Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Neun tödliche Sekunden

Vom Handy abgelenkte Autofahrerin zu Bewährungsstrafe verurteilt

Auf gerader Strecke schnell ein, zwei Kurznachrichten schreiben - und am Ende ist ein Radler tot. Eine 21-jährige Autofahrerin ist nun verurteilt worden. Vor dem Gefängnis bewahrte sie nur das Jugendstrafrecht.

20.11.2015
  • ROLAND MÜLLER

Stuttgart Neun Sekunden Unaufmerksamkeit waren es am Ende, die über Leben und Tod eines 47-jährigen Familienvaters entschieden haben. Neun Sekunden, in denen eine 19-jährige Autofahrerin nicht auf die Straße blickte - sondern auf dem Handy Kurznachrichten per "Whatsapp" verschickte. Die Bundesstraße bei Renningen (Kreis Böblingen) verlief kerzengerade, laut Gericht kannte die Frau die Strecke "in- und auswendig", es war ein heller, sonniger Augustmorgen.

Dafür, dass die junge Frau die beiden Rennradfahrer übersah, die auf einer Trainingstour waren, fand die Kammer des Stuttgarter Landgerichts am Ende nur eine Erklärung: Sie müsse während der Fahrt vom Handy abgelenkt gewesen sein. Eine extrem grobe Fahrlässigkeit mit entsetzlichen Folgen, wie es laut Gerichtssprecherin in der Urteilsverkündung hieß.

Der Version der heute 21-jährigen Angeklagten schenkte das Gericht keinen Glauben: Sie hatte behauptet, sie habe die beiden nachweislich zum Unfallzeitpunkt versandten Kurznachrichten an einer roten Ampel geschrieben und dann das Handy weggelegt. Plötzlich habe sie aus dem Nichts einen "lauten Schlag" verspürt und sei danach in Panik weitergefahren. Für den 47-Jährigen, der frontal von ihrem Wagen erfasst wurde, kam jede Hilfe zu spät, sein Trainingspartner wurde schwer verletzt.

Strafrechtlich wiegt der Fall schwer: Die 21-Jährige wurde gestern nicht nur wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung sowie Unfallflucht verurteilt - sondern auch wegen versuchten Mordes durch Unterlassen. Das Urteil fiel dafür eher milde aus: Zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung, als Auflagen wurden zudem eine Psychotherapie und Arbeitsstunden verhängt. Die Kammer habe sich bei einem Urteil "noch nie so schwer getan", gab die Vorsitzende Richterin bei der Verkündung zu.

Dass die Angeklagte nicht ins Gefängnis muss, liegt daran, dass die Kammer Jugendstrafrecht anwandte. Die 21-Jährige habe eine "kindlich-naive Persönlichkeitsstruktur" und eine Reifeverzögerung. Auch die persönlichen Umstände dürften eine Rolle gespielt haben: Die junge Frau hat vor vier Monaten ein Kind bekommen, das bei einer Haftstrafe mit ins Frauengefängnis hätte einziehen müssen.

Dass Unfallflucht zu einer Mordanklage führen kann, ist nicht ungewöhnlich: Wenn die Flucht dazu dient, die eigene Schuld zu vertuschen, wird das als "niedriger Beweggrund" im Sinne des Mordparagraphen gewertet. Entscheidend dafür ist ein BGH-Urteil von 1991. "Die Kammer ging davon aus, dass die Angeklagte billigend in Kauf genommen hat, dass ein Radler sterben kann, wenn er nicht sofort versorgt wird", sagt die Sprecherin.

Ist nachweisbar, dass das Opfer überlebt hätte, wenn der Täter nicht geflohen wäre, ist gar eine Verurteilung wegen vollendeten Mordes möglich. In diesem Fall kam das aber nicht in Betracht. "Der Mann wäre auf jeden Fall gestorben."

Vom Handy abgelenkte Autofahrerin zu Bewährungsstrafe verurteilt
Nur schnell eine Nachricht schreiben: Am Steuer gibt es laut vielen Studien kaum etwas Gefährlicheres. Einen 47-Jährigen kostete es das Leben. Foto: dpa

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

20.11.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball