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Unternehmen

Vom Baum zum Lattenrost

Eigene Näherei, eigenes Sägewerk, eigener Fuhrpark: Vom rohen Stück Stoff zur Matratze und vom Baumstamm zum Lattenrost produziert Rössle & Wanner Bettsysteme aus einer Hand. Diesen Monat feiert das Mössinger Unternehmen 100-jähriges Bestehen.

24.10.2014
  • TEXT: Moritz Siebert| FOTOS: Ulrich Rippmann

Was können wir an der Vergangenheit denn noch ändern?“, fragt Manfred Greiner, Geschäftsführer von Rössle & Wanner, sofort zurück, wenn man ihn auf die Firmengeschichte anspricht: „Es redet ja auch niemand mehr über die D-Mark.“ Greiners Blick ist in die Zukunft gerichtet. Auf dem Firmengrundstück am Mössinger Nordring wird es allmählich eng. Der Mitarbeiterzuwachs war in den vergangenen Jahren erheblich, der Umsatz hat sich fast verdoppelt. Grundstücksreserven gibt es noch wenige. Sein Vorgänger Hermann Glaser sei weitsichtig gewesen und habe „auf Vorrat gebaut“, sagt Greiner. Eine weitere neue Halle will er vorerst nicht bauen, in einer weiteren bestehenden dafür Logistik, Prozesse und Maschinen optimieren: „Wenn es an Platz mangelt, ist schon oft geholfen, wenn man im Keller aufräumt.“

Im westlichen Bereich auf dem Gelände wird all das produziert, was mit Holz zu tun hat. Hauptsächlich Lattenroste, aber auch Betten. Stapelweise lagert Rohholz vor den Hallen. Im Sägewerk werden Baumstämme zu Brettern gesägt, im Holzbearbeitungszentrum werden die Bretter gehobelt, geschliffen und gebohrt. In Handarbeit setzen die Mitarbeiter die ergonomischen Lattenroste zusammen. Von Produktionsinsel zu Produktionsinsel kann man den Weg vom Baumstamm zum fertigen Lattenrost nachvollziehen. Die Mitarbeiter überprüfen jede einzelne Leiste auf ihre Qualität. Schon wegen eines Asts von einem halben Zentimeter Durchmesser wird ein Stück Holz aussortiert. „Holz ist halt ein Naturprodukt“, sagt Greiner, „und unsere Produkte sollten über Jahrzehnte halten.“ Während andere Firmen Produktionsabläufe auslagern, hat Rössle & Wanner die Produktionstiefe und die Fertigungskompetenz am Standort in Mössingen erhöht. Greiner kennt alle Mitarbeiter persönlich und begrüßt alle mit Handschlag. Einige begrüßen ihn mit „Hallo Chef“. Er nennt seine Mitarbeiter auch nicht Mitarbeiter, sondern Zusammenarbeiter. „Wir pflegen das Prinzip der offenen Tür. Wenn was ist, erledigen wir das direkt.“

In den östlich gelegenen Fabrikhallen rattern die Näh- und Steppmaschinen. In der Abteilung „Textile Fertigung“ vernähen Mitarbeiter Wolle oder Fleece mit Stoff und Reißverschlüssen zu Matratzenhüllen. In der Matratzenkleberei werden Schaumstoffkomponenten mit Federkernen zusammengeführt – alles passiert an ergonomisch gestalteten Arbeitsplätzen. „Wir können ja keine ergonomischen Produkte herstellen und dabei die Gesundheit der eigenen Leute gefährden.“ Die Schaumstoffe haben einen hohen Anteil an biologischen und ökologischen Komponenten, zum Beispiel Soja-Öl. Mehr wird aber nicht verraten.

Im mittleren Firmengebäude sind Hochregallager und Vertrieb angesiedelt, außerdem ein Seminarbereich für Händlerschulungen und ein Ausstellungsraum. Matratzen, Betten und Lattenroste gehen direkt von Mössingen aus zu den Fachhändlern, die überwiegend in Deutschland, aber auch in der Schweiz, in Holland, in Dänemark und Übersee sitzen. Auch den Transport übernimmt Rössle & Wanner zum größten Teil mit eigenem Fuhrpark.

