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Hand-Werk

Völlig aus dem Rahmen

In einer traditionellen Hinterhofwerkstatt in Kreuzberg werden Bilder für Barack Obama oder auch den Papst eingerahmt. Der gebürtige Hechinger Edgar Haizmann ist für die Arbeit verantwortlich. Die außergewöhnliche Geschichte eines Individualisten.

24.10.2014
  • TEXT und FOTOS: Ibrahim Naber

Am 19. Juni 2013 ist Berlin im Ausnahmezustand. Staatsbesuch aus Amerika. Barack Obama wird in wenigen Stunden eine Rede am Brandenburger Tor halten. Die Hauptstadt ist bereit, doch im Auswärtigen Amt gibt es ein Problem: Dem Bild, das Obama am Flughafen als Geschenk überreicht werden soll, fehlt der passende Rahmen. Ein Notfall. Margit Rechnitzer (63) erhält einen Anruf vom Auswärtigen Amt, kurz darauf bringt ein Eilbote Obamas Bild in Ihre kleine Hinterhof-Werkstatt am Kreuzberger Engelbecken. „Die Situation war extrem. Wir hatten eineinhalb Stunden Zeit, um den Rahmen anzufertigen und die Grafik zu rahmen. Niemand wusste, ob es klappt. Ich hatte Herzrasen“, erinnert sich Rechnitzer. Am Ende geht alles gut. Der Bote bringt das eingerahmte Bild noch rechtzeitig auf’s Flugfeld. Mr. President muss doch nicht warten. Durchatmen. Rechnitzer blättert das dicke Buch um, in dem sie die Zeitungsartikel und Fotos der Alltags-Anekdoten der Werkstatt sammelt. Sie, die Managerin, sitzt am Empfangstisch des kleinen Arbeitsraumes. Wenige Meter daneben polieren die beiden Handwerker, Edgar Haizmann (57) und Enrico Steinhausen (31) den Rahmen eines Gemäldes, den sie zuvor über Stunden vergoldet haben. Ein hoch komplexer Vorgang: Zunächst muss der Rahmen sechs Mal grundiert werden, ehe in einem aufwendigen Verfahren das feine Blattgold (23 Karat) angeschossen werden kann. Zum Schluss folgen noch das Polieren mit Achatsteinen und die aufwändige Patinierung. Acht Arbeitsstunden nimmt die Vergoldung manchmal in Anspruch. Abhängig von der Wahl des Rahmens und der Größe des Bildes entstehen Kosten bis zu 8000 Euro.

Haizmann, der ewig Unangepasste

Egal ob Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Frank-Walter Steinmeier oder die Adlon-Inhaber des gleichnamigen Luxus-Hotels: Die überwiegend wohlhabenden Stammkunden können die Preise problemlos zahlen. Sie schätzen den exklusiven Service, der sich von der industriellen Rahmen-Massenanfertigung bewusst abgrenzt: „Unsere Arbeit kommt an. Denn es ist das Nicht-Perfekte, das Handwerkliche, das lebt. Industrierahmen sind tot“, sagt Steinhausen, der mit 21 seine Ausbildung in der Werkstatt machte und seit acht Jahren nun fest angestellt ist. Haizmann ergänzt: „Was wir hier machen, kann die Leistenindustrie nicht bieten. Unsere Arbeit ist weit mehr als schlichtes Handwerk. Unsere Aufgabe ist die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Kunst; die Wechselwirkung zwischen Bild und Rahmen zu verstehen.“ Edgar Haizmann, genannt „Eddie“, sagt das nicht ganz ohne Stolz. Der gebürtige Hechinger lebt für seine Arbeit, lebt für die Kunst. In seinem Fach gilt er als ziemlich genial. Rechnitzer sagt über ihren guten Freund: „Dank Eddie haben wir in Berlin eigentlich überhaupt keine Konkurrenz. Er ist ein Phänomen.“ Die Geschichte der kleinen Kreuzberger Werkstatt ist eng verwoben mit der außergewöhnlichen Geschichte von Haizmann. Ihm, dem ewig Unangepassten, der bereits als Teenager seine Mutter verlor und das Gymnasium vorzeitig verließ, weil er von ganz anderen Dingen träumte, als sein Abitur zu machen.

Als er 1975 auch seine Ausbildung zum Schriftsetzer bei der Hohenzollerischen Zeitung abbrach, suchte der damals 18-Jährige nach Orientierung. Haizmann sagt: „1975 stand ich quasi auf der Straße. Ich war sehr früh mein eigener Herr.“ Er bezog Arbeitslosengeld, trampte ein halbes Jahr durch Europa und lebte in Amsterdam und Paris.

