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Unternehmen

Vom Gasthaus zum Geldhaus

Wirtsstube, Weinlokal und Sparkasse mit Bierausschank: Das markante Gebäude der Tübinger Kreissparkasse am Lustnauer Tor stammt aus der Belle Époque und birgt viele Geschichten. Nun renoviert und baut die Kreissparkasse dort für 17,5 Millionen Euro.

24.10.2014
  • TEXT: Madeleine Wegner FOTOS: Unternehmen, Archiv

Ein prächtiges Gebäude ließ der Brauereibesitzer Louis Heinrich im Dreieck von Lustnauer Tor, Österberg- und Doblerstraße errichten. Ab 1909 flossen hier – in der Wirtschaft „Hanskarle“ – Wein und Bier. Ob Bierbrauer Heinrich selbst bald nicht mehr flüssig war, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass er sein Haus nur zwöf Jahre später an die Tübinger Oberamtssparkasse verkaufte. Das Weinlokal im Erdgeschoss wurde zum Direktionszimmer, die Bierhalle zur Schalterhalle umgebaut. Wo zuvor die Pissoirs standen, fand der Tresor seinen Platz.

„Das Gebäude ist in Zeiten umgebaut worden, als Diskretion in der Kundenberatung noch kein großes Thema war“, sagt Klaus Rein vom KSK-Vorstand. Ab 1922 gab es in der Oberamtssparkasse eine große Schalterhalle statt der heute üblichen separaten Beratungszimmer. Der aktuelle Umbau, der vor allem aus brandschutztechnischen Gründen in Angriff genommen wurde, soll auch ein modernes Kundenzentrum bringen. „Wir wollen für unsere Kunden ein schönes Gebäude, das sich gut ins Stadtbild eingliedert. Und das ist mit den Entwürfen der Architekten, glaube ich, gut gelungen“, sagt Klaus Rein. Mitten in der Stadt umzubauen und zu sanieren, „ich glaube, das ist auch ein Bekenntnis der Kreissparkasse zur Stadt“, sagt der Vorstandsvorsitzende Christoph Gögler.

Die Entwürfe stammen von den Tübinger Architekten Danner und Huhn. Der erste Baggerbiss am 24. September im Hof der Kreissparkasse hat den Startschuss zum millionenschweren Bauprojekt gegeben. Drei der vier Gebäude werden komplett neu gestaltet, unverändert erhalten bleibt der historische Bau mit seiner markanten Fassade.

Der Anbau im Hof Richtung Alte Anatomie sei nicht mehr zu retten gewesen, sagt Rein. Hier biss der Bagger als erstes zu. Das Haus aus dem Jahr 1968, das lediglich als Interimslösung gebaut worden war, wird komplett abgerissen. Im Neubau soll unter anderem ein mietbarer Veranstaltungssaal mit Ausblick auf die Dachlandschaft der Tübinger Altstadt entstehen. Die Kundenhalle mit dem Shed-Dach soll komplett erneuert werden. Das vierstöckige Haus im Hof wird ebenfalls abgerissen und zweistöckig neu gebaut. Für die Kundenberatung und -betreuung soll es mehr und modernen Platz geben, viel Licht, einladende Atmosphäre.

Brandschutz, Barrierefreiheit und energetische Sanierung stehen bei den Bauarbeiten im Vordergrund. Die Planung des Bauprojekts war keine leichte Aufgabe: Es gibt nicht viel Platz, die Baustelle hinter dem Eckgebäude ist in der Logistik eingeschränkt. Außerdem waren die Anforderungen in Sachen Brandschutz nicht einfach umzusetzen.

Der Alubau direkt an der Doblerstraße wird vollständig energetisch saniert, dazu soll unter anderem die Fassade ausgetauscht werden. Nach Abschluss der Arbeiten will die Kreissparkasse kräftig sparen: 30 Prozent bei der Fernwärme und zehn Prozent beim Strom. Ziel des Vorstands sei eine Kostenersparnis durch die energetische Sanierung von 20 Prozent, sagt Jürgen Ferber, der im Vorstand der Kreissparkasse für die Baumaßnahme verantwortlich ist. 17,5 Millionen reine Bau- und Planungskosten sind kalkuliert. Die Hälfte der Aufträge wurde bereits an Betriebe aus der Region vergeben. Zwei bis zweieinhalb Jahre sollen Um- und Neubau dauern.

