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Der Benefiz-Arbeiter

Viktor Rank zieht mit seinem Spenden-Kässle durch die Warenhäuser

Menschen mit einem ähnlichen Bekanntheitsgrad wie Viktor Rank gibt es in Horb nur wenige. Seit sechs Jahren sammelt der 68-Jährige aus Dettingen das ganze Jahr über in Kaufhäusern in der Region Spenden für Hilfsbedürftige. Eine Begegnung mit einem Mann, der selbst schwer krank und trotz seines ehrenamtlichen Engagements auch streitbar ist.

24.12.2014

Besonders viel los ist nicht an diesem Donnerstag-Nachmittag im Dezember im Horber Kaufland neben dem Bahnhof. Aus den Lautsprechern dudeln Weihnachts-Melodien, der Große Weihnachts-Stress kurz vor Heilig Abend steht noch bevor. Neben den Aufzügen steht ein Mann in roten Weihnachtsmann-Häs und einem T-Shirt mit der Aufschrift: „Ein Herz für Kinder“. Viktor Rank. Etwa 500 Euro hat er heute schon gesammelt. Obwohl es schon bessere Tage gab, sagt Rank: „Man muss mit jedem Cent zufrieden sein.“

Mehr als 50 Tage pro Jahr steht Viktor Rank im Eingangsbereich von Kaufhäusern in der Gegend. Nicht nur vor Weihnachten. Sein Revier erstreckt sich von Sindelfingen bis Bad Dürrheim und von Freudenstadt bis Rottenburg. Wenn die Warenhäuser um 7 Uhr öffnen, steht Rank schon vor der Tür und wartet, dass er seinen kleinen Camping-Tisch und seinen Klappstuhl mitsamt den selbst gebastelten Schildern aufstellen kann. Und da steht er dann bis in die späten Nachmittagsstunden und wirbt um Spenden.

Mehr als 80 000 Euro hat Rank gesammelt

Ohne Stuhl zieht Rank inzwischen nicht mehr los. „Ich stehe gerne eine Weile“, sagt er. „Aber irgendwann geht’s nicht mehr.“ Beide Knie sind operiert, auch die Hüfte. Die Speiseröhre ist zerfressen. Nächstes Jahr muss die Prostata raus. „In der Nacht tut mir alles weh“, sagt Rank. Auf dem Tischchen vor ihm liegen eine Tablettenbox und ein Lungenspray. Trotzdem sagt Rank: „Ich bin nicht so krank wie die Kinder. Und wenn ich zu Hause rumsitze, geht es mir schlechter.“

Ja, die Kinder. Sie sind es, die Viktor Rank antrieben. Ihnen zu helfen, ist sein Lebensinhalt. In den zurückliegenden Jahren verteilte Rank das Geld der Spender an Nachsorgekliniken für Kinder im Schwarzwald oder die Kinderklinik in Tübingen und den Förderverein für diabeteskranke Kinder von Gudrun Riester in Ahldorf. Auch die Deutsche Knochenmark-Spenderdatei (DKMS) bedachte er regelmäßig. Zuletzt auch die Horber Arbeiterwohlfahrt.

Doch der hilfsbereite Herr kann auch anders. So wie damals, als er gemeinsam mit seiner Frau Inge wieder mal eine Spende mit mehreren tausend Euro in der Nachsorgeklinik in Tannheim im Schwarzwald vorbei brachte. Einen Meter entfernt von ihm hinter einer Scheibe stand Roland Wöhrle, der Chef der Klinik – und beachtete Rank nicht weiter. „Er kam nicht mal raus und hat ,Danke‘ gesagt“, erzählt Rank. „Da war ich sauer.“ Inzwischen gibt Rank kein Geld mehr nach Tannheim. Denn eins ist ihm wichtig: Dass sein Engagement auch gewürdigt wird. Stattdessen unterstützt er nun eine ähnliche Einrichtung in Schönwald. Dort fühlt er sich und die Spenden besser aufgehoben: „Die waren einfach viel dankbarer.“

Ein Passant im Horber Kaufland kommt auf den kleinen, provisorischen Stand von Viktor Rank zu: „Ich leer’ jetzt meinen Geldbeutel“, sagt der ältere Mann. „Ja, das ist immer gut, wenn man den leert“, entgegnet Viktor Rank und grinst ein wenig verschmitzt.

Seit sieben Jahren ist er inzwischen im Ruhestand. Zunächst kümmerte er sich um seine pflegebedürftige Mutter. Als die jedoch starb, suchte er sich eine neue Lebensaufgabe – und begann vor sechs Jahren mit seinem privaten Sammelprojekt. Mehr als 80 000 Euro sind so im Laufe der Jahre zusammengekommen.

