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Die Wissenschaftler in der Pflicht

Vom Elfenbeinturm auf die Straße

Endlich. Wissenschaftler gehen auf die Straße, um für Fakten und Forschung zu demonstrieren. In 500 Städten weltweit, auch in Tübingen, am heutigen Samstag.

22.04.2017
  • Gernot Stegert

Der „March for Science“ klingt auf Deutsch als „Marsch für die Wissenschaft“ zwar etwas militärisch. Doch in den USA steht „march“ für große gesellschafts-verändernde Demonstrationen, beispielsweise die von Martin Luther King in den 1960er Jahren.

Der Anspruch ist also groß – und muss es auch sein. Denn seit geraumer Zeit werden die Fundamente der Wissenschaft, ja der Demokratie auch in Deutschland angegriffen. „Alternative Fakten“ zu Politik und Physik, Medizin und Medien, Umwelt und Wissenschaft haben Hochkonjunktur. Bei vielen Buchverlagen und auf Wochenend-Seminaren verdienen sich Quacksalber eine goldene Nase. Verschwörungstheorien breiten sich aus, bis ins Tübinger Bildungsbürgertum.

Und wer kämpft gegen politische und andere Esoterik? Wer rüttelt wach, klärt auf, entlarvt die Irrtümer und Lügen? Wer weist auf Fakten und auf Zusammenhänge hin, deckt die egoistischen Interessen und zersetzenden Strategien der vermeintlich Alternativen auf? Politiker und Journalisten, aber nur wenige Wissenschaftler. Professoren, die als Intellektuelle ihre Stimme in den Debatten der Republik erheben, gab es noch in den 1980er Jahren an vielen Fakultäten. Heute herrscht meist Schweigen. Es ist die emsige Stille der Fleißigen mit winzigen Büros im Elfenbeinturm und Vorgarten ihres hochspezialisierten Fachgebiets, den sie mit einem Zaun aus Fachsprache gegen Zutritt gesichert haben. Fehlt nur noch der Gartenzwerg. Nur Polemik? Keineswegs.

Die Eberhard-Karls-Universität schlägt zwar viele Brücken in die Gesellschaft, das Rektorat unterstützt dieses, auch engagieren sich etliche Gelehrte öffentlich, etwa die Redner auf der Demo heute. Doch die meisten halten sich zurück. Da ist die Professorin, die der Zeitung zu einer aktuellen Frage keine Erklärung des Hintergrunds geben will, weil sie selbst dazu noch keine Forschungen veröffentlicht hat – obwohl das Thema zu ihrem Fachbereich gehört. Da ist der Professor, der eine harmlose Frage nicht beantworten will, weil er meint, seine Stellungnahme könnte einen möglichen Drittmittel-Geber verärgern. Da ist der international Referierende, der hierzulande nichts kommentiert, weil er sich in seiner knappen Zeit auf das beschränkt, was zählt: Vorträge, Fachpublikationen und das Einwerben von Geld.

Die Beispiele zeugen von Hasenfüßigkeit und Spezialistentum, aber auch mehr. Appelle an die Einzelnen genügen nicht. Das Wissenschaftssystem setzt die falschen Anreize. Es belohnt möglichst viele Keynotes auf Kongressen, Fachartikel und Drittmittel. Erklären der Forschung in der Öffentlichkeit wird ebenso wenig honoriert wie das Einmischen in gesellschaftliche Debatten. Verständliches Vermitteln schon gar nicht. Der „March for Science“ heute sollte auch in entsprechende Forderungen an die Wissenschaftsminister münden. Denn Aufklärung und Wissenschaft sind so wenig wie die Demokratie selbstverständlich. Sie müssen immer neu begründet, zuweilen gar erkämpft werden.

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22.04.2017, 01:00 Uhr

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