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Tübingen: Gegen Grippe geschützt

Virusforscher und Curevac testen neuen Impfstoff

Einen neuartigen Impfstoff gegen Grippe haben Wissenschaftler des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) und der Biotech-Firma Curevac für eine Studie hergestellt. Am FLI wurde er an Tieren getestet: Bei den geimpften Mäusen, Frettchen und Schweinen baute der Impfstoff einen hervorragenden Grippeschutz auf.

26.11.2012
  • Angelika Bachmann

Tübingen. In diesen Wochen sind wieder in allen Arztpraxen Grippeschutzimpfungen. Dabei wurde der Impfstoff, der den Patienten verabreicht wird, schon vor etwa zehn Monaten angelegt. So lange dauert es, bis der Impfstoff aus unschädlich gemachten Grippe-Viren hergestellt wird und auf Zellkulturen oder Nährlösungen heranwächst. Das Problem: Die Forscher müssen Monate im Voraus abschätzen, welche Variante des Virus im kommenden Winter am wahrscheinlichsten ist. Von der Treffsicherheit dieser Prognose hängt der Wirkungsgrad der Schutzimpfung ab.

Völlig unmöglich war mit der bisherigen Technologie, auf weltumspannende Grippeepidemien – wie etwa die Vogelgrippe im Jahr 2006/2007 oder die Schweinegrippe im Jahr 2009 – schnell zu reagieren, sagt Prof. Lothar Stitz, Leiter des Instituts für Immunologie am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI). Als Chef des ehemaligen Tübinger Standortes des Instituts, der Bundesforschungsanstalt, hat Stitz deshalb mit wachsendem Interesse wahrgenommen, was sich in unmittelbarer Nachbarschaft, im Technologiepark, tat: Dort entwickelte die Biotech-Firma Curevac eine neuartige Technologie, einen auf dem Botenstoff RNA basierenden Impfstoff, der in der Krebsmedizin eingesetzt werden soll. Weil die RNA-Technologie aber auch großes Potenzial als Grundlage von Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten besitzt, entstand die Idee für ein Kooperationsprojekt zur Grippe-Impfung. Die Ergebnisse dieser Studie wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Nature Biotechnology“ veröffentlicht.

Grippe-Impfung für mehrere Jahre?

Stitz und die Forscher der Firma Curevac haben einen neuartigen Grippe-Impfstoff hergestellt. Dieser basierte unter anderem auf dem Schweinegrippe-Virus aus dem Jahr 2009. In nur sechs bis acht Wochen ist es Curevac gelungen, einen Impfstoff herzustellen, der sich typische Merkmale des Grippe-Virus zunutze macht. Über den RNA-Impfstoff wird das Immunsystem gegen diese Merkmale aktiviert, das heißt: Der Körper bildet Antikörper und Abwehrzellen gegen das Schweinegrippe-Virus. Dieser Ansatz war auch auf andere Grippeviren übertragbar, so zum Beispiel auf das Vogelgrippe-Virus.

Mäuse, Frettchen und Schweine wurden geimpft, berichtet Stitz. Bereits in den Blutproben wiesen die Forscher nach, dass das Immunsystem der Tiere reagierte und Abwehrmechanismen aktiviert wurden. Aber auch den Belastungstest bestanden der Impfstoff und die Tiere: Die geimpften Schweine wurden anschließend mit dem Schweinegrippe-Virus konfrontiert – und blieben allesamt gesund. Die Tierseuchenforscher sind mittlerweile auf die Ostseeinsel Riems umgezogen. Die Kooperation zwischen Curevac und den Forschern des Bundesinstituts wird seither auch über die räumliche Distanz fortgeführt.

Ein großer Vorteil der neuen Technologie bestehe darin, dass die Herstellungszeit eines solchen Impfstoffs sehr kurz wäre, sagt Stitz. „Das Virus muss ja nicht mehr angezüchtet werden“ – ein RNA-Impfstoff wird künstlich synthetisiert. Curevac-Chef Ingmar Hoerr wiederum sieht einen weiteren bislang unerreichten Vorteil: Mit der RNA-Technologie wäre es auch möglich, in einem Impfstoff beständigere Eigenschaften des Grippe-Virus abzubilden, die sich nicht so schnell wandeln und genetisch mutieren (wie etwa das Hämagglutinin oder die Neuraminidasen, über die die bisherigen Impfstoffe ihre Schutzwirkung erreichen). Damit wäre erstmals denkbar, einen Grippeimpfstoff zu entwickeln, dessen Wirkung über mehrere Jahre anhält – ähnlich wie zum Beispiel bei Masern- oder Hepatitis-Impfungen.

Das Potenzial eines RNA-Impfstoffs hat diese erste Studie aufgezeigt. Ob er tatsächlich entwickelt wird, ist aber eine andere Frage. Dazu bräuchte es einen Investor aus der Pharmaindustrie, der einen solchen Impfstoff über klinische Studien weiterentwickelt. Einer solchen Kooperation stünde Curevac zwar offen gegenüber. Allerdings sei die Produktion von Grippe-Impfstoffen „ein wettbewerbsintensives Feld“, auf dem fast alle Pharmakonzerne im Spiel seien, so Hoerr. Dort neue Produkte für den Markt zu entwickeln, sei nicht einfach.

Grippeviren haben eine hohe Fähigkeit, sich genetisch zu verändern. Deshalb ist es auch bislang nicht gelungen, einen beständigen Grippe-Impfstoff zu entwickeln. Die Bezeichnungen für die verschiedenen Grippe-Viren werden von den Varianten der typischen Proteine abgeleitet, die sich auf der Oberfläche des Virus befinden: H für Hämagglutinin und N für Neuraminidase. So wird die Schweinegrippe mit der Variante H1N1 bezeichnet. Die Virus-Kombination H5N1steht für die Vogelgrippe. Vogelgrippe und Schweinegrippe gehören zu den so genannten Zoonosen. Darunter versteht man Virus-Erkrankungen, die vom Tier auf den Menschen überspringen können.

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26.11.2012, 12:00 Uhr

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