Alles selber machen – ist das die Philosophie? Von einer Philosophie will Greiner nicht sprechen. „Die Philosophie überlassen wir Philosophen. Wir haben eine Strategie“, betont er. Natürlich könne man alles zukaufen und Produktionsabläufe auslagern. Aber: „Wenn wir es selber machen, haben wir die Qualität im Griff.“

Handarbeit und Produktionstiefe sind typische Merkmale von Röwa. Aber das strategische Ziel sei die durchgängige und authentische Nachhaltigkeit, erklärt Greiner. Und die betreffe sowohl den Standort und die Produkte, als auch die Produktion und die Unternehmensführung. Rössle & Wanner versucht zum Beispiel so lokal wie möglich einzukaufen. Stoffe kommen nur dann, wenn es nicht anders geht, aus dem Ausland, das Holz ausschließlich von der Schwäbischen Alb. „Natürlich sind die Buchen in Osteuropa billiger, wir wollen aber die Schwäbischen. Soll man es um die halbe Welt fahren, nur weil es ein paar Cent billiger ist?“ Aussortierte Holzstücke werden nicht weggeworfen, sondern keilverzinkt und verleimt weiterverarbeitet, und etwa für die Herstellung von Bettseiten genutzt. Erst wenn der Rohstoff wirklich nicht mehr anders genutzt werden kann, kommt er zum Brennholz.

Vom Baum zum Lattenrost
Jede Leiste wird auf Qualität überprüft und einzeln in den Lattenrost eingesetzt (oben). Auch die Matratzen entstehen in Handarbeit: Näherinnen fertigen die Matratzenhüllen an (unten links). Kleines Bild rechts daneben: Geschäftsführer Manfred Greiner.

Vom Baum zum Lattenrost
Im Jahr 1914 wurde Röwa gegründet. Links ist ein Bild aus der frühen Firmengeschichte zu sehen. Kennzeichen des Unternehmensist seine Produktionstiefe. Das Holz für die Lattenroste (Bild oben) wird im eigenen Werk zurechtgesägt.

Karl Rössle und Paul Wanner gründeten ihre Firma Rössle & Wanner 1914 in Stuttgart zur Produktion von Stahlfeder-Matratzen. Im Zweiten Weltkrieg zerstörte eine Fliegerbombe das Fabrikgebäude. Nach dem Krieg eröffneten Rössle & Wanner ihr neues Werk und 1957 erweiterte das Unternehmen seine Produktion auf Klappbetten, Liegen und Roste. 1975 wurde die Marke Röwa (wobei die Abkürzung „Röwa“ für das Produkt steht, das Unternehmen heißt heute immer noch Rössle & Wanner) deutschlandweit erfolgreich: Die Stiftung Warentest zeichnete einen Lattenrost mit „sehr gut“ aus. 1994 zog die Firma nach Mössingen und erhöhte die Fertigungstiefe: 1997 baute Rössle & Wanner ein eigenes Sägewerk. Im Jahr 2007 übernahm Manfred Greiner die Geschäftsführung von Hermann Glaser. 2010 eröffnete die Firma ihr Kundenzentrum, 2011 ein eigenes Test- und Entwicklungszentrum. 2013 führte Röwa ein patentiertes Funksystem für motorisch verstellbare Lattenroste ohne Standby-Strom ein. Im Mai 2014 hat Rössle & Wanner als eines von 38 Unternehmen aus Baden-Württemberg die sogenannte WIN-Charta (Wirtschaftsinitiative Nachhaltigkeit) unterschrieben. Die Firma verpflichtet sich damit, Nachhaltigkeitsleitsätze in den Bereichen Ökonomie, Ökologie und Soziales einzuhalten.

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24.10.2014, 12:00 Uhr

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