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Kommentar

Vom Fußballfieber infiziert

Fußball ist wie eine Sucht. Fußball schweißt zusammen. Fußball ist sozialer Kitt. Nach dem Algerien-Spiel habe ich mir noch überlegt, meine geklaute Trikolore aus dem Keller zu holen und mit dem Frankreichfähnchen durch den Vorgarten zu laufen.

14.07.2014
  • Ernst Bauer

Nebenan hatte mein Nachbar ein kleines Festzelt für seinen Freundesclub aufgebaut. Franzosen könne er eh nicht leiden, hatte er mir vorher erzählt. Riesen-Deutschlandfahne auf dem Terrassendach. Hinterher haben wir beide gestrahlt, gefachsimpelt wie die Weltmeister.

Spätestens da war ich – ohne fliegende Fahnen – zu Jogis Löwen übergelaufen. Aufgewachsen in einer Zeit, als die Münchner Löwen den Bayern und anderen Bundesliga-Mannschaften noch das Fürchten lehrten. Ähnliches spielte sich in meiner Heimatstadt, der hiesigen Landeshauptstadt, ab, wo ich just in dem Moment zur Welt kam, als unten an der Klinik die feiernden Fans vorbeizogen und brüllten: „Heja-he, VfB!“ Der Verein für Ballspiele war soeben Deutscher Meister geworden. Aus mir wurde ein besessener Höfleswetzer, der natürlich nicht die „Blauen“, die Kickers, sondern die „Roten“, den VfB, verehrte, seit Waldners Zeiten – er konnte den Gento-Hackentrick –, bis hin zu Elber und Cacau; die jetzt erstaunlich eloquent die Ereignisse in ihrem Land, diese fußballerisch so intensiven viereinhalb WM-Wochen vom Spielfeldrand aus kommentierten.

Kindliche Freude, Tränen, Aggression und Regression – was ist nicht wieder alles hochgekocht bei diesen Spielen. Ungeheure Emotionen, und sei es nur zuhause vor dem Fernseher. Wo man dann plötzlich mit den Schweizern mitfiebert, mit den kolumbianischen Kickern jubelt, von Pirlo und Co. bitter enttäuscht ist. Und sich nach fünf Toren der Deutschen nur noch wünscht, dass die Brasilianer endlich auch eins schießen. In den Spielen zuvor wollte man noch die halbe Mannschaft auswechseln, dem Bundestrainer schlaue Ratschläge erteilen.

Als ich ein kleiner Junge war, träumte ich lange davon, wie Pelé die Abwehrreihen umkurven zu können; als „wir“ noch Rumpelfußball spielten. Höttges, Schwarzenbeck und Briegel hießen die Heroen damals, die den Gegner wegholzten. Wer sich die alten Weltmeister-Kicker anschaut in ihren kurzen Hosen, kommt nicht umhin, dem bundesdeutschen Fußball einen gewaltigen Modernisierungsschub zu attestieren. Das gilt auch für die Fankultur.

Neuer, Hummels, Götze heißen die Helden von heute, im Unterschied zu früher, inklusive des eleganten Löw, nun auch von weiblichen Fans vergöttert. Das verleiht dem neuen deutschen Fußball-Nationalismus ein ganz anderes Gesicht. „Spielen wir Kraftfußball?“, fragte übrigens schon der 1954er-Weltmeister Fritz Walter in seinem Grundlagenwerk „So habe ich’s gemacht“. Und kam zu dem Schluss: „Selbst die Brasilianer können nur deshalb zaubern, weil sie auch die Kraft dazu haben.“

Grenzenloser Jubel gestern Abend beim Public Viewing im Anlagenpark und dann auf der Neckarbrücke – „wir“ sind Weltmeister! Auf den Straßen in Tübingen und zuhause im Wohnzimmer zieht wieder der WM-freie Alltag ein. Irgendwie fehlte einem schon was in den Tagen vor dem Finale. Wann geht eigentlich die Bundesliga wieder los?

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14.07.2014, 12:00 Uhr

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