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Voller Kraft und Wut
Rund 700 Sänger haben gemeinsam für das Pop-Oratorium „Luther“ in der Friedenskirche in Ludwigsburg geprobt. Foto: Kerstin Vlcek
Pop-Oratorium

Voller Kraft und Wut

Ein halbes Jahrtausend Reformation: 700 Chorsänger proben in Ludwigsburg das Musical „Luther“.

16.11.2016
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Ludwigsburg. Wumm“ – und Stille. Ein erneutes „Wumm“ – und dann wieder Stille. Man könnte meinen, ein kleines Erdbeben erschüttere die Friedenskirche in Ludwigsburg. So hört es sich an, wenn 700 Menschen gleichzeitig auf der Stelle hüpfen. Dann strecken sie die Arme in die Luft, als wollten sie das neobarocke Deckenfresko erreichen. Nein, die Menschen vollführen keine Turnübungen in dem Gotteshaus, sondern wärmen sich auf für eine mehrstündige Chorprobe zum Pop-Oratorium „Luther“.

Anlässlich des Reformationsjahres wird das Musical 2017 an verschiedenen Orten in ganz Deutschland zu sehen sein, Veranstalter ist die Stiftung Creative Kirche in Kooperation mit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das Libretto hat Michael Kunze geschrieben, die Komposition ist von Dieter Falk. Aus Kunzes Feder stammen Musicals wie „Elisabeth“ und „Tanz der Vampire“. Falk hat sich unter anderem als Produzent von Künstlern und Bands wie Pur und Paul Young einen Namen gemacht und ist einer der erfolgreichsten deutschen Musikproduzenten.

Bei Kunzes und Falks neuem Werk handelt es sich um ein Riesenprojekt: Die 700 Sänger an diesem Tag in Ludwigsburg bilden nicht einmal die Hälfte der Besetzung, die im Januar auf der Bühne der Stuttgarter Porsche-Arena stehen wird. Am 21. und 22. Januar treten dort insgesamt 2400 Chorsänger auf, die aus ganz Baden-Württemberg kommen. Ungefähr genauso viele sind es auch in der TUI-Arena in Hannover, in der Olympiahalle in München und in der Mannheimer SAP-Arena. Es singen verschiedene Chöre, deren Teilnehmer hauptsächlich aus dem jeweiligen Bundesland kommen. Sechs Monate Probenzeit haben die Laiensänger bis zu den Auftritten hinter sich.

Um mitzumachen, muss man weder einem Chor angehören noch evangelisch sein, sondern vor allem gerne singen. So kommt eine beeindruckende Klangkraft zusammen – und die muss man erst einmal in Bahnen lenken. Dazu ist für die Baden-Württemberger Hans-Martin Sauter vom evangelischen Jugendwerk in Württemberg da, der dort schon mal mit 900 Sängern probt. Trotzdem ist so ein Tag auch für ihn eine Herausforderung. „Vor allem hier im wilden Süden. Da muss ich mit den Sängern an der Aussprache feilen.“ Beispielsweise, dass man als Schwabe den Buchstaben „t“ nicht als „d“ ausspricht.

Alleine üben muss sein

Die Chorprobe reicht nicht, üben müssen die Teilnehmer auch alleine zuhause. Bei der Probe in Ludwigsburg treffen sich vor allem all jene Sänger, die die Stücke nicht in ihren eigenen Chören vorbereiten können. Bei Haupt- und Generalprobe kommen dann alle Sänger eines Aufführungsorts zusammen.

„L-u-t-h-e-r“ dröhnt es durch das lichtdurchflutete Kirchenschiff. Glockenhelle Sopranstimmen mischen sich mit satten Bässen. Mit durchgestrecktem Rücken, manch einer noch mit Blick in die Partitur, stehen die Sänger da und folgen dem beschwingten Dirigat von Hans-Martin Sauter. Mit dem Zeigefinger zeigt er den Teilnehmern ihren Einsatz an und dirigiert das Stück mit vollem Körpereinsatz.

Der Elan, den der Dirigent mit in die Probe bringt, reißt Frank Zisler während des Singens besonders mit. Dem 52-jährigen passionierten Kirchenchorsänger aus Oberderdingen im Landkreis Karlsruhe macht das Singen mit so vielen Leuten unheimlichen Spaß, wie er sagt. „Mir gefällt es, das Luther-Thema mit modernen Liedern aufzubereiten“, sagt die 17-jährige Katharina Heldmaier aus Stuttgart, die nach der ersten Probe ihre Leidenschaft fürs Singen entdeckt hat und in den Stuttgarter Gospelchor GiO eingetreten ist. Und die 19-jährige Daniela Mischka aus Karlsruhe zeigt sich von der Story fasziniert: „Als Musical ist mir die Geschichte des Reformators Luther viel näher gerückt.“

„Das erste Verhör ist jetzt nicht so ein spaßiges Stück“, ermahnt Sauter die Sänger. Das zentrale Thema des Musicals ist der Reichstag zu Worms. Im Mittelpunkt steht der Held Martin Luther (gespielt von Frank Winkels), der vor dem Reichstag 1521 seine kirchenkritischen Thesen widerrufen soll. Mit hitparadentauglichen Songs wird Luthers Kampf gegen die Obrigkeit und die Kirche erzählt. Es findet sich Rockmusik gepaart mit Gesangbuchliedern. Das Ziel von Kunze und Falk: keine große Bibelshow, sondern die Geschichte einer Person massentauglich zu erzählen, die die Kultur Deutschlands geprägt hat. Alle Chöre werden vom 40-köpfigen jungen Orchester NRW und einer extra für das Musical zusammengesetzten Band begleitet.

„Blinde Angst und Not. Voller Kraft und Wut“, tönt es plötzlich. Gesprochen klingt das mystisch und dunkel, gesungen freundlich und hell. „Stopp!“, ruft Sauter. „Das ,t' in Wut muss genau auf dem Schlag kommen“, erinnert er seine Sänger – so soll der Zorn unterstrichen werden, den Luther beim Thesenanschlag in Wittenberg auf die Kirche gehabt hat. Beim nächsten Song mit dem Titel „Das heilige Geschäft“ geht es dynamischer zu. Das Thema ist aber ernst: Der mögliche Stopp des Ablasshandels bringt das Kreditsystem des Reiches in Gefahr. Nichtsdestotrotz swingt und schnippt eine Mutter gemeinsam mit ihrem Sohn, und das mit leuchtenden Augen und einem Lächeln auf den Lippen. Dieses Stück ist eben eine coolere und keine stocksteife Nummer.

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16.11.2016, 06:00 Uhr

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