Anschließend fand Haizmann zurück in die Karrierespur. Nach seinem Wehrdienst bei der Luftwaffe, schloss er eine Ausbildung zum Vergolder bei Fischer in Stuttgart ab. Dann, im Frühjahr 1981, folgte der Umzug nach Berlin. Der Wechsel von der elitären Kunstsammler-Szene Stuttgarts in die Poster- und Stickbilder-Szene Neuköllns: „ein Kulturschock“, erinnert sich Haizmann, der seinen neuen Job bei einer Westberliner Glaserei nach einem Jahr wegen fehlender Aufträge wieder verlor.

Es geht rasant weiter. Haizmann nimmt eine neue Arbeit bei einer renommierten Charlottenburger Galerie auf. Der Bombenanschlag auf das Maison de France von 1983 hatte einen dort angestellten Vergoldermeister zuvor schwer verletzt und seinen jüngeren Kollegen getötet. Doch erst die Einstellung beim Traditionsunternehmen Wehner bringt 1985 etwas Kontinuität. Die Dimensionen werden größer, Haizmann arbeitet als Vergolder und Einrahmer in der Berliner Fabrik. Er soll mit Billiggold veredeln, was eigentlich nicht zu seinen Ansprüchen passt. „Die Arbeit war nicht schön“, sagt er, „der andauernde Kulturschock hat bei mir Depressionen erzeugt.“ Langweilig wird Haizmann trotzdem nicht. In der Zeit der Hausbesetzungen und Straßenschlachten spielen sich vor seiner Haustüre wilde Szenen ab. Denn die Oranienstraße, in der Haizmann auch arbeitet, ist ständiger Schauplatz politischer Auseinandersetzungen.

Rechnitzer: „9/11 war auch unser 9/11“

Sieben Jahre, bis 1992, bleibt er bei Wehner. Dann erneut ein Wechsel, Haizmann steigt bei der Bilderrahmung Landwehr ein. Doch er kommt mit dem Chef nicht klar, fühlt sich im Betrieb nicht wirklich wohl. Als eines Tages Margit Rechnitzer, mittlerweile Geschäftsführerin bei Wehner, anruft und fragt, ob er nicht zurückkommen wolle, zögert Haizmann nicht lange. Bis 2001 arbeiten er und Rechnitzer noch bei Wehner. Dann geht das Unternehmen pleite, ausgerechnet am 11. September 2001: „9/11 war auch unser 9/11“, sagt Rechnitzer.

Plötzlich also, über Nacht, müssen sich Rechnitzer und Haizmann umorientieren. Gemeinsam entschließen sie, sich mit der Hinterhofwerkstatt selbstständig zu machen. Der Plan geht auf. Die Berliner Werkstatt ist eine Erfolgsgeschichte, bis heute.

Und Hechingen? Vermisst Haizmann seine Heimat nicht? „Doch, schon“, sagt der 57-Jährige. Die Erinnerungen kämen immer wieder auf. Aber in den Süden ziehe ihn fast nichts mehr, auch wenn er nach langer Zeit gerade erst wieder dort gewesen sei, um seinen Vater zu besuchen. „Ich kam mir in Hechingen vor wie auf dem Mond. Die Staig, einst Haupteinkaufsstraße, ist nicht wiederzuerken nen. Leerstand und Verfall allerorten, hässliche Parkhäuser neben herrschaftlichen Bauten aus der Kaiserzeit, das ist einfach nicht zu fassen.“

Ende des Jahres ist für Margit Rechnitzer übrigens Schluss. Sie möchte sich wieder in die Heimat nach Thüringen zurückziehen. Zurück an die Hobelbank ihres Vaters, auf der sie groß geworden ist. Haizmann und Steinhausen werden die Werkstatt weiterführen – und mit ihrer Arbeit weiterhin völlig aus dem Rahmen tanzen.

Völlig aus dem Rahmen
Geschäftsführerin Margit Rechnitzer blättert in ihrem Fotoalbum – und schwelgt in Erinnerugen. Vor Jahren stand plötzlich die Limousine von Gerhard Schröder auf dem pittoresken Hinterhof der Berliner Werkstatt (siehe mittleres Bild).Doch der Alt-Bundeskanzler schickte seinen Chauffeur vor, blieb selbst im Auto sitzen. Da Rechnitzer die Werkstatt bald verlässt, wird Enrico Steinhausen(siehe Bild ganz oben) zukünftig die Buchhaltung übernehmen.

Völlig aus dem Rahmen

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24.10.2014, 12:00 Uhr

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