Den Auftakt zu seiner Benefiz-Arbeit machte vor sechs Jahren ein Stand auf dem Dettinger Dorffest. Den Erlös spendete er an die Nachsorgeklinik für schwerkranke Kinder in Tannheim. „Ich wollte einfach mal wieder was machen für kranke Kinder und deren Familien“, sagt Rank. „Schon als Junge habe ich von meiner Mutter gelernt, dass man anderen helfen muss.“

Auch während seines Berufslebens war Rank engagiert: „Ich habe mich immer für die Leute eingesetzt.“ Bei Daimler war er 20 Jahre lang Monteur und zehn Jahre Fahrer auf dem Werksgelände. „Und ich war viele Jahre Vertrauensmann.“ Also gewerkschaftlicher Vermittler zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. „Weil ich mich einfach für die Leute einsetzen wollte.“

Viele Jahrzehnte war Rank auch in verschiedenen Dettinger Vereinen tätig. War Mittelstürmer beim TSV („Von der Jugend bis zur AH“) Fußballbezirks-Jugendleiter und Schiedsrichter. Doch vor ein paar Jahren ist er aus fast allen Vereinen raus. „Weil ich die Schnauze voll gehabt habe“, sagt Rank und erzählt vom Streit mit den Vereinen, die bei einer Benefiz-Veranstaltung den vollen Preis für die Küchenmiete verlangten. Doch das sah er als langjähriges Mitglied nicht ein. So kam es zum Bruch. In einigen Vereinen ist er zwar geblieben – allerdings nur noch als passives Mitglied.

Skeptische Nachfragen gibt es immer wieder

Im weihnachtlich bedruckten Spendeneimer von Viktor Rank klimpert es im Kaufland immer wieder. Am meisten Geld sammelt Rank in Horb. „Weil man mich da kennt“, sagt er. „Mich kennt in Horb fast alles.“ Immer wieder steuern Leute auf ihn zu, schütteln ihm die Hand oder bleiben stehen, um ein paar Takte zu plaudern. „Wenn ich jemanden kenne, kommen wir schon mal ins Gespräch“, sagt Rank. „Aber ich animiere niemanden zum Spenden. Die Leute müssen selbst wissen, ob sie etwas geben.“

Inzwischen steht die Kaufland-Marktleiterin bei Rank und unterhält sich mit ihm. „Wir sind sehr überzeugt davon, was er macht“, sagt Minire Pergjegjaj. Beschwert habe sich bei ihr noch nie ein Kunde über den Spendensammler.

Viktor Rank hat das jedoch auch schon anders erlebt. Vor allem außerhalb von Horb, wo er nicht so bekannt ist. Immer wieder hört er den Satz: „Mir spendet doch auch niemand was.“ Und auch skeptische Nachfragen, was mit dem Geld geschieht, erlebt er immer wieder. Er antwortet dann, dass er alle Belege in einem Ordner gesammelt hat. „Das kann sich jeder anschauen, der will.“ Und auch die Dankesbriefe der Kliniken und Vereine sammelt er. „Ich würde mich schämen, wenn es heißen würde, der Viktor Rank tut da was raus. Ich könnte mich in Dettingen nicht mehr blicken lassen.“

Doch trotz seines Engagements kann sich sagt Rank auch bescheiden geben: „Es gibt bessere Leute wie mich“, sagt er. Auf sein Kostüm angesprochen, erklärt Rank: „Ich sage immer, ich bin der Weihnachtsmann, nicht der Nikolaus. Denn der Weihnachtsmann ist manchmal auch ein bisschen liedrig. Wenn man nicht liedrig ist, kommt man nicht durchs Leben.“ Und das heißt? „Ich sage offen und ehrlich, was ich denke. Das ist ein bisschen meine Liederlichkeit.“Vincent Meissner

Viktor Rank zieht mit seinem Spenden-Kässle durch die Warenhäuser
„Wenn ich zu den Leuten nett bin, sind sie auch nett“: Als Weihnachtsmann verkleidet, sammelt Viktor Rank im Horber Kaufland Spenden für kranke Kinder. Seine Drehorgel, die er vor drei Jahren gekauft hat, ist kaputt gegangen. Er wird sie demnächst wieder verkaufen.Bild: gen

Politisch ist Viktor Rank eine schillernde Figur: „Früher war ich bei der IG-Metall und SPD-Wähler“, sagt er. Doch als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze auf den Weg brachte, wandte sich Rank von den Sozialdemokraten ab. „Das hat mir gestunken“, sagt er. Seine neue politische Heimat fand er dann bei den rechtspopulistischen „Republikanern“. Rank erklärt diesen Schritt so: „Die einen sind zu den Linken gegangen und ich hab’ Rodolfo Panetta kennengelernt.“ Der Horber Stadtrat rekrutierte Rank für seine Partei. Rank trat ein, kandidierte 2009 auch bei den Kommunalwahlen für die „Republikaner“. Und ist bis heute Mitglied. Zu Versammlungen geht er seit einigen Jahren nicht mehr, sagt Rank. „Ich will da auch meine Ruhe. Normalerweise könnte ich auch austreten, weil ich ja nichts mehr mache.“ Mit den Inhalten der „Republikanern“ hat er gebrochen, sagt er: „Die haben doch kein Programm. Es wird gehetzt und es wird nichts dagegen getan.“ Mit Ausländerfeindlichkeit will er die Partei nicht verbinden. „Ich habe beim Daimler ja selbst viele Freunde gehabt, die Ausländer waren“, sagt Rank.

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24.12.2014, 12:00 Uhr

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