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Wohnraummangel

Vom Massenlager zum Wohnluxus

Die frühere Tübinger Thiepval-Kaserne war in den 1980ern und 90ern eine der großen Sammelunterkünfte im Land. Heute bietet das Haus noble Appartements.

29.04.2017
  • MADELEINE WEGNER

Tübingen. Große, lange Flure, hohe Decken, Stockbetten. Manche Bewohner hatten Tücher aufgehängt, um sich zumindest etwas Privatsphäre zu verschaffen.“ So erinnert sich Wolf-Dietrich Hammann an die Tübinger Sammelunterkunft in den 1980ern. Bilder, wie man sie auch aus den Jahren 2015 und 2016 im Kopf hat. Zeiten, in denen die Wohnungsnot besonders groß war, gab und gibt es immer wieder. Vom Sammellager für Asylbewerber über das Wohnheim für Spätaussiedler bis hin zum besetzten Haus und zu luxuriösen Eigentumsappartements: Das Thiepval-Areal erzählt im Laufe von über 170 Jahren ganz unterschiedliche Geschichten vom Wohnen.

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Wohnungsnot groß, auch in Tübingen. Die Stadt ließ deshalb 1919 fast 50 Familienwohnungen im Hauptgebäude der ehemaligen Thiepval-Kaserne einrichten. 1934 mussten die Bewohner wieder raus, um der Wehrmacht Platz zu machen. Nach dem Krieg ist hier die französische Armee stationiert. Sie zieht im Mai 1978 ab.

Fast täglich für Schlagzeilen sorgt im Sommer 1980 eine Gruppe von Studenten, Arbeitern und Lehrlingen: Sie hat das ehemalige Offizierskasino neben dem Thiepval-Hauptgebäude besetzt. Es war der Anfang des Wohnprojekts „Schellingstraße“, das bis heute besteht.

Wegen zu hoher Kosten hatte man die Pläne, in der großen ehemaligen Kaserne ein Studentenwohnheim einzurichten, verworfen. Am 22. April 1981 ziehen in das notdürftig hergerichtete Gebäude die ersten Asylsuchenden ein. Es sind überwiegend junge College-Absolventen aus Indien, deren Antrag auf Asyl abgelehnt wurde.

Im Sommer kommen 130 Menschen aus 16 verschiedenen Nationen an. Im Februar 1982 ziehen zusätzlich 328 Männer, Frauen und Kinder aus Osteuropa ein. Mit bis zu 500 Bewohnern ist die ehemalige Kaserne eine der großen Sammelunterkünfte im Land. Weitere gibt es in Rastatt, in Göppingen, mit der Ypern-Kaserne in Horb und der Jäger-Kaserne in Konstanz. Es wird schnell deutlich, welche Probleme diese Art der Sammelunterbringung mit sich bringt. „Es war immer ein bisschen auch unser Sorgenkind“, sagt Hammann. Der heutige Ministerialdirektor am Sozialministerium war vor drei Jahrzehnten regelmäßig auf dem Kasernen-Gelände. Bei der Landespolizeidirektion war der junge Jurist zu der Zeit unter anderem für Ausländerrecht zuständig.

Es gab gewalttätige Konflikte, Diebstahlkriminalität und zeitweise gar Prostitution. „Probleme, die man damals in dem unübersichtlichen Gebäude der Thiepval-Kaserne eher hatte, als heute etwa in dem weitläufigen Kasernengelände in Meßstetten, wo man bei einer Vielzahl von kleineren Gebäuden konfliktträchtige Gruppen viel leichter trennen kann und wo man nicht so eng aufeinander sitzt“, sagt Hammann. 1989 wird das Sammellager in ein „Wohnheim für Spätaussiedler“ umgewandelt. Die Wohnbedingungen sind jedoch nur unwesentlich besser. 1995 wird es Übergangswohnheim.

Die Zäune sind verschwunden

Mit ähnlichen Herausforderungen beschäftigt sich heute Axel Burkhardt. Zusammen mit Julia Hartmann ist er Wohnraumbeauftragter der Stadt Tübingen und entwickelt Konzepte, um mangelndem Wohnraum zu begegnen. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat er sich vor allem um die Anschlussunterbringung geflüchteter Menschen gekümmert. „Ziel war es, 1500 neue Bürger in einer Stadt mit angespanntem Wohnungsmarkt unterzubringen“, sagt Burkhardt. „Es war klar, dass neue Wohnungen gebaut werden müssen.“ Und diese sollen möglichst über die Stadt verteilt sein: „Das hat integrationspolitisch große Vorteile.“ Langfristiges Ziel sei, dauerhaft kostengünstigen Wohnraum zu schaffen.

Großen Wohnraumbedarf gibt es im Laufe der Jahrzehnte immer wieder. Doch was hat man aus der Zeit damals gelernt für heute? „Ohne Kasernen hätten wir die vielen Menschen nicht unterbringen können“, sagt Hammann. Das gilt für damals wie für die Jahre 2015 und 2016. Aus Sicht des Ministerialdirektors ist die Thiepval-Kaserne als große Sammelunterkunft aber auch ein erster Schritt gewesen, das Asyl-Verfahren zu beschleunigen. „Es war eine ähnliche Situation wie 2015. Die Menschen sollten im Idealfall nicht länger als zwei Monate in der Erstaufnahmestelle bleiben. Das hat man schon damals versucht“, sagt Hammann.

Heute sind die Zäune auf dem ehemaligen Exerzierplatz verschwunden. In der früheren Kaserne sind lichtdurchflutete, luxuriöse Wohnungen, ein paar Büros und – auf 4100 Quadratmetern im Ostflügel – das Finanzamt untergebracht. In direkter Nachbarschaft haben es die Nachfolger der ehemaligen Hausbesetzer geschafft, das Gebäude in die Selbstverwaltung zu führen. Und gegenüber, auf der anderen Straßenseite, leben 100 Geflüchtete in einer Erstunterkunft.

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29.04.2017, 06:00 Uhr

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