine Kinder zur Schule anmelden will, muss aber trotzdem Gebühren zahlen“, sagt Jellow.

Viele Verwandte sind vor Jahren geflüchtet

In Gambia machte der 20-Jährige Gelegenheitsjobs, wurde aber oft übers Ohr gehauen, weil er weder lesen noch rechnen kann. Sein Bruder lebt immer noch in Gambia, die beiden telefonieren oft über das Internet. Mustafa Jellow spricht von seinen drei Freunden am besten Englisch und übersetzt bei Gesprächen.

Seine kleine Tochter und die Freundin musste der 21-Jährige Jaja Manjawg in Gambia zurücklassen. Die Eltern waren gegen eine Hochzeit, weil die Freundin aus einer niedrigeren Gesellschaftsschicht stammte. „In Gambia alles scheiße“, sagt Manjawg. Er spielte zwei Jahre lang mit dem Gedanken zu flüchten. Nach der neunten Klasse verließ Manjawg die Schule und verdiente dann als Metallarbeiter Geld. Weil er seine Freundin nicht heiraten durfte, wohnte er weiterhin zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter, der zweiten Ehefrau des Vaters und insgesamt zwölf Geschwistern in einer Hütte. „Bei uns Moslems dürfen Männer bis zu vier Ehefrauen haben,“ sagt Manjawg.

In einem Schiff zusammen mit 102 anderen Gambianern kam Lamin Kawara nach Europa. Acht Menschen seien bei der Fahrt „verrückt geworden und haben sich ins Meer gestürzt“, sagt er. Hitze, zu wenig Proviant und Stress hätten den Leuten während der Schiffsfahrt zugesetzt. Viele seiner Brüder und Verwandten sind vor Jahren in die USA und nach Europa geflüchtet. „Wir können uns nicht besuchen, aber wir halten Kontakt über Facebook, Skype und Viber“, sagt Jawara. Der 28-Jährige würde gerne nochmal zur Schule gehen und Arbeit finden, am liebsten als Rapper oder als Techniker in einem Tonstudio.

Welche Berufsmöglichkeiten es in Deutschland gibt, scheint keiner der Männer zu wissen. Keiner von ihnen hat einen Schulabschluss oder eine Berufsaubildung in Gambia gemacht. In Rottenburg müssen sie jede Woche einen Deutschkurs besuchen. Monatlich bekommen sie 329 Euro – für Kleidung und Lebensmittel. Zum Überleben reiche das gerade so, sagt der 19-jährige Muhammed Lamin Jamek. „Am schlimmsten ist die Langeweile“, sagt Jamek. Ein Arbeitsverhältnis dürfen die Flüchtlinge frühestens nach neun Monaten oder nach ihrer Anerkennung als Asylbewerber eingehen. So lange dürfen sie gemeinnützige Arbeit ausüben, für die sie 1,05 Euro pro Stunde bekommen. Dieses Angebot nutzt keiner der vier Männer.

Vier von vielen: Junge Männer aus Gambia kamen nach Rottenburg und träumen von einem
Jaja Manjawg, Lamin Jawara, Mustafa Jellow und Muhammed Lamin Jamek (von links) haben einen langen und beschwerlichen Weg aus Gambia hinter sich. Jetzt hoffen sie auf eine bessere Zukunft in Deutschland. Bild: Tomaszewski

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02.09.2014, 12:00 Uhr

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