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Erst Kalbsrücken, dann Party

Volles Theater, Gala-Menü, Outdoor-Glühwein und Musik zum Jahreswechsel

Wer an Silvester in Tübingen nach der großen Sause sucht, muss sich gedulden: Erst wird edel getafelt oder Theater geschaut. Dann kommt um Mitternacht die große Ballerei, und danach steigen die Partys in den Clubs. Ein Rundgang.

01.01.2015
  • Matthias Reichert

Tübingen. Böller dröhnen durch die Nacht. „Krieg, Krieg“, scherzt ein türkischer Großvater mit seinen Enkeln. Gegen 20.30 Uhr strömen die Zuschauer ins LTT. Dort gibt Heiner Kondschak seine musikalische Zeitreise „Forever 27“. Eine Tübingerin meint auf dem Weg dorthin händchenhaltend zu ihrem Begleiter: „Das ist ja auch sicher bloß so’ne 50-plus-Veranstaltung.“ Von wegen! Auch Jüngere wollen ins Theater.

Zwei Frauen warten auf der Treppe sitzend auf die fehlende zweite Eintrittskarte. Familien sind da, einige ältere Ehepaare. Gehen die immer an Silvester ins Theater? „Nein, das kann man nicht sagen. Ab und zu“, erklärt ein Reutlinger Ehemann. Die Karten haben sie vor sechs Wochen gekauft. Stehplätze gab es sogar noch am frühen Abend an der Kasse, die Sitze waren aber seit drei Wochen ausverkauft. 389 Leute sind heute im großen Saal. Die Kleiderordnung ist eher leger.

600 Arbeitsstunden hinter sich gebracht

Smokings und schicke Anzüge sieht man dagegen im Casino. Und Abendkleider. Schon gegen 21 Uhr herrscht ausgelassene Stimmung beim Gala-Menü. Sechs Gänge: unter anderem Tom-yum Suppe und am Stück gegarter Kalbsrücken mit Morchel-Rahm, gebratenen Kräuterseitlingen und Shitake. Der stellvertretende Küchenchef war im Urlaub in Asien und hat sich dort inspirieren lassen. Drei weitere Mitarbeiter fliegen am nächsten Tag zur Erholung nach Thailand, erzählt Casino-Chef Hans-Peter Horn.

89 Euro pro Nase kostet das Menü. 250 Leute tafeln – ausverkauft. Schon seit Tagen. Zwei, drei Nachzügler hatten Glück, weil Gäste kurzfristig absagten. Ein DJ legt auf, Paare tanzen, der Tübinger Zauberer Marko Ripperger („der Mann, der das ,B‘ im Namen weggezaubert hat“) führt an den Tischen seine Kunststücke vor. „Wir machen das Menü seit acht Jahren, seit wir das Casino betreiben“, sagt Horn. Mit Erfolg: Jedes Jahr kommen mehr Leute, schon voriges Jahr war der Abend ausverkauft. Die Gäste sind aus der Region. Und etliche sind nicht zum ersten Mal dabei. „Wir machen das wahrscheinlich auch nächstes Jahr wieder“, verspricht der Casino-Chef.

Horn hat nachgerechnet. Wenn morgens um vier oder fünf Uhr die letzten gehen, hat die Casino-Mannschaft 600 Arbeitsstunden hinter sich. 26 Leute sind allein im Saal im Einsatz. Das Menü haben sie schon im November geplant und die Speisekarten entworfen. Seit Montag wird nun intensiv gekocht. 7000 Gläser, Geschirr- oder Besteckteile werden gebraucht. Zweieinhalb Tonnen wiegen die insgesamt, sagt Horn.

Woanders geht es weniger gewichtig zu. Aus einigen oberen Stockwerken dringt Musik von Privat-Partys. Am Rand der Böller-Verbots-Zone in der Gartenstraße hätte ein verfrühter Feuerwerkskörper fast die Neckarmüllerei abgefackelt. Die Rakete schrammt hart am Dach vorbei. Weiße Schwaden steigen auf – nur Schnee, kein Rauch.

Gegen 22 Uhr füllt sich die Innenstadt. Die Leute strömen in die Stiftskirche zur besonderen Motette. Um die tausend Besucher sind es, die zugleich den Abschied von Pfarrer Karl Theodor Kleinknecht feiern. Deutlich weniger, vielleicht 40 Gäste, sind es im Café Haag. Hier spielt die Band hillmanns.net. „Die habe ich mitgegründet“, erzählt Michael Petersen von der „Stuttgarter Zeitung“. Heute schaut er zu. Und hört Songs von „I feel good“ bis „Come together“. Mit Groove und Saxophon. Vier junge Leute spielen am Eingang stoisch „Elfer raus“.

Draußen weisen Schilder auf die Feuerwerks-Verbotszone hin. Vor seinem Fairen Kaufladen hat AL-Stadtrat Bruno Gebhart-Pietzsch in der Marktgasse Bierbänke aufgebaut. Er schenkt Glühwein aus. In einer Tonne glimmt Feuer. „Wir machen das, seit das Feuerwerk in der Altstadt verboten ist. Erst haben wir uns das gar nicht getraut. Aber der Ordnungsamtsleiter, Herr Kaltenmark hat gesagt, dieses Feuer ist erlaubt.“ Pietzsch und Anhang wollen durchhalten bis um zwei oder drei Uhr. „Das gibt immer nette Gespräche. Ab zwei Uhr wird’s sehr philosophisch.“

Woanders ballern, in der Altstadt feiern

Jüngere sind erst im neuen Jahr in der Altstadt, bis dahin stehen sie an der Neckarbrücke, bei der Kreissparkasse und knallen mit Krachern. An der Bushaltestelle in der Wilhelmstraße schwenken sie Wunderkerzen. Das Café „Schöne Aussichten“ ist gut gefüllt. Am Collegium hängt ein Plakat: „Wir feiern kein Silvester, sondern das neue Jahr.“ Erst wird woanders also geballert, dann in der Altstadt gefestet.

Ein Blick hinauf zum Österberg. Dort begrüßen sie schon Viertel vor Zwölf johlend das neue Jahr. Um Mitternacht leuchtet der Berg. Raketen steigen in allen Farben in den Himmel, manche fächern sich zu bunten Lichterblumen auf. Dichter Qualm steigt auf, es riecht höllisch nach Schwefel. Nach dem Feuerwerk zieht es die jungen Leute in die Clubs. Jetzt warten Bier, Wein und Cocktails. Und heiße Mucke, ob im Asmara oder im Blauen Turm. Manche sind schon gut bedudelt vom Vorglühen. Hinein ins Vergnügen. Das neue Jahr kann beginnen.

Volles Theater, Gala-Menü, Outdoor-Glühwein und Musik zum Jahreswechsel
Im Casino wurde getafelt und zwischendrin ließ Zauberer Marko Ripperger kurz mal einen Ehering verschwinden.Bild: Franke

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01.01.2015, 12:00 Uhr

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