Die markante Fassade zum Lustnauer Tor hin hat im Laufe der Geschichte oft ihr Gesicht verändert. Vielfach bauten die Eigentümer das mächtige Gebäude um, zeitweise verschwand das Fachwerk unter Putz, die alte Fassade veränderte sich fast zur Unkenntlichkeit. Bei der letzten Sanierung 1988 orientierte man sich wieder am alten Gepräge. In diesem Stil präsentiert sich das Haus noch heute.

Auch die Eigentümerin, die Tübinger Kreissparkasse, hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Sie wurde ursprünglich als Privatsparverein gegründet. Doch die Gründer hatten von Anfang an damit gerechet, dass ihr Verein über kurz oder lang doch zu einer öffentlichen Sparkasse würde: Sie hatten bereits satzungsmäßige Vorkehrungen getroffen. Am 17. August 1854 war es dann soweit, die Kreisregierung hatte die Umwandlung endgültig genehmigt, der Verein wurde zur Oberamtssparkasse.

Um die Jahrhundertwende kaufte die Sparkasse einen Bauplatz in der Mühlstraße und ließ 1901/1902 für 126 000 Mark ein Verwaltungsgebäude errichten. Das erwies sich schon bald als zu klein. Man hatte sich zunächst damit beholfen, eine Beamtenwohnung als Kanzleiräume zu nutzen. Doch auch das reichte nicht. Also kaufte die Sparkasse 1921 das Brauerei-Haus.

Riesige Geldmengen wurden in den Anfangsjahren in der Bank verbucht. So waren im Inflationsherbst 1923 die Einlagen auf über 31 Trillionen Reichsmark gestiegen, eine Zahl mit 15 Nullen. Sechs Jahre später heißt es in der Jubiläumsschrift zu 75 Jahren Oberamtssparkasse: „Der verhältnismäßig einfache Geschäftsbetrieb der Oberamtssparkasse hat im Laufe der letzten zehn Jahre den Wünschen der Kundschaft und dem öffentlichen Bedürfnis entsprechend, einem bankähnlichen Betrieb Platz gemacht, dadurch, dass die Sparkasse dazu überging, den bargeldlosen Zahlungsverkehr, d.h. Scheck- und Überweisungsverkehr einzuführen (...).“ Mit der Umwandlung der alten Oberämter in Kreise im Jahr 1934 erhielt die Oberamtssparkasse den Namen, den sie auch heute trägt: Kreissparkasse. Und zwar eine mit Gasthaus-Lizenz. Bis in die 1940er Jahre behielt die Kreissparkasse die Gepflogenheit aus der Anfangszeit im Neubau bei, einmal im Jahr Bier auszuschenken. So behielt sie ihre Gasthaus-Lizenz.

Doch wuchs die Kreissparkasse auch weiterhin, sodass zusätzliche Gebäude nötig wurden. Bei umfangreichen Bauarbeiten von 1967 bis 1977 kamen neue Gebäude hinzu. Der letzte grundlegende Umbau erfolgte zwischen 1986 und 1989. Nur eines wird sich vermutlich kaum noch verändern: die Fassade aus der Belle Époque. Sie steht mittlerweile unter Denkmalschutz, muss also in ihrer Form erhalten bleiben. „Und das ist auch gut so“, sagt Rein.

Vom Gasthaus zum Geldhaus

Vom Gasthaus zum Geldhaus
Die Kreissparkasse lässt ihr altes Kundenzentrum abreißen. Dafür wird ein modernes, zweistöckiges nach Entwürfen der Tübinger Architekten Danner und Huhn gebaut.

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24.10.2014, 12:00 Uhr

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