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Vom Asphalt auf die Kirchenbank
Sieht aus wie eine Pyramide, ist aber ein Gotteshaus im Südwesten: Bis zu 200?000 Besucher zählt die Autobahnkirche St. Christopherus an der A 5 bei Baden-Baden pro Jahr. Foto: dpa
Gotteshaus

Vom Asphalt auf die Kirchenbank

In der Autobahnkirche St. Christopherus an der A 5 bei Baden-Baden suchen Reisende ruhige Momente der Einkehr. Sie ist eine von 44 solcher Einrichtungen in Deutschland.

24.04.2017
  • DPA

Baden-Baden. Auf der Autobahn 5 herrscht Hochbetrieb und am Rastplatz Baden-Baden liegt Nervosität in der Luft. Autofahrer hupen, schimpfen, tanken. Ruhe bietet nur die Autobahnkirche St. Christophorus. Der pyramidenförmige Bau liegt einen Steinwurf von der Fahrbahn entfernt.

Jährlich bietet das Gotteshaus zwischen 100 000 und 200 000 Besuchern die Chance auf ein stilles Gebet oder eine Pause abseits des Asphalts, sagt Michael Zimmer, der katholische Pfarrer von St. Christophorus. „Seit mehr als 40 Jahren kommen Gläubige aus der Region in diese Kirche. Viele schätzen die Anonymität.“ Ob Gläubige die Gottesdienste besuchen oder Reisende und Pendler eine Pause einlegen – jeder könne sich hier frei fühlen.

Als Achse zwischen Nord- und Südeuropa ist die A 5 eine Art moderner Pilgerweg für Deutsche und auch für Niederländer oder Polen geworden. Wenn sie zu Wallfahrtsorten wie Assisi oder Lourdes unterwegs sind, können sie hier eine Kirchenführung unternehmen oder auch einen Gottesdienst feiern.

Nicht nur Katholiken kommen zu den Predigten in die Autobahnkirche, auch Protestanten oder Atheisten nutzen die Chance zur Einkehr. Ökonomische Gottesdienste gibt es in regelmäßigen Abständen. „Manche kommen einfach zur Entspannung“, sagt Zimmer, der auch im Baden-Badener Stadtteil Oos eine Kirchengemeinde betreut. „Die Autobahn steht symbolisch für unsere schnelllebige Zeit.“

„Der Bedarf ist da“

Insgesamt gibt es in Deutschland 44 katholische und evangelische Autobahnkirchen. Wie Georg Hofmeister, Geschäftsführer der Konferenz der deutschen Autobahnkirchen, sagt, dürfte diese Zahl in den kommenden Jahren steigen. „Der Bedarf ist da. Kirchen an der Autobahn bieten ein niedrigschwelliges Angebot und Anonymität“, sagt der Theologe. Jährlich besuche eine Million Menschen die Kirchen an den Autobahnen. In einer Zeit ständiger Erreichbarkeit und wachsenden Zeitdrucks, seien solche Raststätten für die Seele wichtig.

In der Autobahnkirche am Rasthof Baden-Baden sitzt ein junges Paar schweigend auf einer Kirchenbank. Die Sonne scheint durch bunte Fenster, die biblische Szenen zeigen. Beide wirken in sich gekehrt, wollen offensichtlich nicht gestört werden. Aber auch der Blick in das Buch, in das Besucher der Kirche ihre Anliegen eintragen können, ist aussagekräftig. „Danke lieber Gott, dass wir immer gut nach Hause kommen und das alles immer gut geht“, hat ein Reisender geschrieben. Eine Besucherin bittet auf einer Seite mit verschnörkelter Schrift: „Lieber Gott, bitte erlöse mich von meinem finanziellen Drama. Ich flehe dich aus tiefstem Herzen an“.

Solche Zeilen passen zu den Geschichten, die Tobias R. Albert erzählt. Seit acht Jahren arbeitet der 40-Jährige als Messner für die Autobahnkirche. Kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht in der unterirdischen Sakristei arbeitet. Er hält die Kirche technisch in Schuss, hält Gottesdienste, organisiert Termine für Besuchergruppen und führt die Gäste durch den Bau aus Beton, Glas und Holz.

Die Sorgen der Besucher sind Teil von Alberts Leben geworden. Es kommt vor, dass von Heimweh geplagte Lastwagenfahrer dem Messner ihr Herz ausschütten, dass Bettler an der Türschwelle stehen oder verzweifelte Autofahrer mit leerem Benzinkanister in der Nacht klingeln, wie er erzählt. „Auch wenn es anstrengend ist, willkommen sind hier alle.“ dpa

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24.04.2017, 06:00 Uhr

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